Nr. 20/2020 vom 14.05.2020

Hilfe für die stärkste Armee

Eine neue Biografie versucht, den katholisch-autoritären Bundesrat Philipp Etter als «Hüter der Mitte» darzustellen. So akribisch das Plädoyer, so offensichtlich sind die Verharmlosungen.

Von Josef Lang

«Liberalismus und Sozialismus sind noch nicht tot»: Philipp Etter, Dezember 1934. FOTO: KEYSTONE

Der Zuger Philipp Etter, Bundesrat von 1934 bis 1959 und Begründer der geistigen Landesverteidigung, verkörpert in der Wahrnehmung der letzten Jahrzehnte eine rechtskatholische und rechtsbürgerliche Schweiz. Diese war antisemitisch geprägt und schickte in der Nazizeit Tausende von jüdischen Flüchtlingen in den Tod. Sie vertrat eine autoritär-korporatistische Staatsidee, spannte in den 1930er Jahren mit den Fronten zusammen und passte sich in der Kriegszeit ans «Dritte Reich» an. Im Zeichen des Antikommunismus begründete sie mit der Sozialdemokratie 1959 die bundesrätliche Zauberformel.

Der Historiker Thomas Zaugg legt nun eine 768-seitige Dissertation über Etter vor, die auf dessen Privatnachlass baut. Dieser war bislang der kritischen Forschung verschlossen geblieben und wurde familiär «mehrfach durchgesehen». Das Erste, was stutzig macht, ist die mangelhafte Problematisierung dieses bedenklichen Umstands. Zauggs Wälzer liest sich denn auch wie das akribische Plädoyer eines versierten Verteidigers. Wortreich werden unzutreffende Vorwürfe an Etter berichtigt. Kritisches, das sich nicht verschweigen lässt, wird verharmlost, Fragwürdiges, das unbekannt scheint, übergangen.

Eine wichtige Unterstellung, die Etter häufig gemacht wurde, war die, ein Eugeniker zu sein. Anlass dazu waren Aussagen wie die zum «Bluterbe der Familien», aber auch erfundene Zitate wie «biologische Volksgrundlagen». Tatsächlich stand Etter der Erbgesundheitspflege kritisch gegenüber, was sich Zaugg mit dessen «katholischer Sicht» erklärt. Die kirchliche Doktrin galt für Etter allerdings ebenso stark in allen anderen Fragen, was Zaugg wiederum unterschätzt. Der römische Katholizismus, Etters «höchste Autorität auf Erden», war geprägt durch die im 19. Jahrhundert entwickelte Trinität von Antimodernismus, Antiliberalismus und Antisemitismus. Im 20. Jahrhundert kam der Antisozialismus dazu.

Gemeinsam mit den Fronten

Das Aufkommen von Faschismen, die dieselben Feindbilder pflegten, erfasste die Papstkirche als Chance, die eigene Macht zu stärken. In einigen Staaten wie Spanien, Portugal oder Kroatien führte das zu klerikal-faschistischen Symbiosen, in etlichen Ländern zu Bündnissen. Deshalb waren die oft zitierten Schlussworte, die Etter am 22. August 1933 vor der Generalversammlung des Schweizerischen Studentenvereins hielt, kein Ausrutscher: «Die liberale Demokratie des 19. Jahrhunderts ist im Zusammenbruch begriffen. Aber Liberalismus und Sozialismus sind in der Schweiz noch nicht tot. Wenn wir den Liberalismus aus den Angeln heben wollen, müssen wir, die stärkste Armee, beisammen bleiben und uns freuen, wenn uns von anderer Seite Hilfe geleistet wird.» Damit waren die Fronten gemeint, mit denen die Jungkonservativen eine Volksinitiative zur Totalrevision der Bundesverfassung planten.

Zaugg zieht alle Register, um die ettersche Rede zu relativieren. So soll es «Hinweise» geben, «dass Etter diese Worte unvorbereitet aussprach». Weiter beschwichtigt Zaugg, dass die Betonung auf dem Zusammenbleiben lag. Natürlich ging es Etter nicht um die Stärkung der faschistischen Fronten, sondern um die der «katholischen Front». Was die im September 1935 an der Urne abgestürzte Totalrevision betrifft, behauptet Zaugg, Etters kurz vor der Abstimmung auf Französisch gemachte Aussage «Ich für meinen Teil bekenne mich offen zu einer Totalrevision» dürfe nicht als Ja-Parole missverstanden werden.

Seltsam ist angesichts der zahlreichen antisemitischen Zitate der Hinweis, für Etter seien «die Juden kein wesentliches Thema» gewesen. Aber Etters Begriff der christlichen Demokratie stand in den 1930er Jahren noch stark im Zeichen der klassischen Streitfrage «christlicher Staat versus Gleichstellung der Juden». Dies gilt umso mehr, als Etter mit Demokratie die alteidgenössische meinte, die die JüdInnen schärfstens ausgegrenzt hatte. Arg verharmlosend wird dann das Kapitel «Etter und die jüdischen Flüchtlinge» abgehandelt. Auffällig ist, dass der Widerstand linker und protestantischer Kreise gegen die am 4. August 1942 von Bundespräsident Etter verfügte Grenzschliessung nur nebenbei erwähnt wird.

«Etwas ruhiger geworden»

Während Zaugg ausführlich, oft übertreibend, manchmal überzeugend zu beweisen versucht, dass die Differenzen zwischen dem Menzinger Küfersohn Etter und dem elitär-autoritären Freiburger Aristokraten Gonzague de Reynold grösser waren, als sie bislang dargestellt worden waren, bleiben zwei andere ihm näher stehende Intellektuelle im Dunkeln. So wird Carl Dokas wichtige Broschüre «Verfassungsreform» vom November 1934 nicht einmal erwähnt. Sie zeigte konkret, dass der im engsten Umfeld Etters vertretene Korporatismus höchst autoritär war, ständestaatliche Züge hatte, den säkularen Charakter des Bundesstaats infrage stellte und deshalb Zauggs Prädikat «demokratisch» nicht verdient. Am Beispiel des Jugendseelsorgers und Bestsellerautors Josef Konrad Scheuber, der überhaupt nicht vorkommt, obwohl er mit Etter eng verbunden war, liesse sich zeigen, wie massiv die Linken-, Frauen- und Judenfeindlichkeit im katholischen Milieu war.

Das Risiko jedes Verteidigers ist das Schlusswort des Angeklagten. Etter hat es im Schlusskapitel von Zauggs Biografie. In einem Brief aus dem Jahre 1949 beschreibt er sein Verhältnis zu seinem Freund Eugen Bircher. Er habe unter dem Eindruck der «Nachkriegserschütterungen» bei dessen Vaterländischer Vereinigung «begeistert» mitgemacht. «Im Lauf der Jahrzehnte» sei er – im Unterschied zu Bircher – «etwas ruhiger geworden». Bircher war und blieb ein Rechtsextremist, nicht bloss «deutschfreundlich und streitbar», wie Zaugg schreibt.

Etter war kein Rechtsaussen, sondern ein Rechtskonservativer. Die Tatsache, dass er laut Zaugg in der Partei häufig eine «Mittelstellung» eingenommen hat und in den Worten des Bundeshausjournalisten Hermann Böschenstein «nach dem Sturz Mussolinis ein ganz anderer» geworden war, macht aus ihm keinen Mittepolitiker.

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