Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Ein ganz neues Klima

Von Bettina Dyttrich

Dieses Jahr ging es vielen wie Lars. Er ist vierzig, Buchhalter in Zürich, und übers Klima wusste er schon lange Bescheid. Dachte er. «Mein Freundeskreis besteht aus lauter politisch interessierten Leuten, alle lesen viel Zeitung, manche arbeiten sogar im Umweltbereich. Aber seien wir ehrlich: Wir haben es verpennt.» Erst als Greta Thunberg sich mit ihrem Schild vor die Schule stellte und die ersten Klimastreiks begannen, verstand Lars, was wirklich auf dem Spiel steht. Es geht nicht um Tesla statt Diesel, um einen Flug pro Jahr statt vier. Es geht um die Frage, ob die Welt in ein paar Jahrzehnten noch bewohnbar ist. Inzwischen ist Lars bei Extinction Rebellion aktiv.

Am 14. Dezember 2018 streikten hierzulande zum ersten Mal SchülerInnen für das Klima. Ein Jahr später ist die Schweiz eine andere.

Offensichtlichster Erfolg der Bewegung ist die grüne Welle, die im Frühling bei den Zürcher Wahlen begann und im Herbst das Bundeshaus deblockierte: Vorbei ist die lähmende Zeit der SVP-FDP-Mehrheit im Nationalrat, die vier Jahre lang jede progressive (Umwelt-)Politik verhinderte. Doch der Bewegung ist auch eine Diskursverschiebung im Alltag gelungen. Plötzlich ist die zerstörerische Normalität der letzten Jahre – vom Wochenendstädteflug bis zum täglichen Fleischmenü – nicht mehr selbstverständlich. Plötzlich geraten sogar alte ZynikerInnen unter Rechtfertigungsdruck. Kein Wunder, werden sie infantil und beschimpfen Greta Thunberg.

Wer selbst schon ausserparlamentarisch aktiv war, kann nur tief beeindruckt sein von der Klimastreikbewegung: Sie ist ausgezeichnet organisiert und vereint auf kluge Art Radikalität und Pragmatismus. Kaum je blockieren NarzisstInnen mit langen, fruchtlosen Reden die Prozesse. Die harte Arbeit dieser Bewegung kann nicht genug gewürdigt werden. Trotzdem war Greta Thunbergs Fazit Anfang Dezember schonungslos: «Nichts ist wirklich passiert.»

Die desaströse Bilanz der Madrider Klimakonferenz gibt ihr recht. Denn klimapolitisch zählt nur eine Frage: Sinken die Emissionen? Oder ist zumindest absehbar, dass sie es bald werden? Nein, ist es nicht. In Madrid stritten die Staaten vor allem über Emissionshandel – und fanden keine Einigung. Dabei hat der Emissionshandel ohnehin keine Zukunft: Alle Staaten müssen ihre Treibhausgase auf netto null bringen. Da gibt es nichts mehr von einem Land ins andere auszulagern. Mehrere Studien zeigen ausserdem, dass der Handel nicht zur angestrebten «Klimaneutralität», sondern zu höheren Emissionen führt (siehe WOZ Nr. 48/2018). Trotzdem setzt die Schweiz weiterhin darauf.

Klimagruppen wie Extinction Rebellion arbeiten gern mit Countdowns, um zu zeigen, dass die Zeit drängt. «Wir haben noch zwölf Jahre, um die Katastrophe abzuwenden»: Solche Sätze waren dieses Jahr oft zu hören. Doch Countdowns sind problematisch. Sie suggerieren, dass das Problem in der Zukunft liege – dabei ist die Klimakatastrophe schon da: für Bäuerinnen in der Sahelzone genauso wie für Küstenbewohner in Bangladesch oder Inuit in Grönland, ausserdem für Eisbären und Zehntausende andere, weniger prominente Arten. Wir sitzen nicht «alle im gleichen Boot». Für manche geht es bereits unter.

Ausserdem: Was kommt nach dem Countdown? Was geschieht, wenn die Emissionen weiter steigen und «netto null» scheitert? Fatal wäre, wenn gerade jene, die sich heute am meisten engagieren, depressiv oder zynisch würden. Denn die Gesellschaft braucht sie dringend: schlaue, solidarische Leute, die wissen, wie man sich organisiert. Sie stelle sich auf ein langfristiges Engagement ein, sagt die Zürcher Klimastreikaktivistin Natalia (22). «Ein funktionierendes Gemeinwesen ist immer in Bewegung. Darum braucht es Bewegungen.» Sie sagt auch, sie habe noch nie ein Umfeld erlebt, in dem das Alter so wenig eine Rolle gespielt habe wie in der Klimabewegung. Das ist eben mehr als eine Jugendbewegung: Sie vereint all jene, die sich dem Zynismus verweigern.

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