Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Unter der Haut

Von Giulia Bernardi

Installation view, Marianna Simnett, Faint with Light, 2016, Kunsthalle Zürich, 2019. Foto: Annik Wetter

Ein Gefühl von Ekel macht sich breit, nimmt meinen Körper ein. «Schau nicht hin», flüstere ich mir zu. Ich tu es trotzdem. Die Szenen sind abstossend – und doch üben sie eine makabre Anziehungskraft aus. Ich schaue hin, während ein Chirurg eine Spritze in den Kehlkopf eines Jungen stösst; langsam penetriert die spitze Nadel die zarte Haut. Ich schaue hin, während eine Kakerlake zwischen die Beine einer Patientin krabbelt – direkt in ihren Unterleib. Die abscheulichen Bilder brennen sich auf der Netzhaut ein, das krabbelnde Geräusch bahnt sich seinen Weg durch den Gehörgang. «Hör nicht hin!» Zu spät.

In der Videoinstallation «Blood in My Milk», die derzeit in der Kunsthalle Zürich zu sehen ist, spielt die britische Künstlerin Marianna Simnett mit Faszination und Ekel, stülpt das Innere nach aussen: die tief sitzenden Ängste vor der eigenen Verwundbarkeit, der eigenen Machtlosigkeit. Wir versuchen ihnen zu entfliehen, optimieren unsere Körper mit Fitnessprogrammen und medizinischen Eingriffen, verändern Erb- und Gedankengut in der Hoffnung, jene Freiheit zu erlangen, die uns noch verwehrt bleibt.

«Make my voice low like the boys’», fordert Simnett als Protagonistin ihrer eigenen Filme den Chirurgen auf. Geht nicht, antwortet der; ihr weiblicher Körper sei leider nicht dafür geeignet, die Stimme tiefer klingen zu lassen.

«Blood in My Milk» ist ein groteskes Wechselspiel von Macht und Ohnmacht, Utopie und Dystopie: Während wir damit beschäftigt sind, uns von Zwängen und Ängsten zu befreien, merken wir nicht, dass wir dabei stets die Ratten in unserem eigenen Labor sind. Nie sehen wir das ganze Bild, ziehen stets die eine Perspektive der anderen vor, was Simnett auch auf visueller Ebene verdeutlicht. Ihre raumgreifende Videoinstallation setzt sich aus vier Filmen zusammen, von denen Fragmente auf mehreren Screens zu sehen sind. Ein Wirrwarr aus Erzählsträngen, aus Bildern und Stimmen, in dem wir uns mittendrin befinden, in dem wir umherirren. Wie die Ratte in ihrem Labyrinth.

Die Ausstellung «Lab Rats» mit der Installation «Blood in My Milk» ist bis am 9. Februar 2020 in der Kunsthalle Zürich zu sehen. www.kunsthallezurich.ch

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