Nr. 21/2020 vom 21.05.2020

Mit Dudelsack und Synthesizer

Von Jens Uthoff

So manchem dürfte der Name Richard Bishop noch geläufig sein: Der heute 59-jährige Gitarrist mit dem krausen Haar und dem krausen Bart spielte mit seinem Bruder Alan mehr als 25 Jahre in der stilprägenden US-Posthardcore-Band Sun City Girls. Die Gruppe stand in den Achtzigern und Neunzigern wie keine andere dafür, «Weltmusik»-Klänge mit krachigem Indiesound zu verbinden (etwa auf dem grossartigen Album «Torch of the Mystics» von 1990, das ein Coverstück des als «Lambada» bekannten Hits «Llorando se fue» enthält).

Als Solomusiker debütierte Bishop 1998. Mehr noch als zuvor mit Band lässt er sich seither von traditionellen Stilen aus aller Welt inspirieren, die Eindrücke sammelt er in der Regel auf Reisen um den Globus. Geschätzt und verehrt wird Sir Richard Bishop, wie er sich seit geraumer Zeit nennt, vor allem für sein rein instrumentales Akustikgitarrenspiel.

Mit «Oneiric Formulary» erscheint jetzt ein neues Album Bishops, den Titel könnte man wörtlich mit «Traumformel» oder «Traumformelbuch» übersetzen, eine Art Oxymoron. Das rein instrumentale Album bildet die gesamte Bandbreite seines Schaffens ab, im Vergleich zum tollen Vorgängeralbum «Tangier Sessions» (2015) mit seinen Gitarrenstücken ist Bishop nun experimentierlustiger. Während etwa «Mit’s Linctus Codeine Co.» in der Tradition des amerikanischen Blues und Rock steht, erinnert «Dust Devils» mit den Dudelsack- und Geigenklängen an eine Mischung aus türkischem Folk und Gypsymusik. In völlig anderen Gefilden ist der Track «Graveyard Wanderers» anzusiedeln: Hier werkelt Bishop mit elektronischen Soundscapes, man hört Synthesizerzirpen, Aquageräusche und ein unheimliches Brodeln – klingt eher wie ein Albtraum. «Black Sara», ein wunderbar melancholisches Morocco-Blues-Instrumental, knüpft am ehesten an die «Tangier Sessions» an. Wer dagegen Bishops Stil als Akustikgitarrist und seine originäre Anschlagtechnik kennenlernen will, dem seien Songs wie «Celerity» und «Enville» nahegelegt.

«Oneiric Formulary» ist ein Album, das einen nicht so direkt berührt wie andere seiner Werke. Es ist eines, das ein intensives Hören erfordert und das man sich nach und nach erschliesst. Dieses Album braucht Zeit.

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