Nr. 05/2020 vom 30.01.2020

Die Fäden des «Daig»

Fritz und Paul Sarasin waren Naturforscher, Abkömmlinge des Basler Patriziats und ein Liebespaar. Wie stark ihre Arbeit mit dem Kolonialismus verbunden ist, zeigt Bernhard C. Schär in seiner Dissertation, die nun in Basel für die Bühne adaptiert wurde.

Von Alice Galizia

Komplizierte Verstrickungen im cleanen Bühnenbild: Szene aus «Wiederauferstehung der Vögel» im Theater Basel. Foto: Kim Culetto

«Wir brauchen neue Fäden», sagt der Seidenbandfabrikant Karl Sarasin zu seinem Sohn Paul, er solle nach Schanghai, um dort eine Handelsniederlassung zu gründen. Eine Raupenseuche bedroht die Produktion, es braucht neue Quellen, um das Geschäft der Sarasins erhalten zu können.

Aber die «neuen Fäden» beziehen sich ganz offensichtlich nicht nur auf den feinen Stoff, der unter anderem das Basler Patriziat im 19. Jahrhundert sehr reich machte, sondern auch auf die Beziehungen, die die Familie Sarasin in die Welt hatte, zu Grossmächten und zu deren Kolonien. Dabei steht die Familie aus dem Basler «Daig», der Stadtbasler Oberschicht, exemplarisch für die Schweizer Beteiligung am Kolonialismus. Wie stark involviert Familie Sarasin darin war, das zeigt Bernhard C. Schär in seiner Dissertation «Tropenliebe» anhand der beiden Naturforscher und Grosscousins Fritz und Paul Sarasin. Im Theater Basel wird die Geschichte nun als «Wiederauferstehung der Vögel» auf der Bühne erzählt.

Die Szene mit Paul und seinem Vater bildet den Anfang des Stücks. An einem langen Tisch sitzen auch Pauls Mutter und seine Schwester, auch Fritz ist da, und die beiden noch jungen Männer versuchen, der Familie zu erklären: Wir wollen nicht nach Schanghai, wir wollen in die Tropen, um dort zu forschen. Das minimalistische Bühnenbild mit dem weissen Licht lässt die Szene fast klinisch anmuten und illustriert die familiäre Enge, in der sich die beiden befinden. Fritz und Paul waren auch ein Liebespaar, doch war es kaum möglich, diese Leidenschaft im protestantisch-konservativen Basler Patriziat auszuleben. Wohl auch deshalb: weg von hier, in die Tropen, wo die Freiheit, zu lieben, für die beiden grösser war.

Wie Kinder ohne Sünde

Koloniale Verstrickungen, Familiengeschichte, eine Liebe zwischen zwei Männern: Schärs Buch ist vollgepackt mit Information. Wie bringt man einen so vielschichtigen Stoff auf die Bühne, ohne das Publikum zu erschlagen? Thiemo Strutzenberger hat sich für eine Zweiteilung entschieden, die einen Bogen spannt von der Familienszene in Basel bis zu einer Expedition um 1900 auf Celebes, der heutigen indonesischen Insel Sulawesi, 25 Jahre später. In Celebes haben die beiden unter anderem Natur und Menschen erforscht und vermessen, haben Tiere und Knochen, auch solche aus ausgehobenen Menschengräbern, zurück nach Basel gebracht.

Paul und Fritz sprechen in diesem Stück kaum miteinander, in Celebes sind sie in zwei Gespräche vertieft, die zu verschiedenen Zeitpunkten spielen. Fritz spricht mit dem Missionar Adriani über die Vereinbarkeit von Darwins Evolutionstheorie mit dem Christentum, eine Frage, die die beiden Sarasins während ihrer Forschung immer wieder beschäftigt hat; Paul befindet sich mit dem Kolonialbeamten Brugmann im Dschungel. Pauls Sorge um den zu dieser Zeit kranken Fritz wird dabei von der sexuellen Spannung zwischen ihm und Brugmann überlagert. Sie entlädt sich nie – und ist so auch Symbol für die ständige Anspannung, die in diesem beklemmenden Stück herrscht.

In der Beziehung zwischen Brugmann und Paul klingt an, dass die Sarasins auf ihren Reisen auch ein erotisches Interesse an den Einheimischen hatten. Brugmann ist ein «Halbziviler», wie Paul es nennt, mit einem niederländischen Elternteil und einem aus Celebes. Schär zitiert in diesem Zusammenhang einige Textstellen der Sarasins, die den erotischen Blick auf junge Männer in Celebes wiedergeben. Das Machtgefälle, das dieser Beziehung eingeschrieben ist, zeigt sich auf der Bühne etwa in Pauls überheblicher Beschreibung der Menschen auf Celebes, die wie Kinder ohne Sünde seien; naiv und unberührt, als wäre die Zeit im Paradies stehen geblieben.

Verheddern ist erwünscht

Und die Vögel? Die sind im Stück drei in goldene Kleider und Federboas gewandete Figuren, die im Hintergrund gurren, singen und schreien. Sie wirken surreal in diesem so cleanen Bühnenbild und funktionieren gut als Kontrast zum sehr dichten Text und der stark rhythmisierten Sprache. Manchmal übernehmen die Vögel auch eine erklärende Funktion, wenn sie sich in ein Gespräch auf Metaebene begeben: Was passiert hier eigentlich genau? Das mag für das Stück praktisch sein, das mit seinen unterschiedlichen Ebenen doch ziemlich komplex ist, aber es ist auch etwas bemüht.

Abgesehen davon verzichtet die Inszenierung aber auf lange Erklärungen. So macht es den Eindruck, dass es durchaus erwünscht ist, sich in den vielen Fäden der schweizerischen kolonialen Beteiligung zu verheddern: Es ist nun einmal kompliziert, also stellen wir es auch als kompliziert dar. Das ist gut so – und trotzdem empfiehlt sich zumindest ein Gang durch die dazugehörige Ausstellung im Foyer, um sich vor der Aufführung noch etwas Kontext abzuholen. Das Unbehagen, das beim Nachdenken über die Kolonialgeschichte der Schweiz entsteht, bekommt man im Theatersaal dann gratis dazu.

«Wiederauferstehung der Vögel» von Thiemo Strutzenberger im Theater Basel. Weitere Daten: www.theater-basel.ch.

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