Nr. 18/2020 vom 30.04.2020

Suchen Sie immer nach Kompromissen?

Auch Energie von Windturbinen kann die Biodiversität gefährden. Die Organisation Swild hat dazu geforscht. Ein Gespräch über Fledermäuse, Abschaltpläne, das Insektensterben und den Ruck, der durch die Bevölkerung gehen sollte.

Von Stefan KellerMail an AutorIn (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Daniel Hegglin und Sandra Gloor: «Kompromiss tönt so, als ob man sich stets in der Mitte träfe. Das ist nicht die Idee, wir suchen nach umweltverträglichen Lösungen.» FOTO: FLORIAN BACHMANN

WOZ: Sandra Gloor, Daniel Hegglin, Fledermäuse waren der Ursprung der Coronapandemie, unter deren Folgen wir alle leiden. Wie geht es den Fledermäusen in der Schweiz?
Sandra Gloor: Das Coronavirus lebt ja in asiatischen Fledermäusen, die Fledermäuse in der Schweiz sind nicht Träger des Virus. Es gibt dreissig verschiedene Fledermausarten in der Schweiz, sie machen fast ein Drittel der hier wild vorkommenden Säugetierarten aus.

Wie bitte?
Gloor: Ja, die Vielfalt ist vielen Leuten nicht bewusst. Und diese dreissig Arten haben ganz unterschiedliche Ansprüche. Grundsätzlich kann man sagen: Mehr als die Hälfte aller Arten haben ein Problem. Sie leiden, weil mit dem Insektensterben die Nahrung zurückgeht. Weil die Räume, in denen sie jagen, unter Druck stehen. Oder weil sie Probleme mit den Schlafquartieren haben.

Daniel Hegglin: Manche Fledermausarten reproduzieren sich auch sehr langsam, ähnlich wie wir es bei den Bartgeiern besprochen haben. Manche ziehen höchstens ein Jungtier pro Jahr auf, manche Zwillinge. Schon geringe Verluste können wesentlich sein.

Welche Arten sind besonders gefährdet?
Gloor: Am stärksten bedroht in der Schweiz sind die Hufeisennasen. Von der Grossen Hufeisennase kennen wir gerade noch fünf Kolonien. Die Kleine Hufeisennase hat stark unter Holzschutzmitteln gelitten, aber wohl auch unter Verschmutzung der Nachtlandschaft durch Licht. Früher war sie in der ganzen Schweiz verbreitet: eine klassische Fledermaus, die in den Estrichen wohnt.

Die Holzschutzmittel haben sie vergiftet?
Gloor: Genau. Die Dachstöcke wurden früher grosszügig mit giftigem Holzschutzmittel behandelt. Die Fledermäuse hängen an den Balken, sie putzen sich, pflegen das Fell, nehmen dabei das Gift auf und sterben.

Sie untersuchen auch die Bedrohung von Fledermäusen durch Windturbinen.
Hegglin: Wir wollen herausfinden, wie die Nutzung von Windenergie auf eine Weise optimiert werden kann, dass möglichst keine Fledermäuse zu Schaden kommen. Die Windturbinen befinden sich ja im niedrigen Luftraum, der von den Menschen sonst wenig benutzt wird. An den Rotorspitzen erreichen sie Geschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern pro Stunde.

Dabei erschlagen sie die Fledermäuse?
Hegglin: Sie können sie erschlagen. In unmittelbarer Nähe der Rotorblätter entstehen zudem rasch wechselnde, grosse Druckunterschiede. Diese fügen den Tieren innere Verletzungen zu.

Auch Greifvögel werden getötet.
Hegglin: Eine ähnliche Problematik. Greifvögel rechnen nicht damit, dass plötzlich ein Objekt mit so grosser Geschwindigkeit von oben oder unten kommt. Ihre Wahrnehmung ist nicht auf solche Situationen eingestellt. Deshalb gilt es, Lösungen zu finden.

Gloor: Eine Möglichkeit sind Abschaltpläne. Man stellt die Anlagen in heiklen Zeitperioden ab. Am meisten Strom wird ja ohnehin bei starkem Wind produziert, und gerade dann fliegen Vögel und Fledermäuse viel weniger. Der Grossteil der Konflikte entsteht in Schwachwindsituationen. Wenn man in solchen Zeiten gezielt abschaltet, dann ist die Einbusse gar nicht so gross, sie liegt bei einem bis vier Prozent der Produktion.

Hegglin: Umgekehrt können dadurch mehr als neunzig Prozent der kritischen Situationen für Fledermäuse vermieden werden. Bei Vögeln sind die Lösungen etwas komplexer. Aber natürlich kommt es darauf an, was wir bereit sind, für nachhaltig erzeugte Energie zu bezahlen.

Kann man sagen, dass die Geschäftsgrundlage von Swild darin besteht, immer einen Kompromiss zwischen Tier und Mensch zu suchen?
Hegglin: Kompromiss tönt so, als ob man sich stets in der Mitte träfe. Das ist nicht die Idee, wir suchen nach umweltverträglichen Lösungen.

Gloor: Wir versuchen, faktenbasiert zu entscheiden. Beispielsweise haben wir ein Gutachten über die Baujagd geschrieben, die Jagd von Füchsen in ihren Bauten mit Hunden. Dabei sind wir zum Schluss gekommen, dass diese Jagdform verboten werden muss. Es gibt nicht immer Kompromisse.

Das Insektensterben, die bedrohte Biodiversität, der Klimawandel: Haben Sie den Eindruck, dass sich das Bewusstsein für solche Vorgänge allmählich verstärkt?
Gloor: In der Biodiversitätsfrage sehe ich Fortschritte, die Sensibilisierung steigt. Andererseits ist die Geschwindigkeit enorm, mit der die Biodiversität schwindet. Auch quantitativ: Bei den Insekten hat die Biomasse in den letzten dreissig Jahren um 75 Prozent abgenommen. Es herrscht eine dramatische Dringlichkeit. Jetzt, im Zusammenhang mit der Coronapandemie, sind viele Leute plötzlich zu extremen Einschnitten in ihrem Leben bereit. Aber auch beim Klimawandel und bei der Biodiversität sind die Gefahren gross, nur spüren wir die Auswirkungen erst mit grosser Verzögerung. Auch hier muss ein gewaltiger Ruck durch die Bevölkerung gehen.

Sandra Gloor (55) und Daniel Hegglin (53) sind BiologInnen der Forschungs- und Beratungsgemeinschaft Swild in Zürich Wiedikon, die sich seit 1989 mit Stadt- und Siedlungsökologie, Wildtierforschung und Naturschutz beschäftigt. www.swild.ch

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