Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Wie machen Sie Opposition?

Zwischen Stadt und Land, Deutsch- und Westschweiz und den verschiedenen Musikstilen sucht Daniel Fontana nach dem Austausch. Auch wenn das harte Überzeugungsarbeit erfordert.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Daniel «Duex» Fontana: «Wir setzen uns für Minderheiten ein, musikalisch und überhaupt. Solche Orte wie das ‹Bad Bonn› bräuchte es meiner Meinung nach überall auf dem Land.»

WOZ: Daniel Fontana, Düdingen liegt zwischen Bern und Fribourg auf dem Land. Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist in der Schweiz immer wieder ein politisches Thema. Wie erleben Sie das hier?
Daniel Fontana: Auf dem Land ist man schon meist etwas traditioneller, wählt und stimmt konservativer. Nicht von Anfang an, aber mit der Zeit wurde mir bewusst, dass wir mit unserer Beiz und den Konzerten eine Rolle spielen dabei, wie sich die Leute hier mit der Politik auseinandersetzen. Es hat schon einen Einfluss auf die Gesellschaft im Dorf, wenn es eine Opposition gibt.

Worin besteht Ihre Opposition?
Wir setzen uns für Minderheiten ein, musikalisch und überhaupt. Solche Orte wie das «Bad Bonn» bräuchte es meiner Meinung nach überall auf dem Land.

Mehr kulturelle Treffpunkte?
Oder Hecken, damit der Vogel nicht zu weit fliegen muss, sondern zwischendurch landen kann. Brachen sind ja etwas Schönes. Aber wenn auf dem Land nichts mehr stattfindet, kulturelle Überraschungen fehlen, dann ist das eine Verarmung der Gesellschaft. Jetzt im Lockdown merken alle, wie das Leben fehlt: der Fussballmatch, das Konzert, der Austausch. Ich hoffe, wir erinnern uns daran, wenn alles vorbei ist.

Sie leben hier auch auf der Sprachgrenze. Ist das «Bad Bonn» eigentlich auf beiden Seiten gleich bekannt?
Etwa sechzig Prozent des Publikums stammen aus der Deutschschweiz, vierzig Prozent aus der Westschweiz. Wobei es auch umgekehrt sein kann, je nach Bekanntheit der Band im jeweiligen Sprachraum. Sicher ist es für uns als Deutschfreiburger etwas schwieriger, uns im Rest des Kantons zu verständigen. Drei Viertel sprechen Französisch, wir sind also in der Minderheit.

Sie spielen aber auch gerne mit der Zweisprachigkeit. Ihre Konzertankündigungen sind ein unterhaltsames Gemisch aus deutschen und französischen Wörtern.
Das stimmt, wir machen gerne Rollenspiele mit Klischees. Wenn es nötig ist, schnell zu entscheiden, geben wir uns gerne als Deutschschweizer. Beim Diskutieren, beim Spass, bei der Frage nach der nächsten Flasche Wein sind wir bei den Welschen.

Je länger ich mit Ihnen spreche, desto mehr habe ich den Eindruck, dass Sie bei Ihrer Arbeit vor allem eines interessiert: der Austausch, die Mischung.
Das stimmt extrem. Wenn ich über unser Programm nachdenke, verbringe ich viel Zeit damit, welche Mischung von Bands und Stilen funktionieren könnte. Ich stelle mir oft vor, welche Musikerinnen und Musiker zusammen am Tisch ein gutes Gespräch führen würden. Leute, die gerne zusammen zu Abend essen, können auch problemlos nacheinander auf der Bühne auftreten. Unabhängig davon, ob die ersten experimentelle Elektronik, die zweiten Metal oder die dritten Freejazz spielen.

Das funktioniert, auch wenn die sich überhaupt nicht kennen?
Häufig schon. Einmal hatte ich beispielsweise einen Kampf mit Hot Chip. Deren Agentur fand, dass sie nicht nach dem Sun Ra Arkestra spielen sollten, das funktioniere nicht. Ich müsse den Plan ändern. Ich antwortete, das sei nun aber eine fixe Idee, sonst könnten wir auch absagen. Schliesslich spielten sie nacheinander. Als Hot Chip den Schluss des Konzerts des Sun Ra Arkestra hörten, kamen sie spontan auf die Bühne und haben mit ihnen eine halbe Stunde lang gejammt. Grossartig!

Kommen wir zum Schluss nochmals zum Lockdown. In einzelnen Bereichen wurde der Ausnahmezustand gelockert, in der Kultur findet die Öffnung erst langsam statt. Was ist für Sie dabei wichtig?
Zu Beginn des Lockdowns wurde viel von Solidarität geredet, jetzt bei der Wiedereröffnung ist sie erst recht gefragt. Es braucht kein Wettrennen unter den Konzertveranstaltern, wir müssen Rücksicht nehmen, einander den Vortritt lassen. Am besten sollen die Kleinen beginnen können, die keine Subventionen haben. Bereits geistern Konzepte herum für Konzerte mit 3000 Leuten im Hallenstadion. Das ist doch ein Chabis. Wir sollten uns nicht dem ökonomischen Druck beugen. Lieber noch etwas zuwarten. Die Gesundheit geht vor.

Planen Sie dennoch die nächste Saison?
Fünfzehn Konzerte habe ich gebucht. Die Bands, die Techniker, die Agenturen, wir alle hoffen, dass sie stattfinden können. Fürs Erste hat die Unterstützung durch den Bund meinem Eindruck nach gut funktioniert, auch bei den freischaffenden Musikern. Aber längerfristig muss das Geld in unserer fragilen Szene wieder zirkulieren, sonst geraten einige in Verlegenheit.

Dieses Wochenende hätte die Bad Bonn Kilbi stattfinden sollen. Sie mussten das Musikfestival dieses Jahr absagen. Was machen Sie stattdessen ab Donnerstag?
Ich werde in der Beiz warten, ob ein paar Leute vorbeikommen. Wir werden Musik hören, sicher auch zusammen über Musik sprechen – und den Hühnern zuschauen.

Daniel «Duex» Fontana (54) leitet das Programm des Musikclubs Bad Bonn in Düdingen. Zur Eröffnung der nicht stattfindenden Kilbi wird er ein Grusswort auf www.badbonn.ch publizieren.

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