Nr. 23/2020 vom 04.06.2020

Hasentiers Argwohn

Von Stephan Pörtner

Inmitten der schönsten Blumenwiese dieses an Schönheit armen Vororts sass ein von weit her eingewandertes Hasentier und wunderte sich. Wunderte sich über die herrschenden Bräuche, die darin bestanden, sich auf Kieswegen möglichst rasch fortzubewegen und dabei konsequent geradeaus zu schauen. Auch Hunde gab es, die an Leinen geführt wurden, nicht weil es Vorschrift war, sondern weil sie auf keinen Fall schlechten Umgang pflegen sollten. Der Zugang zu Wiese und Wald war öffentlich und öffentlich heisst immer: Pack und Pöbel. Dieser Dünkel wunderte das Hasentier, das aus einem Gartengitter geflohen war, und liess es die zukünftige Entwicklung der Welt argwöhnisch betrachten.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Im September ist sein neuer Köbi-Krimi, «Pöschwies», im Bilgerverlag erschienen. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» sowie «Mordgarten» und «Pöschwies» sind im WOZ-Shop www.woz.ch/shop als Buch erhältlich.

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