Nr. 21/2020 vom 21.05.2020

Was ist das überhaupt, ein Konzert?

Daniel «Duex» Fontana hat weltberühmte Bands nach Düdingen gelockt. Wie er das geschafft hat – und was ihn auch nach 3500 Veranstaltungen an Konzerten interessiert.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Daniel Fontana: «Dass ich eine Minute überlegen muss, wie ich heisse oder wo ich gerade bin: Das passiert mir eher bei Konzerten als irgendwann sonst.»

WOZ: Daniel Fontana, Sie haben die Abgeschiedenheit des «Bad Bonn» zum Motto gemacht. Ihr Werbespruch heisst: «Where the hell is Bad Bonn?» Wie kam es dazu?
Daniel Fontana: Eine Band hat den Spruch einmal an den Container vor dem Haus gesprayt. Ich fand ihn relativ schnell megadoof. Er ist genauso beschränkt, wie wenn uns die Leute auf den Auftritt der Queens of the Stone Age oder einer anderen Band reduzieren. Aber so ist es halt, jeder Ort hat sein Etikett.

Wie reagieren berühmte Bands wie die Queens of the Stone Age, wenn sie hier im Niemandsland ankommen?
In unserem Milieu sind die berüchtigten Personen ja die Tourmanager. Mit denen gab es schon immer wieder Albtraummomente. Einige sind ausgerastet, dass man in diesem kleinen Lokal doch nicht spielen könne. Was aber bei uns immer gut war, ist der Sound. Wir hatten stets eine superfette Anlage, mit der man die meisten Musiker relativ schnell überzeugen kann. Auch die Rapper sind ganz begeistert. Vermutlich gibt es kaum einen Tearoom auf der Welt, der so ein gutes Soundsystem hat.

Ist schon einmal ein Musiker umgekehrt?
Nein, am Ende haben noch immer alle gespielt. Wobei einer kürzlich fast umgekehrt wäre, Zomby war das. Gut, wenn man von einem Loft in Hollywood direkt nach Zürich fliegt und hier spielen muss, ist das vielleicht schon nicht ganz zumutbar. Ich habe ihn am Flughafen abgeholt, beim Aussteigen regnete es in Strömen, er stand mit seinen weissen Schuhen in den Dreck.

Gibt es auch solche, die begeistert sind?
Im Rückblick waren fast alle begeistert. Thurston Moore von Sonic Youth zum Beispiel war beim Ankommen skeptisch, es hat ja hier in der Umgebung keine Plattenläden oder Galerien wie in New York. Jetzt hat er sogar angefragt, ob er hier eine Residency machen kann. Cat Power ist auch mehrmals vorbeigekommen. Viele Bands schätzen den Aufenthalt in der Natur, sehen den Besuch als Auszeit auf der Tournee. Zudem kochen wir immer selbst, das kommt auch gut an.

Wie kamen Sie überhaupt in Kontakt mit so berühmten Bands wie Sonic Youth?
Offenbar hatten wir am Anfang eine Menge Geduld. Und sicher den nötigen Ehrgeiz: Wir mussten immer Referenzen vorweisen, die Geschichte des Ortes erzählen, uns immer weiter vorwärtsarbeiten.

Haben Sie einen Geheimtipp, wie Vernetzungsarbeit funktioniert?
Zur Kontaktpflege ist das Telefon am besten. Wenn ich Zeit habe, gucke ich meine Visitenkärtchen durch und überlege, wen ich anrufen könnte. Mir kommen am meisten Ideen, wenn ich rede. Wenn man jemandem etwas erzählt, profitieren beide davon. Ich habe auch gerne Spass, mache blöde Sprüche.

Wie oft telefonieren Sie?
Extrem viel! Täglich etwa drei Stunden. Ich treffe auch viele Leute, reise an Festivals. Drei Viertel der Bands, die ich veranstalte, habe ich live gesehen. Beim Rest verlasse ich mich auf Einschätzungen von Freunden.

Wollten Sie eigentlich nie wegziehen von hier?
Nein, wir haben eher geschaut, dass die Leute nach Düdingen kommen. Wenn die Welt zu Besuch kommt, dann reist man sozusagen auch herum.

Es wäre doch sicher verlockend gewesen, einmal an einem grösseren Ort zu veranstalten.
Ich weiss heute, dass wir diese Beiz hier führen können. Aber ich fühle mich nicht geeignet, das Gleiche an einem anderen Ort zu machen. Dieses Gefühl ist sicher nicht schlecht, mir ist auf jeden Fall wohl damit. Wir haben noch nicht alles gesehen hier.

Keine Angst vor der Routine also?
Die Programmation, Hotelzimmer reservieren, Bands abholen, diese ganzen Arbeiten erledige ich immer noch gerne. Wobei ich nach 3500 Konzerten etwas reduziert habe. Bis vor zwei Jahren habe ich auch immer die Kasse gemacht und meist selbst gekocht. Jetzt bekomme ich wieder mehr von den Konzerten mit.

Darf ich in diesem Zusammenhang etwas Abstraktes fragen, das unter Musikfans wenig diskutiert wird: Was ist das für Sie überhaupt, ein Konzert?
Hmm. Ein Konzert ist für mich, wenn eine Band auf die Bühne geht und nicht von A bis Z genau weiss, was sie jetzt macht, wenn der Spielraum offen ist, zu scheitern und etwas zu improvisieren.

Und aus der Sicht des Zuhörers?
Dass ich auf der Suche bin nach Momenten, in denen ich vergesse, wie ich heisse oder wo ich gerade bin. Das passiert mir ab und zu – eher bei Konzerten als irgendwann sonst.

Wenn das Konzert aus ist und die Leute wieder weg sind: Fühlen Sie sich da manchmal allein hier im «Bad Bonn»?
Nein, diese Momente habe ich noch gerne. Ich geniesse das Alleinsein in der Beiz, einen Kaffee zu trinken am Schluss oder ein Bier. Der Ort ist noch schön so leer. Und wenn ich mich einsam fühle, rufe ich jemanden an.

Daniel «Duex» Fontana (54) betreibt das Konzertlokal Bad Bonn in Düdingen. In der letzten Folge wird er erklären, warum es kulturelle Stützpunkte auf dem Land braucht.

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