Nr. 11/2020 vom 12.03.2020

«Piñera soll sterben, nicht meine Freundin»

Von der Schülerin bis zur Seniorin: Weit über eine Million Frauen protestierten in Chile rund um den Internationalen Frauentag gegen Gewalt, tiefe Renten und die Regierung. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte einer riesigen Bewegung.

Von Toni Keppeler, Santiago de Chile

«Ich will nicht, dass sie aus meinem Kind eine Prinzessin machen»: An der Demonstration zum Frauentag in Santiago de Chile. Foto: Fernando Lavoz, Getty

Es war ein gewaltiger Auflauf von Frauen: Er füllte die Avenida Bernardo O’Higgins, die achtspurige zentrale Verkehrsachse von Santiago de Chile, über mehr als vier Kilometer. Auch die Seitenstrassen waren so verstopft, dass kaum ein Durchkommen war. An der lauten und kämpferischen Demonstration waren viele chilenische Flaggen zu sehen, aber auch die der Ureinwohner der Mapuche, die seit über 200 Jahren im Widerstand gegen die Regierung stehen.

Vor dem Präsidentenpalast La Moneda und auf der Höhe des Bankenviertels kam es am Rand des Zuges zu Strassenschlachten. Steine und Flaschen flogen in Richtung der Wasserwerfer und der hinter Gittern und Schildern verschanzten Carabineros, der paramilitärischen Polizei. Die setzten nicht nur Wasserwerfer ein, sondern feuerten auch Tränengasgranaten in die Menge. Wäre Panik ausgebrochen, hätte es Dutzende Tote geben können. Doch die Demonstrantinnen blieben gefasst. Seit Mitte Oktober dauern die Proteste gegen Präsident Sebastián Piñera, die Repression und das neoliberale Wirtschaftsmodell an. Szenen wie die vor der Moneda gehören seither zum Alltag.

Mit oder ohne Klamotten

Zwei Millionen Frauen sollen am 8. März allein in Santiago de Chile auf der Strasse gewesen sein, gab das Koordinationskomitee am Abend bekannt. Aus den Provinzstädten wurden weitere Massendemonstrationen gemeldet. Die Carabineros behaupteten, es seien in Santiago gerade einmal 150 000 Frauen gewesen. Eine persönliche Schätzung auf der Basis der Auszählung einzelner Blocks ergab, dass es bestimmt weit über eine Million waren: von Schülerinnen bis hin zu Seniorinnen, die sich auf einen Stock stützen mussten. Viele Demonstrantinnen trugen nur einen BH zur Hose oder zum Rock, etliche hatten sich den Körper mit Parolen bemalt: «Ob mit oder ohne Klamotten, mein Körper gehört mir.»

Transparente waren nur wenige zu sehen, auch gab es keine Abschlusskundgebung mit Reden. Die neue soziale Bewegung Chiles ist spontan und hat keine erkennbaren Figuren an der Spitze. Auch so sind die Forderungen klar: freie Abtreibung, ein Ende der Morde an Frauen und der Rücktritt des Präsidenten. Eine der am häufigsten gerufenen Parolen: «Piñera soll sterben, nicht meine Freundin».

Auch in Buenos Aires, in Mexiko-Stadt, in Bogotá und in vielen anderen Städten Lateinamerikas gingen die Frauen am 8. März zu Hunderttausenden auf die Strasse. In Chile, Argentinien und Mexiko wurde für den 9. März zudem zu einem Frauenstreiktag aufgerufen.

Die neue Frauenbewegung Lateinamerikas begann 2015, erklärt Alondra Carrillo, Sprecherin von Coordinadora 8M, im Gespräch. Damals protestierten in Buenos Aires Zehntausende Frauen mit der Parole «Ni una menos» («Keine Einzige weniger») gegen die Masse von Morden an Frauen. Jeden Tag werden in Lateinamerika zwölf Frauen umgebracht, in Chile mit seinen knapp achtzehn Millionen EinwohnerInnen jeden dritten Tag eine. Bis heute ist ein Ende dieser Femizide eine zentrale Forderung der Demonstrationen am Internationalen Frauentag.

Geduldige Vernetzung

Doch ab 2018 wurde der Fokus breiter. «Wir sind von der reinen Anklage in die Offensive übergegangen und haben die Prekarisierung des Lebens ins Zentrum gestellt», sagt Carrillo. So gehe es zum Beispiel auch um die miserablen privatisierten Renten, die bei Frauen meist unter dem Existenzminimum liegen, weil die Arbeitszeit für Kinderbetreuung oder Hausarbeit nicht anerkannt werde. Auch die politisch motivierte sexuelle Gewalt durch die Sicherheitskräfte wurde zum Thema. Allein seit dem Beginn der derzeitigen Proteste gab es rund 200 Klagen gegen Polizisten und Militärs wegen sexueller Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen.

Für die Vernetzung haben sich die Frauen Zeit gelassen. «Wir sind in die sozialen Bewegungen gegangen, von denen es in Chile unzählige gibt. Aber sie arbeiteten alle aneinander vorbei», sagt Carrillo. Die Frauen von Coordinadora M8 brachten deshalb zu jedem Thema ihre feministische Sicht ein. So gelang es ihnen, die vereinzelten Bewegungen miteinander zu verbinden. «Der Generalstreik sollte keine reine Arbeitsniederlegung sein. Wir wollten, dass er sichtbar ist. Wir wollten mit direkten Aktionen den neoliberalen Alltag stören.»

Der 8. März 2019 wurde zur grössten Massenmobilisierung Chiles seit dem Ende der Diktatur 1989. Dieses Jahr war die Mobilisierung noch viel grösser. Beim Frauenstreik am Montag nach dem Internationalen Frauentag traf man im Zentrum von Santiago alle paar Minuten auf eine Demo. Mal waren es nur ein paar wenige Dutzend Arbeiterinnen einer Firma, mal Hunderte Schülerinnen. In den Fussgängerzonen wurden PassantInnen von Frauen aufgehalten, die sich auf dem Pflaster tot stellten und deren Umrisse abgezeichnet wurden. Und vor einer Niederlassung der Bank von Chile intonierte ein Symphonieorchester die «Hymne der Einheit»: «Ein einig Volk wird nie besiegt!»

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