Von oben herab : Keimzeit

Nr.  11 –

Stefan Gärtner hält aus aktuellem Anlass Abstand

Gestern fing der Älteste an zu husten, er hatte Fieber, doch heute Morgen dann Erleichterung: Das Schulsekretariat nahm die Abmeldung zur Kenntnis, ohne auf einem Coronatest, Quarantäne und Hamsterkäufen zu bestehen; ein sympathischer Schlendrian, wie er für mein freundlich vermülltes Bioladenviertel nur zu typisch ist. Überhaupt, diese Norddeutschen: «Coronagruss, Coronagruss!», rufen sie sich zu und werfen dabei berührungsfrei die Grusshand in die Gegend, nur um sich gleich anschliessend in die Arme zu fallen. Hysterie ist mit diesen Menschen, die einen Fussballverein wie Hannover 96, Niki de Saint Phalles schreckliche «Nanas» und sogar Gerhard Schröder ertragen, einfach nicht zu machen.

In der Schweiz geht es da naturgemäss strenger zu: Dass das landestypische Begrüssungsküssen unterbleibe, hat jetzt Innenminister Alain Berset gefordert, denn Distanz ist in infektiösen Zeiten nun einmal oberstes Gebot, was gerade in der herzlichen, umarmungswütigen, alles Fremde gleich an der Hand nehmenden Schweiz einem Anschlag auf die Volksseele gleicht. «Ich halte Abstand», verrät mir mein Winterthurer Gewährsmann Rudolf Widmer, 47, verheiratet, zwei Kinder, «vor allem zu Haus- und Gartenarbeit. Unter den Bedingungen von Corona mag ich auch nicht mehr Fenster putzen, es sind mir da einfach zu viele Tröpfchen im Spiel.» Widmer will auch bei der Arbeit Vorsicht walten lassen und auf seine Mitmenschen Rücksicht nehmen: «Witze, bei denen sich die Leute nass machen vor Lachen, wird es bei mir nicht mehr geben, genauso wenig wie ansteckende gute Laune. Guet, hatte ich eh nie, aber jetzt erst recht! Und ruf mich nicht dauernd an, du Tubel!»

Dass Charlotte Roches Körpersaftseller «Feuchtgebiete» endlich aus den Buchhandelskatalogen verschwindet, ist dagegen (leider) ein Gerücht, und auch auf die Infektionskettensägen, die von den Coop-Baumärkten in Aussicht gestellt worden sind, wird man wohl noch warten müssen. Konzerte mit Schweizer Superstars wie DJ Bobo, Gölä und Beatrice Egli abzusagen, gilt unter Fachleuten mit Blick auf die Volksgesundheit als unumgänglich, «das hat allerdings mit Corona nichts zu tun», und was aus Zürich Enge wird, dieser potenziellen Todesfalle, darüber diskutiert der Stadtrat derzeit fiebrig (39,8 Grad).

Aber in der findigen Schweiz wissen sie sich zu helfen. So werden aus immer mehr Tanzschulen Distanzschulen: «Die Leute bleiben einfach zu Hause, tanzen da», verrät Tanzlehrer Reto F. und hustet verstohlen. «So lernen sies zwar nicht, aber das sieht ja niemand!» Kostenpunkt: 300 Franken für keine Stunde, aber so viel sollte Gesundheit allen wert sein. Patric Silvani, ehemaliger Kult-Pornoregisseur aus Basel, ist derweil froh, dass er sein Geschäft rechtzeitig an den Nagel gehängt hat: «Wenn die Jungs jetzt alle mit Gliederschmerzen zum Set kommen, macht das doch keinen Spass mehr.»

Und aber apropos: Die in der Schweiz so beliebten Schwingerklubs werden wohl ebenfalls geschlossen, die «Weltwoche» kann dagegen erscheinen, obwohl sich Sars-CoV-2 auch als Schmierinfektion überträgt. Oberfink Roger Köppel: «Dass der Volkskörper zu verkeimen droht, predigen wir jede Woche. Dass freie Schweizer Staatsbürger der versifften grünen Linken jetzt keins mehr husten sollen, ist ein weiteres Beispiel für unsere zutiefst kranke Gesellschaft!» Der Finanzplatz Schweiz empfiehlt sich derweil als Vorbild: «Wenn anderswo Leute sterben, reiben wir uns von jeher erst die Hände und waschen sie dann in Unschuld – wenn das nicht vorbildlich ist, dann wissen wir aber auch nicht!» Das Bundesamt für Gesundheit rät in diesem Sinne, sich beim regelmässigen Händewaschen an die sogenannte Hymnenregel zu halten: «Einfach beim Waschen den kompletten Schweizerpsalm singen, und zwar in allen vier Amtssprachen. Das sollte dann reichen.»

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.