Gender Studies : Kein Mitleid mit dir, Mann!

Nr.  11 –

Den Männern von heute, heisst es oft, fehle es an positiven Vorbildern. Das ist Unfug. Und wieso muss man die Vorbilder unbedingt beim eigenen Geschlecht suchen?

Als wären die Jungs in den Fünfzigern hängen geblieben: Bild vom «idealen Mann». Foto: © Karlheinz Weinberger, Courtesy Esther Woerdehoff, Paris

Geschlechtergerechtigkeit? Selbstverständlich, finden wir gut und wichtig! Wenn das der Tenor unter jungen Durchschnittsmännern ist, sollte uns das eigentlich zuversichtlich stimmen. Für ihr neues Buch «Boys and Sex» hat die US-Journalistin Peggy Orenstein über einen Zeitraum von zwei Jahren Interviews mit Jugendlichen und jungen Männern in den USA geführt, so, wie sie das zuvor schon mit jungen Frauen gemacht hat, bei ihrem Bestseller «Girls and Sex» (2016). Sie hat diese Männer also über ihre Vorstellungen von Sex, Liebe und männlicher Identität ausgefragt – und über die sozialen Kräfte, die ihr Selbstverständnis als Mann prägen.

Ihre Gesprächspartner waren bei der Befragung zwischen 16 und 21 Jahren alt und von unterschiedlicher sozialer Herkunft. Als Orenstein sich nach ihrer Haltung in Sachen Gleichberechtigung erkundigt, ist sie ziemlich verblüfft, wie einhellig deren Antworten ausfallen: Nahezu jeder der Jungs, die sie befragt, vertritt erfreulich aufgeschlossene Ansichten, was Gleichstellung betrifft – eine «gewaltige Verschiebung» gegenüber früheren Generationen, so fasst die Autorin ihre Beobachtungen in der Zeitschrift «The Atlantic» zusammen. Ob diese Jungs sich genauso selbstverständlich zu diesen Werten bekannt hätten, wenn sie von einem Mann statt von einer Frau befragt worden wären? Das sei mal dahingestellt.

Mitleid kann auch falsch sein

Doch als Orenstein diese genderpolitisch scheinbar progressiven jungen Männer von heute nach den Eigenschaften des «idealen Mannes» fragt, ist sie irritiert. Denn da zeigt sich nun eine eklatante kognitive Dissonanz. Dieselben Jungs kippen dann in alte Schablonen zurück, und es fallen ihnen lauter stereotype Attribute ein, die schon für die Generationen vor ihnen als Inbegriff von Männlichkeit herhalten mussten: Dominanz, Durchsetzungsvermögen, sexuelle Leistungsfähigkeit und dergleichen mehr. In Fragen der Geschlechtergerechtigkeit zeigen sich diese Boys also einigermassen auf der Höhe der Zeit, aber dort, wo sie ihre Vorstellungen vom eigenen Geschlecht reflektieren sollten: der reinste Atavismus, als wären sie in den fünfziger Jahren hängen geblieben.

Wobei das in diesem Fall auch an der Frage liegen könnte. Denn was soll das überhaupt sein, ein «idealer Mann»? Und wozu brauchen wir den?

Wäre nicht eben das ein Zeichen für ein wahrhaft aufgeklärtes Verständnis von Geschlechteridentität: dass wir uns nämlich verabschieden von einem mehr oder weniger fest umrissenen Idealbild, an dem sich jemand «als Mann» oder «als Frau» orientieren müsste?

Zum psychologisch wirksamen Fantasiegebilde des «idealen Mannes» gibt es allerdings eine konkrete Entsprechung in der sozialen Wirklichkeit. Sie heisst «Vorbild» oder, etwas modischer gesagt, «role model». Und jedesmal, wenn irgendwo eine Krise der männlichen Identität beschworen wird, womit in der Regel die Verunsicherung heterosexueller Männer angesichts sich aufweichender Geschlechterverhältnisse gemeint ist, kann man sicher sein: Früher oder später wird zuverlässig die Erklärung bemüht, dass es diesen orientierungslosen jungen Männern eben an «positiven Vorbildern» für neue, zeitgemässe Formen von Männlichkeit fehle. Das ist als Diagnose gemeint, nicht als Entschuldigung. Dabei ist es in erster Linie eine Ausflucht, ein Alibi. Und eine verkappte Aufforderung: Habt Mitleid mit ihnen, sie haben es nicht anders gelernt.

Her mit den negativen Vorbildern!

Einmal abgesehen von der Frage, ob das wirklich stimmt mit diesem Mangel an Vorbildern: Wieso müssen es eigentlich unbedingt «positive» Vorbilder sein? Man kann sich genauso gut – das tun wir andauernd – an negativen Vorbildern orientieren, indem man sich von ihnen absetzt, sie zurückweist und versucht, etwas besser zu machen als sie oder zumindest anders (zum Beispiel, was die Aufteilung von Betreuung und Hausarbeit in einer Beziehung angeht). Erwachsen werden heisst ja immer auch, sich gegen die Generation der Eltern aufzulehnen, manchmal auch gegen die eigene. Wer die angebliche Orientierungslosigkeit der Männer von heute ständig darauf zurückführt, dass es ihnen eben an «positiven Vorbildern» fehle, entmündigt sie nur und schenkt ihnen damit auch einen praktischen Vorwand dafür, dass sie nun mal sind, wie sie sind – halt so, wie schon ihre Vorväter waren. Sehr bequem ist das.

Klar, wer zum Beispiel nie im Militär war, hat vielleicht gut reden. Und wer sich selten in rein männlichen Milieus bewegt, kennt die Situation nicht, wenn alles zum Prüfstein werden kann, an dem man seine Männlichkeit zu beweisen hat. Und weiss auch nicht, wie das ist, wenn sich traditionelle Vorstellungen des Mannseins dermassen eingeschliffen haben, dass sie nur um den Preis der Abwertung oder Ausgrenzung aufzubrechen sind. Etwa, wenn Frauenverachtung unter Männern als soziale Währung kursiert, die darüber entscheidet, wer dazugehört und wer nicht, wie das manche der befragten jungen Männer bei Orenstein berichten: Wer diese Währung anzweifelt oder nicht damit handeln mag, wird von seinesgleichen in der Gruppe herabgestuft.

Aber davon abgesehen gibt es übrigens sehr wohl positive Modelle für eine zeitgemässe Männlichkeit. Mann muss sie bloss nicht unbedingt beim eigenen Geschlecht suchen, sondern zum Beispiel bei den Frauen.

Trotzen und ersetzen

Frauen als Vorbilder für neue Männer? Ja, wieso denn nicht? Junge Frauen, schreibt Orenstein, hätten heute dank des Feminismus kraftvolle Alternativen zu konventionellen Vorstellungen von Weiblichkeit zur Hand. Sie wissen, dass es jenseits von althergebrachten Rollenmustern wie Mutter und Hausfrau schier unbegrenzte Möglichkeiten gibt, Frau zu sein. Sie haben gelernt, dass Geschlecht immer auch kulturelle Prägung und soziale Zuschreibung ist – was noch lange nicht heisst, dass man sich darüber zu definieren hätte.

Das semantische Spektrum von «Männlichkeit» hingegen, so beobachtet Orenstein, zieht sich in mancherlei Hinsicht wieder enger zusammen. Dabei könnten die angeblich so orientierungslosen Männer gerade das vom Feminismus lernen: Befreiung fängt damit an, dass man das Repertoire erweitert, nicht wieder einschränkt. Und wenn wir heute wissen, dass es unzählige Schattierungen dessen gibt, was Frauen sein können, warum sollte der Mann nicht begreifen, dass das für ihn genauso gilt?

Mann, du kannst alles sein. Schau einfach, dass du kein Arsch bist, denn zumindest dafür gibt es leider immer mehr als genug Vorbilder. Aber wie gesagt: Ein Vorbild ist nicht unbedingt dazu da, dass man ihm folgt. Man kann ihm auch trotzen. Und es so, wer weiss, sogar ersetzen.

Peggy Orenstein: Boys and Sex: Young Men on Hookups, Love, Porn, Consent, and Navigating the New Masculinity. Harper Collins. 2020. 304 Seiten. Ca. 36 Franken