Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Warum kaufen sich Frauen weniger Sex?

Die Berliner Sexarbeiterin Salomé Balthus über Frauen in Pornofilmen, den Feminismus der deutschen Publizistin Alice Schwarzer – und Sexarbeit als Ausbildungsberuf.

Von Merièm Strupler (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Salomé Balthus: «Es scheint für Frauen oft wichtig zu sein, ausgewählt und begehrt zu werden. Wenn sie für Sex bezahlen, wissen sie nicht, ob der- oder diejenige sie oder das Geld will.»

WOZ: Frau Balthus, innerhalb der feministischen Bewegung gibt es einen Generationenkonflikt: Die junge, queerfeministische Welle will beispielsweise Sexarbeit entstigmatisieren. Sie wirft den älteren Feministinnen Sexfeindlichkeit vor, weil sich diese für ein Verbot von Prostitution und gegen Pornos positionieren. Welche Gründe sehen Sie für diesen Zwist?
Salomé Balthus: Gerade die älteren Feministinnen haben – aus vielleicht guten Gründen oder sehr intensiven Erfahrungen heraus, die ich ihnen nicht absprechen will – eine unglaubliche Wut aufs Patriarchat und wollen die Männer dafür bestrafen. Dadurch machen sie sich aber etwa bei der Debatte um das Sexkaufverbot wenig Gedanken darüber, was danach mit den Betroffenen passiert. Hinzu kommt, dass die Feministinnen der älteren Generation oft ihre eigene Meinung zum allgemeinen Massstab machen – dabei sind die Menschen ja verschieden. Niemand muss beispielsweise Pornos schauen oder darin mitspielen. Aber es gibt sicher auch Frauen, die gerne Pornos schauen.

Dennoch folgt auch die Pornoindustrie patriarchalen Mustern: Gerade in Mainstreampornos werden Frauen in einer untergeordneten Rolle oder als Sexobjekte dargestellt.
Das ist ein tiefer gehendes Thema. Wir können noch so emanzipiert sein, aber was uns sexuell erregt, können wir schlecht beeinflussen. Das ist nicht unbedingt politisch korrekt, die Rahmenbedingungen beim Sex müssen es allerdings sein. Sicherlich ist es auch ein Problem, wenn sich junge Männer oder auch Frauen das angucken und denken: «Okay, so muss das ablaufen!» Es gibt Pornofilme oder Szenen, bei denen man sich als Zuschauerin fragt: Ist das jetzt wirklich nur gespielt – oder ist das etwa echt? Doch Pornos sind Fantasiefilme. Um das deutlich zu machen, müsste es mehr Aufklärung geben – nicht weniger.

Die Publizistin Alice Schwarzer ist eine der prominentesten Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung – und dezidiert gegen Pornos und Prostitution. Können Sie ihrer Position etwas abgewinnen?
Ich frage mich, warum sie heute überhaupt noch als feministische Leitstimme gilt. Vielleicht war sie früher mal anders, als sie noch einen intellektuellen Anspruch hatte und sich mit Personen wie Simone de Beauvoir persönlich getroffen hat. Heute hält Schwarzer als Chefredaktorin eine sterbende Zeitung besetzt. Und sie kann anscheinend nicht verstehen, dass es muslimische Feministinnen gibt, die ihr Kopftuch freiwillig tragen – dabei ist das doch eine Form von religiöser Selbstbestimmung! Alice Schwarzer spaltet den Feminismus in Deutschland. Ich vermute, weil sie ihren Markenkern als Oberfeministin erhalten will, obwohl sie diesen Anspruch längst verloren hat. Dabei sollte man doch Bündnisse schliessen und Kompromisse finden.

Kommen wir nochmals auf die patriarchale Struktur der Gesellschaft zu sprechen. Warum sind es mehrheitlich Frauen, die Sex anbieten – und mehrheitlich Männer, die Sex kaufen?
Es sind schon etwa zu drei Vierteln Frauen, die Sex anbieten, und zu drei Vierteln Männer, die ihn konsumieren. Aber das kann sich ja ändern! Auf meiner Website biete ich Escortdates für Männer und Frauen an. Es bewerben sich bei mir auch viele Jungs, die Escorts werden wollen. Aber Frauen haben es wohl insgesamt weniger nötig, Sex zu kaufen. Für sie ist es oft leichter, jemanden dafür zu finden.

Aus biologischer Sicht oder weil es sozial so konstruiert ist?
Ich mag darüber nicht spekulieren, denn ich weiss es nicht.

Sehen Sie denn noch andere Gründe dafür, dass Frauen weniger Sex kaufen?
Ich glaube, bei den Frauen spielen verschiedene Hemmnisse eine Rolle: Erstens verdienen sie im Schnitt noch immer weniger Geld, können also auch weniger Geld für Sex ausgeben. Zweitens scheint es für Frauen oft besonders wichtig zu sein, ausgewählt und begehrt zu werden. Wenn sie für Sex bezahlen, wissen sie nicht, ob der- oder diejenige sie oder das Geld will. Dabei könnte es für Frauen auch hilfreich sein, mal nicht performen zu müssen. Zu wissen, sie kaufen sich etwas und können sich ganz entspannt auf ihre Bedürfnisse konzentrieren – statt immer jemand anderen befriedigen zu wollen. Das könnte ein spannender emanzipatorischer Akt sein.

Eine Frage noch zur Zukunft der Sexarbeit: Sollte es so etwas wie eine Ausbildung für Prostituierte geben?
Es gibt bereits einige Dominas, die Fortbildungen anbieten. Aber es bräuchte auch grundsätzlich Ausbildungen, auf jeden Fall! Ich weiss, das ist Zukunftsmusik. Aber ich wäre dafür, dass es neben Ein- und Ausstiegsberatungen auch das Ausbildungsfach Sexarbeit geben würde. Das ist ja ein breites Feld: von Steuerrecht und Buchhaltung über psychologische Beratung, Anatomie, Empowerment bis hin zur Geschichte der Sexarbeit und der Theorie der Erotik. Da gibt es so viele spannende Themen, die fast nicht erforscht sind. Das wäre doch interessant, darüber lohnt es sich nachzudenken!

Salomé Balthus (34) heisst mit bürgerlichem Namen Klara Johanna Lakomy. Im September erscheint ihr Roman «Begabungen usw.» im Europa-Verlag. Er handelt davon, wie die Kunstfigur Salomé Balthus entstanden ist und was es für sie bedeutet, Sex und Liebe zu trennen.

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