Nr. 26/2020 vom 25.06.2020

Was es heisst, privilegiert zu sein

Über Rassismus reden mag schwierig sein. Mit ihrem Buch, das sich wie ein Ratgeber liest, lädt die US-Autorin Ijeoma Oluo dazu ein, es trotzdem zu wagen.

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Vor wenigen Tagen in Rorschach: Eine Person mit Lockenperücke und schwarz angemaltem Gesicht verkauft, wie das riesige Plakat am Stand in Grossbuchstaben verkündet, «Original Mohrenköpfe!». Die völlig unnötige Neuauflage der Debatte um den alten Namen für den Schokokuss dürfte damit ihren Tiefpunkt erreicht haben. Unnötig, weil dieser Name eindeutig rassistisch konnotiert ist. Tiefpunkt, weil People of Color durch das «Blackfacing» gleich doppelt herabgewürdigt werden.

Warum tun sich Menschen so schwer, das anzuerkennen? Offen über Rassismus zu diskutieren, kann rasch komplex und auch heimtückisch werden. Unter Umständen steht man plötzlich selber als RassistIn am Pranger. «Warum darf ich das ‹N-Wort› nicht sagen?», «Warum darf ich deine Haare nicht anfassen?» oder «Warum wird mir immer gesagt, ich solle ‹meine Privilegien überprüfen›?». Solche Fragen formuliert die US-Autorin Ijeoma Oluo in ihrem Bestseller «Schwarz sein in einer rassistischen Welt. Warum ich darüber immer noch mit Weissen spreche». Das Buch ist Einladung und Anleitung zugleich.

Wer schlechtere Karten hat

Nur vordergründig zielt Oluo dabei auf ein weisses Publikum, wie etwa mit den genannten Fragen. Oder wenn sie aufzeigt, was Polizeigewalt und die Kriminalisierung schon im Schulalter mit Rassismus zu tun haben, und dabei die strukturellen Wurzeln der systematischen Erniedrigung, Unterdrückung und Ausbeutung von People of Color freilegt.

Grundsätzlich richtet sich Oluo mit ihrem Buch ebenso an ein schwarzes Publikum und an politische AktivistInnen aller Hautfarben. Immer von konkreten, oft selbst erlebten Beispielen ausgehend, will sie nicht nur sensibilisieren, sondern auch zur selbstkritischen Hinterfragung anregen. Sich seine eigenen Privilegien bewusst machen? Ist wichtig, weil ein Privileg zwangsläufig zum Nachteil für andere führt und wir erkennen müssen, «dass wir in Teilen dafür verantwortlich sein könnten, warum andere schlechte Karten haben». Etwa dort, wo Bemühungen um soziale Gerechtigkeit ausgerechnet den Schwächsten in der Gesellschaft nicht helfen.

Du bist nicht das Opfer

Oluo formuliert ebenso einfühlsam wie anschaulich, nimmt ihre LeserInnen quasi bei der Hand. So schafft sie es, auch komplizierte Begriffe wie «Intersektionalität» verständlich zu machen oder zu verdeutlichen, was kulturelle Aneignung mit Rassismus zu tun hat. Gleichzeitig wirkt ihr didaktisch-psychologisierender Eifer mitunter bevormundend. Zum Beispiel wenn es darum geht, die eigenen Privilegien kritisch zu hinterfragen: «Du möchtest vielleicht auch deine Nachteile aufschreiben. Jetzt ist jedoch nicht die Zeit dafür, bitte widersteh diesem Drang.» Oder wenn sie konkrete Verhaltensregeln und -tipps in der Form von Listen einbaut. «Erkläre deine Absichten», heisst es da, oder: «Wenn du anfängst, dich defensiv zu fühlen: halte inne und frage dich, warum.»

Aber wann, um die aktuelle Debatte in der Schweiz aufzugreifen, geht es überhaupt um «race», wann ist etwas rassistisch? Oluos Antwort ist klar und deutlich: Immer dann, wenn eine Person of Color sagt, dass es darum geht. «Hör zu, wenn jemand sagt: ‹Das tut mir weh.›» Denn was den Rassismus aufrechterhält und normalisiert, sind letztlich nicht allein die krassen Auswüchse wie Sklaverei, Lynchmorde, Polizeigewalt. Es sind die kleinen Beleidigungen und Demütigungen, «die tägliche Erinnerung daran, dass ich weniger wert bin», wie Oluo schreibt.

Womit wir wieder bei der als «Mohr» verkleideten Person in Rorschach wären, mit ihren Schokoküssen. Oder bei der alljährlichen Fasnacht mit ihren schwarz geschminkten, Baströckchen und Lockenperücken mit Knochen tragenden Figuren. People of Color fühlen sich dadurch verletzt und herabgewürdigt. Das sollten wir anerkennen, sagt Oluo: «Und wenn das bedeutet, dass du dich nicht mit gutem Gewissen an Halloween als Geisha verkleiden kannst, dann wisse, dass du selbst dann, im grossen Ganzen, nicht das Opfer bist.»

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