Nr. 21/2020 vom 21.05.2020

In den Fängen der Schattenwelt

Eine halluzinierende Atmosphäre: Mit seinem Trauerbuch «Von schlechten Eltern» ist Tom Kummer im Land der Literatur angekommen.

Von Anne-Sophie Scholl

Grossartige Dialoge durch die Nacht: Im Fond des Mercedes sitzen Geschäftsleute, Diplomaten oder auch mal ein General. FOTO: NICOLA PITARO

In einer schwarzen Luxuslimousine gleitet er nachts durch das Land. Wie ausgestorben erscheint dieses: tote Dörfer, die Strassen von Asche überzogen, eine gespenstische Szenerie. Ab und an schaltet die Limousine auf Geisterfahrt. Hinter der Windschutzscheibe tauchen die Konturen eines Gesichts auf, die Nase, die Lippen, die blauen Augen.

Dialoge kann Kummer

Nicht Tom Kummer, hatte ich gedacht, als ich das Buch in die Hand bekam. Nicht schon wieder ein Buch von Kummer, das von Kummer erzählt. Von Tom und Nina. Denn das hat Kummer in seinem letzten Buch getan. «Nina und Tom» handelt von der verrückten Liebe und dem vorzeitigen Sterben seiner Frau. Das neue Buch «Von schlechten Eltern» vom ersten Jahr danach. Genauer: vom Zustand der Trauer. Doch schon auf den ersten Seiten entwickelt der Text einen betörenden Sog. So wie Nina, die im fluoreszierenden Licht der Fensterscheibe erscheint und Tom hinüberziehen will ins Reich der Toten.

Tom Kummer, der Autor ebenso wie die gleichnamige Figur im Buch, ist zurück in der Schweiz. Nur sein jüngerer Sohn ist mit ihm ins Wohlstandsparadies gekommen, der ältere bleibt zunächst in Kalifornien. Vater und Sohn haben eine Wohnung in Bern bezogen. Und Tom, aus dem überbelichteten L. A. geflohen, zieht sich ganz zurück in die Nacht. Wenn der zwölfjährige Vince schläft, führt er ein Doppelleben als Chauffeur für einen VIP-Fahrdienst. Im Fond der Mercedes-Limousine sitzen Geschäftsleute, Diplomaten oder auch mal ein General, zumeist stammen die KundInnen aus afrikanischen Ländern.

Auf diesen Fahrten durch die Nacht entspinnen sich grossartige Dialoge. Dialoge kann Kummer. Vor zwanzig Jahren hatte der Autor die Redaktionen angesehener Magazine mit erfundenen Interviews genarrt. Eine Vergangenheit, die ihm manche immer noch nachtragen, auch wenn der 59-Jährige unterdessen den richtigen Rahmen für sein Schreiben gefunden zu haben scheint.

Tom, der Chauffeur, hält sich professionell bedeckt, derweil seine KundInnen von lockenden Zwischenwelten erzählen: der Geschäftsmann, der seine Frau ans Gelbfieber verloren hat, der General mit dem Geldkoffer am Handgelenk, der afrikanische Heiler, der seinen PatientInnen ein Loch in die Schädeldecke bohrt, aber auch die geflüchtete Frau aus dem Sudan oder die Journalistin, die über «post-traumatic stress disorder» recherchiert. Gesteuert vom «intelligent driving system», vermisst der Mercedes die Schattenwelt des Wohlstandslands, von Genf nach Bern, durchs Mittelland nach Zürich, durch den Gotthardtunnel oder auch mal auf diskreten Umwegen über Passstrassen.

Nach jedem Ausflug in die Nacht kehrt Tom zu Vince zurück, bevor der Wecker schellt. In den letzten Stunden vor Tagesanbruch schmiegt er sich an seinen schlafenden Sohn, in der körperlichen Nähe zu ihm sucht er eine letzte Spur seiner Nina.

Nymphen und Bergwände

Mit einer knappen, reduzierten Sprache inszeniert Kummer eine halluzinierende Welt zwischen Leben und Tod. Er spielt mit dem Symbolismus, dem schönen Schauer der Melancholie, den Mythen von Wassernymphen oder dem Fährmann Charon.

Sein Text überblendet aber auch Filme wie Jim Jarmuschs «Night on Earth» und «Lord of the Rings» oder Märchen wie Cinderella, was eine Atmosphäre nächtlicher Freiheit und Magie schafft. Dieser stellt er die Postkartenschweiz entgegen: die Sonnenstube Tessin, die seine Mutter so gerne malte, die Bergwände, die sein Vater erklomm, Nachbarn und Jugendamt, die übereifrig für Recht und Ordnung sorgen, aber auch seinen Sohn Vince, der im richtigen Leben anders heisst und einen richtigen Vater will, der mit ihm Basketball spielt und Velo fährt. So langsam lehrt der Sohn den Vater, die Farben im Tageslicht wieder zu sehen.

Der Autor diskutiert am Samstag, 23. Mai 2020, um 13 Uhr mit Christoph Höhtker zu «Stimmungen zwischen Memento und Vision».

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