Nr. 21/2020 vom 21.05.2020

Schuld und Lügen

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Eigentlich geht es Martin nicht schlecht: Er führt ein ruhiges Leben in Langenthal, wo er im Spital arbeitet. Doch ein Foto, das er in einer Zeitschrift beim Zahnarzt entdeckt, katapultiert ihn in seine Vergangenheit. Zu sehen ist ein Mann – «mit halboffnen Augen und verzerrtem Mund lag er in einem Bett, umgeben von drei Frauen». Daneben steht: «Töchter von Gewaltopfer fordern Gerechtigkeit.»

Martin, der die Schuld am Zustand dieses Mannes trägt – das glaubt er zumindest –, zieht nach Bern mit dem Ziel, für eben diese Gerechtigkeit zu sorgen. Er knüpft Kontakt zu den Töchtern. Mit demselben Anmachspruch, mit dem er bei Mel, der Jüngsten, durchfällt, kommt er bei Valerie, der Ältesten, an. Er baut sich eine neue Identität auf, nistet sich in Valeries Leben ein, zieht bei ihr ein und übernimmt Pflegeschichten für ihren Vater, der bei der mittleren Tochter Doris lebt. Ausgerechnet er, der früher unmöglich lügen konnte, lebt plötzlich ein Leben, das auf Lügen aufgebaut ist. Doch er ist nicht der Einzige, der ein dunkles Geheimnis hat.

Der Berner Autor Giuliano Musio erzählt in seinem zweiten Roman «Wirbellos» eine faszinierende Geschichte von Schuld, Lügen und auch Liebe. Es geht um Familienverstrickungen, die von Neid, Eifersucht und Missgunst durchtränkt sind und in denen Insekten eine entscheidende Rolle spielen. Unschuldig ist hier niemand. Bereits in seinem ersten Roman «Scheinwerfen» (2015) hat Musio bewiesen, dass er ein fähiger Erzähler ist. «Wirbellos» kommt noch raffinierter daher. Musio verbindet mehrere Zeitebenen schlüssig, lässt Dinge offen, um sie später unvermittelt zu klären. Seine Figuren sind vielschichtig und auch in ihrer Durchgeknalltheit stets glaubwürdig.

Ausserdem erzählt er uns von Bern in einer Weise, wie wir die Stadt noch nie gesehen haben: Bei Musio liegt sie nämlich am Meer. 

Der Autor tritt am Samstag, 23. Mai 2020, um 19.30 Uhr mit Romana Ganzoni und anderen AutorInnen zum Instantdichten auf.

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