Nr. 11/2020 vom 12.03.2020

Das ewige Warten der Bundesanwaltschaft

Der Schweizer Xavier Justo trug massgeblich dazu bei, dass der grösste Betrugsskandal des letzten Jahrzehnts aufflog. Der Whistleblower musste für seine Enthüllungen um den malaysischen Staatsfonds 1MDB einen hohen Preis bezahlen: Er sass im Gefängnis, wurde erpresst und mit hinterhältigen Methoden zum Täter gemacht.

Von Daniel SternMail an AutorIn (Text) und Marcel Bamert (Illustrationen)

Xavier Justo ist ein Whistleblower. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Industriespionage. Dabei hat er zur Enthüllung des grössten Betrugsskandals des letzten Jahrzehnts beigetragen: 2015 übergab er der britischen Journalistin Clare Rewcastle Brown vertrauliche Firmendaten. Sie belegen mutmasslich illegale Geldflüsse zwischen dem malaysischen Staatsfonds 1MDB und dem Genfer Unternehmen Petrosaudi. Grosse Medien begannen zu recherchieren, Untersuchungsbehörden aus zehn Staaten eröffneten Verfahren. Wegen des 1MDB-Skandals steht seit vergangenem September der ehemalige malaysische Ministerpräsident Najib Razak vor Gericht.

«In Malaysia ist Xavier Justo ein Held», schrieb die NZZ vergangenes Jahr. Doch auch aus dem Land, das dem 53-Jährigen im Herbst 2019 zur neuen Heimat geworden war, musste Justo nun wieder fliehen: Seit dem 1. März ist Najibs Partei aufgrund einer Regierungsumbildung zurück an der Macht – und Justo deshalb in Gefahr. Am 5. März kehrte er mit Frau und Sohn in die Schweiz zurück. Für Justo ist das bloss die neuste Episode einer Odyssee: «Wir haben schon sehr viel gelitten», schreibt er auf seiner Facebook-Seite. «Ich kann nicht riskieren, dass diejenigen, die ich am meisten liebe, erneut leiden.» Tatsächlich musste Justo bereits einen hohen Preis für die Enthüllungen bezahlen. Vieles davon wäre zu vermeiden gewesen, hätte die Schweizer Bundesanwaltschaft früher reagiert.

Eine kleine Firma in Genf …

Xavier Justo wuchs als Sohn spanischer MigrantInnen in Genf auf. Nach Abschluss der Handelsschule stieg er 1987 ins Bankgeschäft ein. 1998 machte er sich als Vermögensverwalter selbstständig. In den nuller Jahren lernte er den gut zehn Jahre jüngeren Tarek Obaid kennen. Obaid ist als Sohn eines saudischen Geschäftsmannes ebenfalls in Genf aufgewachsen. «Er war ein lustiger Typ, sehr gut ausgebildet», sagt Justo am Telefon über ihn. Obaid war gut vernetzt und kannte einflussreiche Leute in Saudi-Arabien. 2006 gründete er zusammen mit dem saudischen Prinzen Turki bin Abdullah Al Saud und seinem britischen Schulfreund Patrick Mahony die Genfer Firma Petrosaudi. «Sie waren alle noch sehr jung und hatten wenig Erfahrung in der Geschäftswelt. Deshalb holten sie mich dazu», sagt Xavier Justo.

Die Firma strebte Beteiligungen im Öl- und Gasgeschäft an. Doch lange Zeit harzte es. Eine Investition in argentinische Ölfelder entpuppte sich als Fehlschlag. Justo sagt, man habe in dieser Zeit nichts verdient. 2009 siedelte Justo nach Asien über und beendete die Zusammenarbeit mit Petrosaudi. Im gleichen Jahr stiess das Unternehmen auf eine Goldgrube: Jho Low, der Berater des neu gegründeten malaysischen Staatsfonds 1MDB, zeigte sich an einer Kooperation mit Petrosaudi interessiert. Das angebliche Ziel des malaysischen Staats war es, durch den Fonds mittels globaler Investitionen hohe Gewinne zu realisieren – und diese an die malaysische Bevölkerung zu verteilen.

Für Berater Low war Petrosaudi die ideale Partnerfirma: «Der Name der Firma wirkte sehr offiziell. Und ein saudischer Prinz als Mitgründer beeindruckte», sagt Xavier Justo. So konnte man in Malaysia die Zusammenarbeit mit dem saudischen Staat suggerieren. Auf einer angemieteten Luxusjacht vor der Côte d’Azur wurde im August 2019 der Deal vorbereitet: 1MDB und Petrosaudi gründeten ein Joint Venture – eine gemeinsame Firma. Petrosaudi brachte dazu ihre Rechte für Ölförderungen in Argentinien sowie Turkmenistan ein, während 1MDB eine Milliarde US-Dollar auf ein Konto der Genfer Filiale der US-Bank J. P. Morgan einzahlte.

Beim Joint Venture ging es den Beteiligten von Anfang an nur um die eigene Bereicherung, wie die beiden «Wall Street Journal»-Journalisten Tom Wright und Bradley Hope in ihrem Buch «Billion Dollar Whale» nacherzählen. Die von Petrosaudi in die gemeinsame Firma eingebrachten Ölförderrechte wurden mit 2,5 Milliarden Dollar Wert mehrfach zu hoch eingeschätzt. Und der 1MDB-Fonds zahlte zusätzlich zur Milliarde auch noch 700 Millionen Dollar auf ein Bankkonto der RBS Coutts in Zürich. Angeblich sollte damit Petrosaudi ein Kredit zurückbezahlt werden. Tatsächlich wurde das Konto aber von 1MDB-Berater Low kontrolliert. Und dieser bediente sich daraus, um ausufernde Partys zu organisieren, Immobilien und eine Jacht zu kaufen sowie Investitionen im Filmgeschäft zu tätigen. Das verschaffte ihm das Renommee, um für 1MDB weitere Deals in die Wege zu leiten, bei denen er und sein Umfeld bis zum Schluss rund 4,5 Milliarden Dollar abzweigten.

Die Petrosaudi-Gründer liessen sich von Low für den windigen Deal mit 1MDB fürstlich bezahlen. Anfang Oktober 2009 flossen vom Konto der Coutts 85 Millionen Dollar an Tarek Obaid. Angeblich handelte es sich dabei um Gebühren, die Obaid für das Zustandekommen des Deals einstrich. Drei Monate später sollen gemäss Wright und Hope weitere 68 Millionen an Obaid geflossen sein. Obaid selber habe von seinem Konto 33 Millionen Dollar an Patrick Mahony und insgesamt 77 Millionen an Prinz Turki überwiesen.

Daten zur Absicherung?

Petrosaudi musste nun aber auch eine reale Geschäftstätigkeit entwickeln. Tarek Obaid rief deshalb Ende 2009 Justo an und bat ihn, beim Ausbau der Firma zu helfen. Justo willigte ein. Er zog nach London und übernahm dort ab Februar 2010 die administrative Leitung der Firma, die in der britischen Hauptstadt neue Geschäftsräume bezog. Justo kümmerte sich unter anderem um die Geschäfte in Venezuela, wo die Firma in die Ölförderung investierte. Doch das Verhältnis zu seinem Freund Obaid verschlechterte sich zusehends. «Er hob völlig ab, machte nur noch Party und nahm Drogen.» Bereits im April 2011 verliess Justo die Firma wieder und zog mit seiner Partnerin nach Thailand, wo sie ein Hotelresort übernahmen.

Petrosaudi beschuldigte Xavier Justo später, dieser habe vor seinem Abgang die Firmendaten kopiert. Justo sagt, er hätte das rein technisch gar nicht gekonnt. Ein Mitarbeiter von Petrosaudi habe sie ihm zwei Monate nach seinem Abgang auf seinen Wunsch hin gegeben. Er habe angesichts der dubiosen Geldquellen von Petrosaudi Beweise in den Händen halten wollen, dass er keinesfalls etwas Unrechtes getan habe.

Auch über das, was zwei Jahre später zwischen Justo und den Petrosaudi-Bossen vorfiel, gibt es unterschiedliche Versionen. Laut Obaid und Mahony versuchte Justo, die Firma mit den Daten zu erpressen. Justo selber sagt, er habe von der Firma 2,5 Millionen Franken verlangt, die ihm noch zugestanden hätten. Doch Petrosaudi habe sich geweigert zu zahlen.

Nichtannahmeverfügung in Bern

2014 hörte die britische Journalistin und Umweltaktivistin Clare Rewcastle Brown Gerüchte, dass Xavier Justo Informationen anzubieten habe. Sie recherchierte schon länger zu 1MDB. «Viele vermuteten schon damals, dass der malaysische Staatsfonds ein Vehikel des Ministerpräsidenten war, um Geld für den nächsten Wahlkampf zu beschaffen, aber man konnte nichts beweisen», sagt sie rückblickend. Schliesslich rief sie Justo an und traf sich mit ihm im Juni 2014 zu einem Abendessen. Justo zeigte ihr eine Art Inhaltsverzeichnis des Petrosaudi-Servers, von dem er eine Kopie hatte. «Ich sah sofort, dass sein Material gut war.» Justo wollte für das Datenmaterial eine finanzielle Entschädigung von rund zwei Millionen Dollar. Rewcastle Brown fehlte jedoch das Geld. Dennoch traf sie sich weitere Male mit ihm. Justo zeigte ihr weiteres Datenmaterial, und sie machte sich Notizen.

Rewcastle Brown wollte den Skandal so schnell wie möglich auffliegen lassen. Sie traf sich deshalb mit MitarbeiterInnen des Schweizer Bruno-Manser-Fonds (BMF), der sich für den Schutz des Regenwaldes einsetzt. Zusammen entschieden sie, die Schweizer Bundesanwaltschaft einzuschalten. Die Rechtsanwältin Monika Roth reichte im Auftrag des BMF am 30. Dezember 2014 eine Strafanzeige gegen 1MDB, Jho Low, Petrosaudi und Tarek Obaid wie auch gegen die Bank Coutts ein.

Diese Anzeige ist bemerkenswert: Noch bevor der 1MDB-Skandal publik wurde, skizziert Roth darin das Ausmass des Bereicherungs-, Bestechungs- und Geldwäschereiskandals. Ganz konkret erwähnt sie zudem das Konto bei Coutts, auf das 1MDB 700 Millionen Dollar eingezahlt hatte. Das Konto sei, so die Anzeige, von 1MDB-Berater Low eröffnet worden. Der Nutzniesser des Kontos sei jedoch der damalige Ministerpräsident Najib; der höchste Staatsbeamte sei folglich auch korrupt. Auch wird in der Anzeige bereits das Joint Venture zwischen Petrosaudi und 1MDB als offensichtliches Täuschungsmanöver analysiert, bei dem eine Geschäftstätigkeit zwischen den beiden Unternehmen fingiert wird. So heisst es in der Strafanzeige: «Es wurden Luftschlösser gebaut, mit erfundenen Berechnungen ‹bestätigt›, und es wurden Kommissionen bezahlt für nichts. Das war das Geschäftsmodell einer organisierten Plünderung.» Zudem machte die Klägerin deutlich, dass ihre Informationen auf einen Whistleblower zurückgingen, der sich grosser Gefahr aussetzte.

Doch die Bundesanwaltschaft dachte nicht daran zu ermitteln. Keinen Monat nach Eingang der Anzeige erliess der zuständige Bundesanwalt, Ruedi Montanari, eine Nichtannahmeverfügung. Der Eingabe seien «keine konkreten strafbaren Handlungen zu entnehmen», sie sei bloss «eine Ansammlung von Schuldzuweisungen». Für Monika Roth ist auf Anfrage «nicht nachvollziehbar», weshalb die Bundesanwaltschaft damals keine Vorabklärungen traf. «Das wäre kein Kunststück gewesen, wir haben ja konkrete Daten geliefert», sagt sie.

FBI ist interessiert

Im Februar 2015 gelang Clare Rewcastle Brown doch noch ein Durchbruch: Sie konnte den Verleger der malaysischen Zeitung «The Edge» überzeugen, die von Justo geforderten zwei Millionen Dollar zu zahlen. Justo übergab daraufhin Rewcastle Brown und «The Edge» die Daten. Das Geld bekam er allerdings erst Jahre später. «Justo war empört darüber, wie sich die Beteiligten von 1MDB und Petrosaudi bereicherten», sagt Rewcastle Brown. Es sei ihm nicht nur darum gegangen, möglichst viel Geld aus den Daten herauszuholen.

Mit Justos Informationen – einer Kopie des Firmenservers von Petrosaudi mit Hunderttausenden E-Mails, Scans und Faxmeldungen – hatte Rewcastle Brown nun Beweise in den Händen. Am 28. Februar 2015 veröffentlichte sie in der britischen «Sunday Times» die wichtigsten Erkenntnisse aus Justos Daten. «The Edge» zog zwei Tage später nach. Die Zahlung der 700 Millionen Dollar auf das Konto der Coutts stand dabei im Fokus der Artikel; sie brachten Ministerpräsident Najib stark in Bedrängnis. Er reagierte umgehend: «Nach Veröffentlichung der Story bekam es die ‹Sunday Times› mit sechs Anwaltskanzleien zu tun und wollte von weiteren Texten zum Thema nichts mehr wissen», sagt Rewcastle Brown. Die Zeitung «The Edge» wurde für drei Monate verboten. Doch ein Bann war gebrochen. Agenten der US-Bundespolizei FBI flogen nach London und befragten Rewcastle Brown. Die US-Behörden begannen zu ermitteln, während man sich bei der Schweizer Bundesanwaltschaft immer noch taub stellte. Und das, obwohl Schweizer Banken und die Schweizer Petrosaudi im Zentrum der Affäre standen.

Petrosaudi geht in die Offensive

Die Untätigkeit der Schweizer Behörden hatte für Justo, aber auch für Rewcastle Brown drastische Konsequenzen. Obaid und Mahony nutzten die Zeit und die eingenommenen Millionen, um Anwälte, PR- und Sicherheitsleute in Bewegung zu setzen. So spannten sie einen angeblichen Experten ein, der behauptete, Rewcastle Brown habe die Firmendaten von Petrosaudi gefälscht. Rewcastle Brown sagt, man habe sie zu dieser Zeit offen beschattet und falsche Facebook-Einträge von ihr produziert.

Xavier Justo wurde – wohl auf Druck der malaysischen Behörden – von der thailändischen Polizei verhaftet. In Bangkok wurde er den Medien als Dieb und Erpresser vorgeführt. Man sperrte ihn zusammen mit fünfzig anderen Gefangenen in eine vierzig Quadratmeter grosse Zelle. An Schlaf sei nicht zu denken gewesen. Doch es kam noch schlimmer: Justo wurde in das Büro des Gefängnischefs geführt, wo Patrick Mahony auf ihn wartete. «Er sagte mir, wenn ich kooperierte, sei ich bis Weihnachten wieder draussen, ansonsten würde ich zehn Jahre in der Zelle schmoren.» Justo hatte keine Wahl. «Mahony hatte die Macht, und das zeigte er mir. Ich musste tun, was er von mir verlangte.» Justo musste ein 22-seitiges fabriziertes Geständnis unterzeichnen.

Petrosaudi überliess nichts dem Zufall. Die Firma stellte via den umtriebigen «Handyman» David Scholberg von der Genfer Sicherheitsfirma KBSD einen Anwalt ein, der sich angeblich für Justo einsetzte: den Strafverteidiger Marc Henzelin von der renommierten Anwaltskanzlei Lalive. Dieser nahm wiederum den Westschweizer PR-Spezialisten Marc Comina in seinen Dienst.

Gegen aussen arbeiteten alle für Justo, doch bezahlt wurden sie von der Gegenseite. Das Skript zum Plot findet sich in einer der WOZ vorliegenden E-Mail von David Scholberg an das Anwaltsbüro Lalive. Henzelin und Comina waren offenbar dazu bestimmt, die Geschichte von Justo als «gierigem ehemaligem Angestelltem» zu erzählen, der «nur an Geld interessiert und von malaysischen Oppositionspolitikern aus politischen Interessen benutzt worden ist».

Getreu diesem Plot übte Comina mit Justo dann auch ein Interview mit einem Journalisten der Singapurer Zeitung «The Straits Times» ein. Darin beschuldigt Justo Rewcastle Brown, sie habe die Daten gefälscht, weil sie die malaysische Regierung stürzen wolle. Die Veröffentlichung des Interviews am 24. Juli 2015 schlug ein wie eine Bombe. Der Text wurde in Singapur gar als «Story des Jahres» prämiert. Petrosaudi und ihre Handlanger hatten es geschafft, den 1MDB-Skandal als Fälschungsmanöver darzustellen.

Nun ging es darum, Justo in der Schweiz zu demontieren: Mario Stäuble, ein Journalist des «Tages-Anzeigers», bekam mithilfe von Comina einen Termin bei Justo. Er flog nach Bangkok und konnte Justo während einer Stunde zusammen mit einem Kollegen von «Le Temps» im Gefängnis befragen. Henzelin war beim Interview anwesend. Auch Stäubles Text war für Justo verheerend. «Ich bin kein Whistleblower, ich tat es aus Gier», hiess es darin. Stäuble sagt im Rückblick, er habe keine Sekunde gedacht, Justo sei unter Druck gesetzt worden. Wegen der begrenzten Zeit sei kritisches Nachhaken schwierig gewesen. «Es war ein Lehrblätz», meint Stäuble im Rückblick.

Justo wurde am 17. August 2015 von einem thailändischen Gericht zu drei Jahren Haft wegen Erpressung von Petrosaudi verurteilt. Seine Kooperation mit dem Unternehmen nützte ihm nichts. Der NZZ-Asienkorrespondent Manfred Rist, der nach dem Urteil schrieb, Justo sei wohl schlecht beraten gewesen, bekam von Marc Henzelin einen Anruf: «Er sagte mir, Justo sei ein kleiner Gauner», erinnert sich Rist. «Er behauptete, alles getan zu haben, damit Justo nicht eine noch viel höhere Strafe erhielt.»

Deal mit der Bundesanwaltschaft?

Marc Henzelin wie auch Marc Comina arbeiteten während mehrerer Monate an dem Fall, wie Rechnungsbelege zeigen, die der WOZ vorliegen. Henzelin stellte Scholbergs KBSD dabei weit über 100 000 Franken Honorar in Rechnung. Comina bekam für seine Aufwendungen insgesamt 39 000 Franken überwiesen. Henzelin will sich zu konkreten Fragen nicht äussern. Er hält per E-Mail allgemein fest, dass er als Anwalt im Interesse seiner Klienten und gemäss ihren Instruktionen handle. An das Gespräch mit Rist könne er sich nicht mehr erinnern. Scholberg reagierte nicht auf E-Mails der WOZ. Comina hält telefonisch fest, dass er immer noch von seiner damaligen Pressearbeit überzeugt sei: «Xavier Justo hat entschieden, den Zeitungen die Wahrheit zu sagen. Ich habe ihm geholfen, es zu tun.»

Mit welch hohen Summen Petrosaudi hantieren konnte, als es darum ging, den eigenen Ruf zu verteidigen, zeigt eine weitere Episode: 2015 und 2016 überwies die Firma insgesamt 2,5 Millionen Franken an das Unternehmen TD International, wie die «SonntagsZeitung» vergangenes Jahr aufdeckte. Die Gelder wurden von der Bundesanwaltschaft eingefroren, nachdem eine Bank die Überweisung der Geldwäschereibekämpfungsstelle des Fedpol gemeldet hatte. Für welche Dienste genau dieses Geld bestimmt war, bleibt bis heute unklar. Klar ist hingegen, was TD International ist und wer dahinter steht: Das internationale Unternehmen ist darauf spezialisiert, Firmen bei Reputationsrisiken beizustehen. Gegründet und geleitet wird TD International von ehemaligen Agenten des US-Geheimdiensts CIA. Teilhaber der Schweizer Tochterfirma ist ausgerechnet der bekannte Schweizer Geldwäschereibekämpfer René Brülhart, der auch als Verwaltungsratspräsident fungiert. Seine Ehefrau Marcella Cotellessa Brülhart übte in der fraglichen Zeit bei TD International die Funktion einer Vizepräsidentin aus. Brülhart ist auch Besitzer der Firma RnB AG, die von Petrosaudi-Mann Tarek Obaid zusätzliche 50 000 Franken überwiesen bekam. Brülhart stand in dieser Zeit im Dienst des Papstes höchstpersönlich und sollte den Vatikan von Korruption säubern. Bekannt ist auch, dass er ein guter Freund von Bundesanwalt Michael Lauber ist.

Die «SonntagsZeitung» spekulierte, Brülhart sei von Petrosaudi benutzt worden, um für Obaid und Mahony einen «Deal» mit der Bundesanwaltschaft auszuhandeln. Dort weist man das allerdings vehement zurück. Justo sagt dazu: «2,5 Millionen ist viel Geld, das bekommt man nicht einfach dafür, einen Bericht zu schreiben. Das Ganze ist für mich sehr seltsam.» Brülhart selber will sich gegenüber der WOZ nicht zu konkreten Fragen äussern.

US-Justiz spricht von Kleptokratie

Letztlich blieb der Versuch, den 1MDB-Skandal zu vertuschen, erfolglos. Clare Rewcastle Brown wurde schon bald nach der ersten Veröffentlichung von Justos Material von anderen Whistleblowern mit neuem Material beliefert. In den USA ging das Justizministerium bereits am 20. Juli 2016 mit Ermittlungsergebnissen an die Öffentlichkeit. Die damalige Justizministerin, Loretta Lynch, sprach von einem eklatanten Fall von Kleptokratie. Die Staatsanwaltschaft eröffnete eine Reihe zivilgerichtlicher Verfahren.

Justo, der mit seinen Informationen massgeblich zu diesen Verfahren beigetragen hat, nützte das allerdings lange nichts. Er sass bis Ende 2016 in Bangkok in Haft. Dank einer allgemeinen Amnestie des Königs kam er schliesslich vor Weihnachten frei und konnte in die Schweiz zurückreisen. Nun interessierte sich auch die Bundesanwaltschaft für ihn. Sie befragte ihn sieben Stunden lang. Justo hoffte, dass die Bundesanwaltschaft nun vorwärtsmachen und gegen Obaid und Mahony ermitteln würde, doch wieder passierte nichts.

Schliesslich reichte Justo eine Strafanzeige ein. Erst jetzt, im November 2017, eröffnete auch die Bundesanwaltschaft selber ein Strafverfahren. Meldungen der Meldestelle für Geldwäschereibekämpfung «und deren Analyse durch die Bundesanwaltschaft» hätten dazu geführt. Das lange Warten ist umso seltsamer, als die Bundesanwaltschaft nach eigenen Angaben bereits im Oktober 2015 gegen zwei Vertreter von 1MDB zu ermitteln begonnen hatte. Wieso wurden die Führungsleute der Petrosaudi so lange verschont? Wieso wurden nicht wenigstens ihre von 1MDB erhaltenen Gelder eingefroren? Schliesslich konnte sich Petrosaudi dank dieser Gelder einen Schutzwall aufbauen. Die Bundesanwaltschaft wollte sich dazu nicht äussern.

Noch erstaunlicher ist: Am 19. November 2018 eröffnete die Bundesanwaltschaft auch gegen Justo ein Verfahren. Dem Whistleblower, der eine entscheidende Rolle bei der Aufdeckung eines schier unglaublichen Korruptionsskandals spielte und der dafür eineinhalb Jahre in Thailand im Gefängnis sass, droht nun in der Schweiz auch noch eine Anklage wegen «Industriespionage».

Finanzplatz duckt sich

Immerhin: Bei der Finanzmarktaufsicht (Finma) ging es schneller. Sie hat abgeklärt, welche Banken in der Schweiz bei der Annahme von 1MDB-Geldern Sorgfaltspflichten verletzt haben. Banken müssten bei hohen Beträgen und politisch exponierten Personen besonders wachsam sein und Herkunft wie Bestimmung von Geldern genau abklären. Am härtesten traf es die BSI. Die Tessiner Bank wurde von der Finma bereits 2016 dazu gedrängt, sich von einer anderen Bank übernehmen zu lassen. Auch weitere Banken haben laut Finma «schwer gegen die Geldwäschereibestimmungen verstossen» und wurden deshalb zwischen 2016 und 2018 gebüsst. So die Falcon Bank, die Coutts, die Rothschild Bank und die Schweizer Niederlassung der J. P. Morgan. Bei der UBS sowie der Bank Edmond de Rothschild wurden Mängel festgestellt und eine Rüge ausgesprochen.

Eine Aufarbeitung der Affäre aus politischer Sicht, insbesondere der Frage, weshalb es in der Schweiz nach wie vor möglich ist, dass Banken im grossen Stil für Korruption und Geldwäscherei benutzt werden können, gab es bislang allerdings nicht. Das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) schreibt dazu lapidar: «Das EFD führt keine Statistik zu spezifischen Sachverhaltskomplexen.»

Justo sieht systemische Gründe, weshalb die Schweiz immer wieder im Zentrum von Geldwäscherei und Korruption steht. Zwar seien die Compliance-Abteilungen auf den Banken massiv ausgeweitet worden, doch letztlich wolle dort kaum jemand seinen Vorgesetzten einen lukrativen Deal vermasseln: «Wenn sie mit einem fragwürdigen Geschäft über eine Million Franken zu einer Bank gehen, werden die sofort die Polizei rufen. Kommen sie aber mit einem Geschäft über eine Milliarde, wird man ihnen gerne zuhören.»

Justo ist überzeugt, dass die Bundesanwaltschaft das Strafverfahren gegen ihn wegen Industriespionage bald einstellen wird. Dazu befragt worden sei er bislang nicht. Ob es in der Schweiz zu einem Prozess gegen Obaid und Mahony kommen wird, bleibt unklar. Malaysia hat jüngst einen internationalen Haftbefehl wegen krimineller Verschwörung und Geldwäscherei gegen die zwei erlassen. Ob dieser mit dem jetzigen Machtwechsel aufrechterhalten bleibt, ist offen. Auf per E-Mail gestellte Fragen der WOZ haben die beiden nicht reagiert.

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