Nr. 15/2020 vom 09.04.2020

Warum hat der Fuchs die Patientin gebissen?

Mit der Erforschung der Stadtfüchse wurden die WissenschaftlerInnen von Swild vor Jahren bekannt. Warum kommen immer mehr Füchse in die Stadt? Welche Tierarten wandern sonst noch ein? Und stimmt es, dass Wildtiere auch auf den Lockdown reagieren?

Von Stefan KellerMail an AutorIn (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Daniel Hegglin und Sandra Gloor im Videointerview: «Ein Stadtfuchs läuft normalerweise nicht einfach in ein Haus hinein. Aber Füchse sind neugierig.»

Daniel Hegglin, Sandra Gloor, wie geht es den Füchsen?
Sandra Gloor: In der Stadt Zürich leben etwa tausend Füchse, manche leiden an der Räude oder an der Staupe. Aber dem grössten Teil geht es gut. Zurzeit haben sie etwas mehr Ruhe, weil weniger Menschen unterwegs sind.

Daniel Hegglin: Vielleicht haben sie mehr Möglichkeiten, umherzustreifen. Vielleicht finden sie aber auch weniger Abfälle.

Manche Leute behaupten, dass sich Wildtiere den Coronaumständen bereits angepasst hätten und sich weniger versteckten.
Hegglin: Es ist schon denkbar, dass sie auf die veränderte Situation reagieren. Die Aktivität vieler Wildtiere ist bestimmt durch die Notwendigkeit, Distanz zu den Menschen zu halten. Wenn sich nun die Aktivitätenmuster der Menschen verändern, hat das auch Einfluss auf die Tiere. Andererseits kann es sein, dass Leute, die den ganzen Tag zu Hause sitzen, plötzlich Wahrnehmungen machen, die sie schon zuvor hätten machen können.

Stadtfüchse sind ungefährdet, sind sie auch ungefährlich?
Gloor: Füchse sind sehr scheue Tiere, sie sind nicht aggressiv, aber wenn man sie in die Enge treibt, dann kann es sein, dass ein Tier einmal zubeisst. Ausserdem können sie Krankheiten übertragen. Es lohnt sich also, Distanz zu wahren und sie nicht zu füttern.

Letztes Jahr ist ein Fuchs in ein Zürcher Spital eingedrungen und hat eine Patientin gebissen. Wie ist denn das zu erklären?
Gloor (lacht): Also grundsätzlich sind Füchse wirklich scheu. Ein Stadtfuchs läuft normalerweise nicht einfach in ein Haus hinein. Aber Füchse sind neugierig. Wir interpretieren den Vorfall so, dass es ein halbzahmer Fuchs war, der über längere Zeit gefüttert wurde und dann Gebiete erkundete, die er sonst nicht erkunden würde. Zugebissen hat er wohl einfach aus Neugier, um es mal auszuprobieren.

Der Verein Swild wurde mit seinem Fuchsprojekt bekannt. Was haben Sie da gemacht?
Gloor: Als wir mit dem Projekt anfingen, war es noch neu, dass Füchse in der Stadt lebten. Uns interessierte, wie sich diese Tiere im urbanen Raum zurechtfanden. Ob es Pendler waren oder echte Städter. Dazu kamen viele Fragen rund um übertragbare Krankheiten, den Fuchsbandwurm, die Tollwut.

Sie begannen, Füchse einzufangen und mit Sendern auszustatten.
Hegglin: Das war ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Wir kennzeichneten auch Jungfüchse mit Ohrmarken, um herauszufinden, ob sie abwanderten oder blieben. Viele Arbeiten entstanden zum Thema Fuchsbandwurm. Ich selber schrieb meine Dissertation am Institut für Parasitologie der Universität Zürich darüber. Man sammelte Kotproben und schaute, wie stark dieser Parasit überhaupt verbreitet war, wie das Zusammenspiel mit dem Zwischenwirt Fuchs funktionierte.

Gloor: Nachts mussten wir den Füchsen mit einem Peilgerät hinterherlaufen, um die Daten zu erfassen. Die Sender funktionierten noch nicht mit Satellitentelemetrie. Aber das war gerade spannend, man erlebte die Stadt fast wie aus der Sicht der Füchse, auch an Orten, die man tagsüber gut kannte: eine Welt der Füchse, die neben jener der Menschen existiert.

Noch vor den Füchsen kamen die Marder in die Städte und begannen, an den Autos herumzunagen. Den Füchsen folgten die Dachse. Wer kommt sonst noch? Ist der Waschbär schon da?
Gloor: Mit der Überflussgesellschaft der letzten Jahrzehnte ist das Angebot an essbaren Abfällen in den Siedlungsräumen enorm gewachsen. Für Generalisten wie Füchse, auch für Dachse, die sich anpassen können, wurde der urbane Raum zum Schlaraffenland. Ein Buch der Stadt Zürich, «Stadtfauna», beschreibt 600 Tierarten, die in der Stadt vorkommen, und das sind längst nicht alle.

Hegglin: Die Stadtmarder sind allerdings kein neues Phänomen. Auch auf dem Land leben die Steinmarder seit jeher in menschlichen Siedlungen, in Scheunen und Schöpfen.

Gloor: Ein anderes Wildtier, der Igel, ist in städtischen Siedlungsgebieten inzwischen häufiger als auf dem Land. Wegen der intensiven Landwirtschaft haben Igel dort gar kein Auskommen mehr. Was nun den Waschbär betrifft: Er ist am Einwandern. Auch in Zürich gibt es vereinzelte Beobachtungen. Der Waschbär gehört aber zu den sogenannt invasiven Arten und war ursprünglich nicht in Europa heimisch.

Einmal wurde eine Gämse am Bahnhof Zürich Enge gesichtet.
Hegglin: Einmal war ein Luchs mehrere Tage mitten in der Stadt unterwegs. Spektakuläre Einzelbeobachtungen gibt es immer. Generell ist es so: Dort, wo die Natur eine Chance bekommt, holt sie sich diese auch. Und wenn man etwas mehr Natur zulässt, dann wird die Stadt attraktiver. Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt heute in Städten. Viele Kinder haben wenig Möglichkeiten, Natur zu erleben. Deshalb richten wir das Augenmerk auf die alltägliche Natur direkt vor der städtischen Haustür.

Sandra Gloor (55) und Daniel Hegglin (53) erforschen als BiologInnen für die Nonprofitorganisation Swild das Zusammenleben von Wildtieren und Menschen.

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