Nr. 25/2020 vom 18.06.2020

Prähistorische Wiedergutmachung

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Sie sind eine lustige Truppe, die AnthropologInnen vom Max-Planck-Institut in Leipzig – zumindest, wenn es um ihr Steckenpferdchen geht. Es wird mit zuneigungsvollen Titeln bedacht, sobald die Forschung wieder eines seiner Geheimnisse hat lüften können: «Aug in Aug mit dem Neandertaler» (2017), «Neandertaler dachten wie wir» (2018), «Der Neandertaler in uns» (2020). Sympathisch, wie da lange gehegte Überlegenheitsgefühle von uns Verwandten des Homo neanderthalensis mittels wissenschaftlicher Verfahren wie Paläoproteomik, Genomsequenzanalysen oder Gehirnscans widerlegt werden. Überhaupt tut so ein bisschen prähistorische Wiedergutmachung ganz gut, lebte der Neandertaler doch jahrtausendelang in Frieden, bemalte Höhlenwände und schuf symbolische Objekte – eine abstrakte Leistung, für die man bis vor kurzem nur den Homo sapiens für fähig hielt.

Bis der Homo sapiens aus Afrika nach Europa übersetzte und den Neandertaler sozusagen ausrottete. Die Leipziger AnthropologInnen sind sich ziemlich sicher, dass man sich die Begegnung als einigermassen gewalttätig vorstellen muss. Nicht zuletzt jene zwischen den Geschlechtern. Da hätten sich «keine feurigen Romanzen» abgespielt – wahrscheinlich sei es einfach darum gegangen, dem Konkurrenten die Frau zu rauben.

Der Erbgutaustausch zwischen Homo sapiens und Neandertaler vor 47 000 bis 65 000 Jahren jedenfalls hat Spuren hinterlassen: Rund vierzig Prozent des Neandertalererbguts haben im Homo sapiens überdauert. Wir besitzen noch heute zwischen einem und zwei Prozent Neandertaler-DNA. Eine Erbschaft aber scheint besonders dominant zu sein: Jede dritte Frau besitzt ein «Neandertaler-Gen», das sie fruchtbarer macht. Grund ist ein besonders effizienter Rezeptor für Progesteron. Das Sexualhormon regt das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut an und sorgt dafür, dass sich eine befruchtete Eizelle dort gut einnisten kann.

Man könnte sagen: Beim Geschlechtsverkehr blickt der Neandertaler aus Zehntausenden von Jahren Entfernung «Aug in Aug» auf Sie, liebe Männer. Und falls Sie ein kleiner prähistorischer Schauder überkommt – entspannen Sie sich: Zumindest aus Ihren Hoden spricht kein Neandertalergen. Dort sind Sie ganz Homo sapiens.

Allen Vätern ans Herz gelegt sei Meir Shalevs Bilderbuch «Wie der Neandertaler den Kebab erfand» (Diogenes, 1997).

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