Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Hätte die erste Ansteckung auch bei uns passieren können?

Die WissenschaftlerInnen von Swild untersuchen das Verhältnis zwischen Mensch und Tier in Schweizer Städten. Ein Gespräch über Forschung in Zeiten des Lockdown, Trends in der Biologie und wissenschaftliche Freiwilligenarbeit.

Von Stefan KellerMail an AutorIn (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Daniel Hegglin und Sandra Gloor: «Im Prinzip können solche Erreger überall da überspringen, wo Schnittstellen zwischen Menschen und Tieren bestehen. Also auch bei uns.»

WOZ: Sandra Gloor und Daniel Hegglin, Sie sind Experten für das Verhältnis zwischen Wildtier und Mensch, für Stadtökologie und Biodiversität. Wir führen dieses Gespräch als Videokonferenz. Was hat die Coronakrise mit Ihrer Arbeit zu tun?
Sandra Gloor: Das Coronavirus hat mit Wildtieren zu tun, es ist von Wildtieren auf Menschen übertragen worden, und natürlich sind wir ständig daran, uns über die neusten Forschungsergebnisse zu informieren.

Die erste Ansteckung fand in China statt. Hätte sie auch bei uns passieren können?
Daniel Hegglin: Im Prinzip können solche Erreger überall da überspringen, wo Schnittstellen zwischen Menschen und Tieren bestehen. Also auch bei uns. Aber die Frage ist schon, wie man mit Wildtieren umgeht.

Gloor: Diese Märkte in Wuhan, auf denen – teils illegal – mit Wildtieren gehandelt wird: Wie dort Tiere gehalten werden, das ist für uns fast nicht vorstellbar. Die furchtbaren hygienischen Verhältnisse und der nahe Kontakt verstärken natürlich das Risiko von Ansteckungen.

Damit sind wir bei Ihrer Arbeit. Was machen Sie genau?
Gloor: Wir arbeiten in den Bereichen Wildtierforschung, Natur- und Tierschutz, Stadtökologie und Kommunikation. Dazu gehört, dass wir die Leute für einen respektvollen Umgang mit Tieren sensibilisieren wollen.

Hegglin: Wir betreiben anwendungsorientierte Forschung und möchten helfen, neue Forschungsergebnisse aktiv in den Natur- und Artenschutz zu übersetzen.

Sind Sie Zoologinnen und Zoologen?
Gloor: Wir sind ein rund zwanzigköpfiges Team, und die meisten von uns haben Zoologie, Biologie oder Umweltwissenschaften studiert. Ausserdem arbeiten auch einige Informatiker bei uns, denn wir betreiben unter anderem Meldeplattformen, und viele unserer Arbeiten werden auch online zugänglich gemacht.

Wie ist Ihr Unternehmen, Swild, entstanden? Und was bedeutet der Name?
Gloor: Der Name Swild enthält die beiden Gebiete, mit denen wir uns beschäftigen: Wildtiere und Stadtökologie. Uns hat das neu kreierte Wort gefallen. Als wir vor etwa zwanzig Jahren das Studium abschlossen, gab es einen Trend in der universitären Biologie: Anwendungsorientierte Forschung wurde damals zugunsten von Grundlagenforschung stark zurückgefahren. Wir alle hätten wohl gerne in der universitären Forschung gearbeitet, aber der Trend ging weg von der Anwendungsorientiertheit, und das störte uns. Deshalb haben wir uns selbstständig gemacht.

Wie finanziert sich Swild?
Hegglin: Organisatorisch sind wir ein Nonprofitverein. Unsere Projekte finanzieren wir weitgehend über Anträge bei Stiftungen. Wir erhalten aber auch Aufträge, zum Beispiel aus der Energiewirtschaft für Abklärungen im Zusammenhang mit Windkraftanlagen und deren Einfluss auf Fledermäuse.

Über die einzelnen Themen und Tierarten werden wir in den nächsten Wochen reden: vom Fuchsprojekt über die Bartgeieraussiedlung und die Fledermäuse bis zu den ökologischen Schäden durch Hauskatzen. Geht es bei Ihrer Arbeit nur um Tiere oder auch um Pflanzen und Menschen?
Gloor: Wir haben beispielsweise ein Projekt zum Thema Stadtbäume und deren Wert für die Biodiversität im urbanen Raum. Wenn es um die Lebensräume von Tieren geht, dann gehört Landschaftsschutz oder auch Städteplanung dazu.

Hegglin: Um Menschen geht es immer. In allen Projekten suchen wir nach einer praktischen Umsetzung, dabei spielt die Kommunikation nach aussen, auch mit Interessengruppen, eine grosse Rolle.

Sie möchten das Verhältnis zwischen Natur und Mensch also nicht nur erforschen, sondern verändern.
Hegglin: Verbessern!

Sie wollen auch Citizen Science fördern. Was ist das?
Gloor: Citizen Science bedeutet den Einbezug von Freiwilligen bei wissenschaftlichen Projekten. Citizen Scientists übernehmen zum Beispiel einen Teil unserer Datenerhebung. Für ein Fledermausprojekt kartieren sie derzeit die Baumhöhlenbäume in den Zürcher Wäldern. Bei einer Erhebung über Igel in der Stadt haben sie geholfen, die Igel mit dem Aufstellen von Spurentunnels nachzuweisen. Die CS sind sehr an Wissenschaft interessiert und erhalten im Gegenzug Weiterbildungen im Wildtierbereich. Es ist eine eigene, engagierte Community, für die wir Anlässe und Treffen organisieren.

Im Moment arbeiten Sie – wie wir auch – von zu Hause aus. Was bedeutet das für die Projekte von Swild?
Gloor: Ich kann es im Moment noch gar nicht so genau sagen. Zunächst bedeutet es einfach sehr viel Organisationsarbeit. Und unsere ganzen Feldarbeiten sind derzeit gestrichen. Wenn es länger als bis im Mai so bleibt, dann kann es schwierig werden.

Sandra Gloor (55) und Daniel Hegglin (53) sind promovierte BiologInnen und Mitglieder der Geschäftsleitung von Swild. In ihren Büros in Zürich Wiedikon ist jemand erkrankt, der Verdacht auf Corona wurde bisher nicht bestätigt.

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