Nr. 21/2020 vom 21.05.2020

Der Duft nach Rauch und Shalimar

Von Silvia SüessMail an AutorIn

«Die Verlangsamung des Lebens war ein Luxus, den man sich nur angesichts des Todes leistet. Sich einen ganzen Mittwoch freihalten für einen einzigen Zweck.» Der Zweck ist die Beerdigung von Tante Matilde. Hundertjährig ist die elegante Frau geworden, die ihr ganzes Leben als Kauffrau in Genua verbracht hatte. In jungen Jahren hatte sie Beine wie Marlene Dietrich oder Anita Garibaldi, sie roch stets nach dem Parfum Shalimar, war treuer Fan des CFC Genoa, des ältesten Fussballklubs Italiens, und bis zu ihrem Tod rauchte sie in grosser Anmut.

In Romana Ganzonis Roman «Tod in Genua» lässt die Erzählerin Nina am Tag von Matildes Beerdigung deren Leben Revue passieren und verwebt es mit ihrem eigenen. Kennengelernt hat sie Matilde, kurz nachdem sie sich in Paul verliebt hatte: Die angehende Opernsängerin und der Mathematiker trugen beide ein T-Shirt mit einem M.-C.-Escher-Motiv und führten sofort das «relevanteste Gespräch, das ich mir vorstellen konnte». Es war Liebe auf den ersten Blick, zwei Wochen später reiste Nina mit Paul von Zürich nach Genua, wo Paul sie mit Matilde bekannt machte. Siebzehn Jahre sind seither vergangen, und nicht nur Matilde ist gestorben, sondern auch die Beziehung von Nina und Paul ist zum Stillstand gekommen.

Nebenbei erzählt Ganzoni auch vom Zerfall Genuas, einer einst blühenden Stadt, deren Zeit – wie jene von Matilde und der Beziehung von Nina und Paul – abgelaufen ist. Traurig ist das alles im Grundton, und doch blitzt immer wieder Humor durch die Zeilen. Das liegt auch an Ganzonis Sprache, die plaudernd und doch poetisch das Alltägliche erfasst: «Dass wir uns so gut kannten, war genau so beruhigend wie beunruhigend, (…) ich konnte nie mehr ein Geheimnis für Paul werden, unser gemeinsames Leben war zu fortgeschritten.» 

Die Autorin tritt am Samstag, 23. Mai 2020, um 19.30 Uhr mit Giuliano Musio und anderen AutorInnen zum Instantdichten auf.

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