Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Wunder für Afrika

Mit dem Projekt «AI for Health» will der Softwarehersteller Microsoft die Gesundheit von Menschen im Globalen Süden verbessern. Dort jedoch stösst die technologische Aufrüstung zunehmend auf Argwohn.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn (Text) und Sebastian König (Illustration)

Not macht nicht nur erfinderisch, sie dient Unternehmen auch als Türöffner: Als in diesem Frühjahr die Coronapandemie Grossbritannien mit voller Wucht traf, kündigte der Nationale Gesundheitsdienst NHS an, einen Covid-19-Datenspeicher zu errichten. Mit der Auswertung der dort zusammenlaufenden Informationen sollten Spitalbetten, Beatmungsgeräte und Personal effizient verteilt werden, um so einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern. Dafür holte die britische Regierung mehrere Digitalkonzerne ins Boot, darunter Google und Microsoft.

Kurz nach Bekanntwerden der Public-private-Partnership veröffentlichten zivilgesellschaftliche Organisationen und zahlreiche WissenschaftlerInnen einen offenen Brief, in dem sie gegen die Kooperation protestierten. Die UnterzeichnerInnen meldeten Datenschutzbedenken an. Zudem sei zu befürchten, dass solche Kooperationen das Machtgefüge zwischen öffentlichem und privatwirtschaftlichem Sektor zugunsten des Letzteren verschieben würden.

Das britische Beispiel veranschaulicht, wie Digitalisierung und eine wirtschaftsliberale Agenda, die die Auslagerung öffentlicher Strukturen an Private befördert, Hand in Hand gehen können. Dieses Problem stellt sich noch verschärfter im Globalen Süden, wo die Techkonzerne um neue Märkte konkurrieren. Begleitet wird der Wettbewerb vom Werbeversprechen, dass sich nur durch eine forcierte Technologisierung das Lebensniveau verbessern liesse.

«Digitaler Kolonialismus»

Die Pandemie beflügelt derlei Hoffnungen: Kürzlich veröffentlichten Microsoft und Novartis einen Bericht, der optimistisch prognostizierte, dass die Länder des Südens den Norden bei der Anwendung von auf künstlicher Intelligenz (KI) basierenden Technologien schon bald überholen könnten – vor allem dank der von Corona angestossenen Dynamiken. Der US-amerikanische Softwarehersteller und der Schweizer Pharmakonzern kooperieren seit Ende 2019. Durch die Zusammenarbeit insbesondere in Sachen KI soll die Entwicklung neuer pharmazeutischer Produkte beschleunigt werden. Microsoft ist längst nicht mehr bloss ein Hersteller von Bürosoftware, sondern konzentriert viele Ressourcen auf die Entwicklung digitaler Produkte im KI-Bereich, insbesondere für das Gesundheitswesen.

So lancierte das Unternehmen diesen Januar auch das Projekt «AI for Health». Dieses umfasst zwar lediglich ein Budget von vierzig Millionen US-Dollar, zeigt aber, wo Microsoft Verwertungsmöglichkeiten für die hauseigenen Produkte sieht. So sollen ForscherInnen und gemeinnützige Organisationen freien Zugriff auf die Microsoft-Technologien erhalten, um so etwa in der Leprabekämpfung voranzukommen – diese Krankheit stellt in ärmeren Ländern noch immer ein grosses Problem dar. Mithilfe von Microsoft sollen etwa Bilderkennungsverfahren entwickelt werden, die schnelle Diagnosen erlauben. Ähnliche Pläne gibt es auch für von Diabetes hervorgerufene Augenleiden.

Vordergründig klingt «AI for Health» nach einer guten Sache, Microsoft bezeichnet das Projekt auch explizit als «philanthropisch». Gleichwohl steht es für eine Entwicklung, die im Globalen Süden vermehrt Argwohn provoziert. Die Kritik: «Big Tech» treibe mit Macht die technologische Aufrüstung ärmerer Länder voran, obwohl gar nicht klar sei, ob dies die Lebensverhältnisse tatsächlich verbessere. Zugleich bahne die derzeitige Entwicklung einem neuen «digitalen Kolonialismus» den Weg.

So verweist die äthiopische Wissenschaftlerin Abeba Birhane, die am Irish Software Research Centre in Dublin forscht, in einem Paper auf eine Studie zur Brustkrebsprävention im subsaharischen Afrika: Diese zeige, dass Innovationen, die in reicheren Ländern wirkungsvoll waren, dort kaum dazu beitrugen, die Sterblichkeitsrate infolge von Brustkrebs zu senken.

Statt einer digitalen Aufrüstung wären im Kontext der untersuchten infrastrukturschwachen Länder andere Massnahmen wirkungsvoller – etwa eine bessere Aufklärung der Bevölkerung, damit Frauen eine mögliche Erkrankung früher selbst bemerken. Dennoch werde, so Birhane, überall auf dem Kontinent KI als Wundermittel beworben.

Technologie als Problemlösung?

Die Euphorie verdankt sich zu einem guten Teil dem aus dem Silicon Valley rührenden «Solutionismus»: Diese Ideologie, die mittlerweile genauso in afrikanischen Techzentren wie Lagos oder Addis Abeba anzutreffen ist, steht für den Glauben, dass es früher oder später technologische Lösungen für alle möglichen Probleme geben werde, wobei aber systematisch die sozialen und politischen Rahmenbedingungen ausgeblendet werden. Entsprechend verkürzt ist es zu meinen, der Lebensstandard im Süden liesse sich substanziell anheben, ohne dabei an den in der globalen Ökonomie zementierten Ausbeutungsverhältnissen rütteln zu müssen.

Birhane spricht gar von einer drohenden «algorithmischen Kolonisierung Afrikas». So würden bereits heute in Nigeria, einem technisch relativ gut entwickelten Land, neunzig Prozent der verwendeten Software importiert. Während im «traditionellen» Kolonialismus die Kolonialmächte allerdings die materielle Infrastruktur in den kolonisierten Ländern schufen und kontrollierten, geht es beim «Datenkolonialismus» um die digitale Infrastruktur; auch wird dieser Kolonialismus nicht primär von Staaten vorangetrieben, sondern von Konzernen.

Hinzu kommt, dass im Globalen Süden die Debatte um Datenschutz weit weniger intensiv geführt wird. «Nur in rund der Hälfte aller afrikanischen Staaten existiert momentan irgendeine Art der Datenschutzgesetzgebung», sagt Kerstin Fritzsche, die am Berliner Institut für Zukunftsforschung und Technologiebewertung (IZT) zu Fragen nachhaltiger Entwicklung und global gerechter Digitalisierung arbeitet: «Und selbst wenn es Regulierungen gibt, heisst das nicht automatisch, dass diese auch umgesetzt und kontrolliert werden.»

Dabei biete sich international ein heterogenes Bild: Indien etwa lege Wert auf nationale «digitale Souveränität» und versuche sicherzustellen, dass Daten aus Indien auch auf Servern im Land bleiben. «Andererseits hat es in Indien Berichte über immense Datenlecks gegeben, bei denen auch sensible persönliche Informationen betroffen waren», so die Expertin.

Die Entwicklung sei gerade an einem kritischen Punkt, an dem die Weichen für die Zukunft gestellt würden: «Es besteht die Gefahr, dass man sich in dreissig Jahren plötzlich die Augen reibt und wieder mal fragt, warum bloss der Globale Süden nicht vorankommt», sagt Fritzsche. Umso wichtiger seien Initiativen wie die Just Net Coalition, an der zahlreiche Organisationen aus dem Globalen Süden wie etwa IT for Change aus Indien beteiligt sind. Erst vor ein paar Monaten hat das Netzwerk ein «Digital Justice Manifesto» veröffentlicht. Darin heisst es unter anderem, dass digitale Strukturen als öffentliche Räume zurückerobert werden müssten. Den VerfasserInnen geht es dabei um einen technologischen Fortschritt, von dem alle profitieren – im Norden wie im Süden.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch