Nr. 23/2020 vom 04.06.2020

«Bild» in der Peer-Review

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

«Virologen-Zoff eskaliert», frohlockte die «Bild» am 28. Mai in fetten Schlagzeilen. Das deutsche Boulevardblatt fährt seit Tagen eine Kampagne gegen den «Star-Virologen» Christian Drosten. Er habe «mit seiner wichtigsten Corona-Studie komplett danebengelegen», «fragwürdige Methoden» angewandt, die Resultate seien «grob falsch», schreibt die «Bild». Im Fokus steht eine Untersuchung, die das Institut für Virologie der Berliner Charité, das Drosten leitet, bereits Ende April veröffentlicht hat. Das Forschungsteam kommt darin zum Schluss, dass Kinder so ansteckend sein könnten wie Erwachsene, weil die nachgewiesene Virenlast in ihrem Rachen ähnlich hoch sei. Damit, so unterstellt die «Bild», habe Drosten bloss seine umstrittene Empfehlung zur Schliessung der Schulen im März nachträglich rechtfertigen wollen. «Fiel die deutsche Schulpolitik einer falschen Studie zum Opfer?», fragt das Boulevardblatt rhetorisch.

Rückfrage, ebenso rhetorisch: Propagiert die «Bild» hier bewusst ein falsches Wissenschaftsverständnis?

Der vermeintliche «Virologen-Zoff» ist eine Boulevardinszenierung. Seit Tagen fährt die «Bild» eine Phalanx an Wissenschaftlern aus aller Welt auf, um zu demonstrieren, dass Drosten lügt. Bloss sind Lüge und Wahrheit keine wissenschaftlichen Kategorien. Die «Wahrheit» ist in der Wissenschaft immer eine relative – sie reflektiert den aktuellen Forschungs- und Wissensstand. Und dieser ist im Fall des neuen Coronavirus noch sehr gering, insbesondere in Bezug auf die Frage, ob und wie ansteckend Kinder sind. Noch viel wichtiger aber ist: Neue Erkenntnisse erlangt die Wissenschaft vor allem im konstruktiven Wettstreit, bei dem die kritische Hinterfragung von Resultaten eine zentrale Rolle spielt. Im Fachjargon nennt sich das «Peer-Review». Resultate sind immer vorläufig, und selbst wo in Untersuchungen dieselben Methoden angewandt werden, besteht ein Interpretationsspielraum.

Dabei gibt es durchaus Gradmesser, um zu beurteilen, wie gewichtig neue Resultate sind. Eine Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift etwa, die auf dem Peer-Review-Verfahren basiert (und im Fall der Charité-Untersuchung noch aussteht). Im Zweifelsfall gilt: Traue keinem Wissenschaftler, der den Konjunktiv nicht benutzt (wie es Drosten sehr wohl getan hat).

Und zum Schluss noch Daniel Koch in der «Tagesschau» vom 28. Mai: «Aus epidemiologischer Sicht wäre es nicht nötig gewesen, die Schulen zu schliessen.»

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