Nr. 11/2020 vom 12.03.2020

«Das Lamm braucht deine Liebe»

Das linke Onlinemagazin «Das Lamm» steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Die Redaktion gibt sich unverzagt.

Von Valerio Meuli

Anlässlich seiner letzten Aktionärsversammlung veröffentlichte der Rohstoffkonzern Glencore ein Werbevideo. Im Stil eines Blockbustertrailers erzählt es von Nachhaltigkeit und porträtiert glückliche Angestellte in Südafrika oder Kolumbien, denen dank des Unternehmens neue Lebenschancen eröffnet wurden. Eine höchst eigenwillige Interpretation von Konzernverantwortung, wie sie die Initiative erreichen will. In einem Text, der als klassische Filmkritik aufgebaut ist, zerpflückt das Onlinemagazin «Das Lamm» die Glencore-PR denn auch mit viel Ironie und Hintergrundwissen über die Verfehlungen des Konzerns. Ob solche Texte weiterhin publiziert werden können, ist unklar. Denn dem Magazin geht es finanziell schlecht. «Das Lamm braucht deine Liebe» – das erfährt, wer sich auf das Portal begibt.

Politischer geworden

Seit zehn Jahren gibt es «Das Lamm» nun schon. Zu Beginn war es ein Blog, den ein paar FreundInnen unentgeltlich betrieben. In den Texten ging es hauptsächlich um Konsumkritik und andere Fragen der Nachhaltigkeit. «Vor zwei Jahren haben wir uns professionalisiert», erzählt «Lamm»-Ko-Chefredaktor Lukas Tobler: Zwei Ko-ChefredaktorInnen teilten sich ein Hundertprozentpensum, zwei Redaktionsmitglieder waren zu je zwanzig Prozent angestellt, und die sechzig Prozent der Geschäftsstelle übernahmen zwei weitere Personen. Neben den eigenen Löhnen bezahlte «Das Lamm» auch die Beiträge der freien JournalistInnen. «Alles in allem waren das etwa 8000 Franken im Monat», so Tobler. Seit Mai 2019 gibt es beim «Lamm» ein Mitgliedschaftssystem – wer 9 Franken pro Monat oder 99 Franken für ein Jahresabo zahlt, ist dabei. Zudem hat man ein neues Zahlungsmodul eingeführt, das LeserInnen automatische Zahlungen ermöglicht.

Im Zug der Professionalisierung in den letzten zwei Jahren wurde auch das Themenspektrum des Magazins erweitert. «Wir wurden politischer», so Tobler. Doch mit dem Umschwung kamen Probleme: «Das Lamm» konnte seine Ausgaben 2019 immer weniger decken, im Dezember stand man vor einem Defizit. Trotzdem gibt es das Magazin im neuen Jahr noch. Möglich ist das aber nur, weil gespart wurde: In der Ko-Chefredaktion strich man vierzig Stellenprozente, in der Geschäftsstelle zwanzig. Ausserdem hat die Redaktion ein sogenanntes flexibles Lohnmodell eingeführt, was bedeutet, dass die Löhne – ausser derjenige der Ko-Chefredaktion – direkt an die Einnahmen gekoppelt werden.

Weiterhin keine Werbung

Die bittere Ironie der Geschichte liegt auf der Hand. Ein linkes Onlinemagazin – das auf seiner Website weder Werbung schaltet noch Artikel hinter eine Paywall stellt, sondern von Spenden lebt – kämpft um seine finanzielle Existenz und ist gezwungen, auf Konzepte aus dem Repertoire neoliberaler Prozessoptimierer zurückzugreifen.

Das soll jedoch kein Dauerzustand sein, die Redaktion habe sich entschieden, bis April mit den gekürzten Stellenprozenten und dem neuen Lohnmodell weiterzuarbeiten, sagt Tobler. Dann werde man darüber diskutieren, ob man das Magazin in dieser Form überhaupt noch weiterführen könne. Am wichtigsten sei, dass man mehr Mitglieder gewinnen könne, die regelmässig Beiträge zahlen. Das gäbe der Redaktion mehr Planungssicherheit. «Die Gefahr ist momentan jedoch real, dass wir wieder auf Freiwilligenbasis arbeiten müssen», so Tobler. Dies würde bedeuten, dass man weniger Zeit für Recherchen hätte, dass Leute abspringen und man weniger Inhalte bieten könnte. Gleichzeitig sei klar, dass sie das Magazin in irgendeiner Form weiterführen möchten. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns auflösen», sagt Tobler. «Es ist wichtig, dass es in der Schweizer Medienlandschaft unabhängige, linke Magazine gibt.» Auch am Verzicht auf Werbung und Paywall wolle man festhalten.

Während sich Glencore also um Schönfärberei im Stil der Traumfabrik Hollywood bemüht, ist auf der «Lamm»-Redaktion der Idealismus noch nicht verloren gegangen. «Unsere Lage war schon immer prekär. Wir schwanken stets zwischen Fatalismus und Hoffnung», sagt Tobler. Und nicht zuletzt habe die Professionalisierung auch zu besseren Texten geführt.

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