Nr. 20/2020 vom 14.05.2020

«Organisierst du eine Demo, spendiere ich das Megafon»

Familie Dolder lebte beschaulich am Thunersee. Dann kam die Klimastreikbewegung. Sie stellte das Leben von Sohn Linus auf den Kopf – und jenes der Mutter Anja gleich dazu.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Danielle Liniger (Foto)

«Schon mit neun wollte er über Obamas Aussenpolitik diskutieren. Vor dem Frühstück!»: Linus und seine Mutter Anja Dolder in Hünibach.

Linus Dolder redet viel. Und was er sagt, hat Hand und Fuss: Er kennt die Details über das neue deutsche Kohlekraftwerk Datteln 4, die finnische Beteiligung daran, die Politik in den deutschen Bundesländern, den Kohleabbau in Australien.

Dauernd springt er zwischen Berndeutsch und Hochdeutsch hin und her, verwendet konsequent beide Geschlechter: Den kurzen Stopp vor dem «-innen», der den Genderstern anzeigt, hat er verinnerlicht. Wörter wie «Narrativ», «Framing» oder «cis Männer» klingen bei ihm kein bisschen angelernt – er wirkt im Diskutieren zu Hause wie ein Fisch im Wasser. Am 11. März strahlt die Sonne über dem Thunersee. Einen Monat darauf wird Linus Dolder siebzehn.

Gleich alt wie Greta

Im Dezember 2018 sitzt der fünfzehnjährige Gymnasiast Linus zu Hause in Hünibach bei Thun und kämpft mit sich selbst. Die Kirchgemeinde hat ihn auf eine Reise eingeladen: zwei Wochen nach Nepal, um dort ein Bildungsprojekt für junge Leute kennenzulernen. Die Reise interessiert Linus, aber er fragt sich: Will ich so weit fliegen für zwei Wochen? Was kann ich in so kurzer Zeit schon bewirken? Geht das nicht eher unter Erlebnistourismus? Seit dem vergangenen Sommer, in dem Fische in den Flüssen starben und die Bergwiesen ausgedörrt waren wie in der Provence, reissen die Schlagzeilen zum Klima nicht mehr ab. Der Nationalrat debattiert über ein ungenügendes CO2-Gesetz, im polnischen Kattowitz (Katowice) hat die 24. Uno-Klimakonferenz begonnen. Eine schwedische Jugendliche namens Greta Thunberg hält eine anklagende Rede.

Linus’ Grossmutter sieht sie in der deutschen «Tagesschau» und erzählt ihrer Tochter Anja davon. Anja schickt den Link ihrem Sohn Linus. Dieser hat an diesem Abend gerade beschlossen, nicht nach Nepal zu fliegen. Das Video fasziniert ihn, Greta und er sind fast gleich alt. Er schickt es weiter in den Klassenchat: Sollen wir auch einen Schulstreik machen? Drei Tage später streiken mehrere Tausend Jugendliche in Thun, Bern, Basel, Zürich und St. Gallen.

Im Januar 2019 nimmt die Klimastreikbewegung Fahrt auf. Linus vernetzt sich mit Jugendlichen in Bern, sie fragen ihn, ob er nicht auch in Thun eine Gruppe gründen könnte. «Wenn du eine Demo organisierst, spendiere ich das Megafon», sagt Mutter Anja halb im Scherz. «Und ich halte eine Rede», verspricht Vater Peter. Linus legt los, beginnt für den ersten globalen Klimastreik am 15. März zu mobilisieren. Fast alle Mitschülerinnen seiner Gymiklasse machen mit. Und nur gerade ein Mitschüler.

Dann wird Linus krank: Pfeiffersches Drüsenfieber. Anja übernimmt, reicht die Demobewilligung ein, malt im Pfarreisaal Transparente mit den Gymnasiastinnen. Pünktlich zur Demo ist Linus wieder gesund, hält seine erste Rede, 800 Leute demonstrieren – für die bürgerliche Kleinstadt Thun mit ihren Militärbetrieben ist das viel. Und jetzt hat die Bewegung auch seine Mutter Anja gepackt. Sie ist Tierärztin und arbeitet beim Kanton Bern. «Umweltschutz ist mir seit meiner Jugend ein Anliegen – aber eher im privaten Rahmen und nicht so konsequent wie heute. Mir war viel zu wenig klar, wie dringend es wirklich ist und dass wir gemeinsam etwas von der Politik fordern müssen. Das ganze Ausmass des Schreckens ist mir erst Ende 2018 bewusst geworden. Viele fühlten sich ohnmächtig, aber bei mir geschah das Gegenteil: Ich konnte endlich gemeinsam mit anderen handeln.»

Schon als Kind organisierte Linus Standaktionen für den WWF und Greenpeace. Später machte er mit seiner Familie Veloferien an der Weser, während andere aus seiner Klasse zum Shoppen nach New York flogen. «Damals dachte ich, Luxusurlaub sei cooler.» Und er stritt mit den Eltern, die ihm erst in der siebten Klasse ein Handy erlaubten. «Ich bin euch unglaublich dankbar», sagt er heute.

Einige der Schweizer AktivistInnen beginnen schon Anfang 2019, sich international zu vernetzen, vor allem mit Deutschland. Kurz nach dem Drüsenfieber reist Linus zusammen mit der Berner Aktivistin Lena Bühler nach Berlin zu einem Treffen mit Greta Thunberg. Die Bewegung diskutiert Pläne für die nächsten Monate. Linus geniesst den Austausch, Deutschland ist ihm vertraut: Anja ist in Göttingen aufgewachsen, die Familie hält engen Kontakt. Gerade hielt er eine Rede vor 800 Leuten, in Berlin sind es schon 25 000.

Mutter, Mitaktivistin, Managerin

Am 11. März 2020 ist Linus in Aufbruchstimmung: In vier Tagen will er nach Frankreich reisen, zu einem dreimonatigen Sprachaufenthalt in der Nähe von Tours. Dass es die letzte Woche ist, in der die Schweiz einigermassen normal funktioniert, weiss er noch nicht. Zwei Tage darauf werden die Schulen schliessen, in fünf Tagen kommt der Lockdown. Linus erzählt von Bayern, wo Fridays for Future von sich aus die Freitagsdemo abgesagt haben. Sie wollen nicht unverantwortlich handeln in Coronazeiten.

Familie Dolder lebt in einem herzigen weissen Einfamilienhaus in Hünibach. Blaue Fensterläden, naturnah gepflegter Garten. An der Pinnwand hängen Demoflyer, in der Stube stehen die neusten Klimabewegungsbücher: Carola Rackete, Luisa Neubauer, Marcel Hänggi, Familie Thunberg, Extinction Rebellion. Über dem Esstisch Dutzende Familienfotos, jedes sorgfältig eingerahmt. Auch beim Mittagessen sprudeln Fakten zum Thema Klima aus Linus heraus, während Peter, der Vater, hin und wieder bedächtig einen Satz einwirft. «Unser älterer Sohn Fredi ist auch eher ein ruhiger Typ, sorgt aber mit Humor und Gelassenheit für gute Stimmung. Linus und ich haben sicher mehr Redeanteile», sagt Anja. Sie sei ein Morgenmensch und debattiere sehr gern, aber manchmal habe Linus sogar sie überfordert: «Schon mit neun wollte er über Obamas Aussenpolitik diskutieren. Vor dem Frühstück!» Mutter und Sohn wirken vertraut, befreundet. Sie unterbrechen sich, ergänzen sich, ziehen sich auf. Beim Abwaschen albern sie zusammen herum.

Es sei nicht immer einfach, sagt Anja: «Für mich war das ganze letzte Jahr so: Mann, der Junge ist sechzehn, und ich soll entscheiden, ob er nachts mit dem Flixbus nach Brüssel darf, um sich vors Parlament zu legen.» Sie habe drei Rollen: Mutter, Mitaktivistin, manchmal auch Managerin. «Als Mutter sorge ich mich: Findet er die Balance zwischen Schule und Klimaschutz? Muss ich das kontrollieren, kann ich das überhaupt? Wie ist das mit Alkohol und Drogen in Gruppen, wo viele älter sind? Radikalisiert er sich politisch?» Die Rolle als Mitaktivistin sei viel einfacher: «Wir ergänzen uns gut. Linus bringt Menschen in Verbindung, hat keine Scheu vor den Medien und keine Berührungsängste mit älteren oder berühmten Menschen. Ich bin mehr die zuverlässige Planerin in der Regionalgruppe Thun, schaue, dass die Leute einbezogen und die Termine eingehalten werden.»

Das Thema Klima sei am Familientisch schon sehr dominant, sagt Linus’ achtzehnjähriger Bruder Fredi. «Das geht mir manchmal auf die Nerven. Obwohl die Diskussionen interessant sind.» Er stehe hinter den Anliegen von Anja und Linus, sei aber selbst kein Demogänger. Er fühlt sich in Menschenmengen nicht wohl. Hin und wieder sorgt er sich auch um seinen Bruder: «Im Herbst wussten wir manchmal nicht, ist er gerade in Berlin, Hamburg oder Köln.»

Beim Dessert vergleicht Linus die Bewegung in den beiden Ländern: «In der Schweiz setzt die Bewegung auf Konsensentscheide, in Deutschland wählt die Basis Delegierte, die sich jeden Sonntag zur Telefonkonferenz treffen.» So könne die deutsche Bewegung schneller reagieren, etwa auf Entscheide der Bundesregierung, und damit flexibler als in der Schweiz politische Prozesse beeinflussen. «Bei den Hamburger Wahlen im Februar war das Ziel, klimafreundliche Parteien zu stärken und die AfD, die rund sieben Prozent hatte, aus dem Parlament zu schmeissen. Nach der ersten Hochrechnung haben wir gefeiert. Und das Ziel dann doch um 0,2 Prozentpunkte verfehlt.» Man merkt, in welchem Land sich Linus heimischer fühlt.

Am 20. September 2019, dem dritten und grössten globalen Klimastreik, spricht er in Berlin vor einer Viertelmillion Menschen. Im Dezember reist er an die 25. Uno-Klimakonferenz in Madrid – und merkt, dass ihm sein Pensum zu viel wird: zwanzig bis dreissig Stunden Aktivismus pro Woche und das Gymnasium noch dazu. Er will die Schule ein halbes Jahr unterbrechen. Zu Hause versucht er, seine Eltern zu überzeugen.

Schwieriger Onlineprotest

Am 13. März, dem Tag, als die Schulen schliessen, erfährt Linus, dass sein Sprachaufenthalt in Frankreich ins Wasser fällt. Um nicht in Thun festzusitzen, reist er nach Düsseldorf und kommt in einer AktivistInnen-WG unter. Er sei gut angekommen, erzählt er Mitte April am Telefon. «Eine sehr schöne, spannende Erfahrung. Wir kümmern uns umeinander, Gespräche und ein fürsorglicher Umgang sind uns wichtig.» Die Gruppe schmiedet Pläne für die Zeit während und nach dem Lockdown, versucht Aktionsformen zu finden, die trotz Versammlungsverbot möglich sind, organisiert Webinare, macht Musik und dreht Videos. Linus hat Zweifel am rein digitalen Aktivismus: «Es ist schwierig, online ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen wie auf einer Demo.» Anja geht es in Thun ähnlich: «Im Netz kann man Protest einfach wegklicken. Er entfaltet längst nicht die gleiche Wirkung, wie wenn die Leute auf die Strasse gehen.»

Ende April ist Linus zurück in Thun. Der vorwiegend digitale Klimastreik vom 24. April habe gut geklappt, sagt er. Er macht sich Sorgen, dass die Politik die Wirtschafts- gegen die Klimakrise ausspielt, sieht aber auch Chancen: «Wir können von der Coronakrise lernen, dass sich frühzeitiges Handeln auszahlt.» Dass die Herausforderungen riesig sind, ist ihm bewusst: «Wir brauchen eine Politik, die nicht von Lobbys beeinflusst wird und nicht in Legislaturperioden denkt. Und eine ganz andere Form des Wirtschaftens. Es geht nicht nur darum, dass ein paar Gelder anders verteilt werden oder dass alle Velo fahren, sondern um ganz grundlegende Systemfragen.»

Wieder einmal bringt er es so redegewandt auf den Punkt, als wäre er mindestens zehn Jahre erfahrener. Man hört ihm an, dass er es kaum erwarten kann, sich bald wieder in den physischen Aktivismus zu stürzen. Die Klimabewegung gibt ihm eine Aufgabe – und ganz viele Verbindungen zur Welt.

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