Nr. 39/2020 vom 24.09.2020

Während alle Kinder machten, haben sie sich die Zähne ausgeschlagen

Text: Mirko Schwab; Illustration: Luigi Olivadoti

«Ich glaube, du bist schwul.» Das ist ihr erster Satz, am Anfang dieser Verrenkung, die so schön ist, wie ein brutaler Unfall eben sein kann: sehr schön. «Du kannst es nur nicht zugeben.» Ein paar Stunden später hat er seine Zähne in ihren linken Schenkel gebohrt, und sie hat ihm die Nase krumm gehauen.

Das war kurz vor der Krankheit. Bald fuhren die Polizei- und Putzfahrzeuge im Kreis, bis der Himmel sich im Asphalt spiegelte. Die Luft war vergiftet, alles darin blitzte wie von einer humorlosen Gottheit im Halbschlaf erträumt. Die Sauberkeit war prächtig: Die Polizei kümmerte sich um die Bettler, und sie fütterte die Tauben und Ratten so gewissenhaft, dass alle bald verschwunden waren. Ein Zaubertrick. Und umso reiner war das Bild und umso stiller der Tag. Alle, die Möglichkeit hatten, zogen sich in ihre Wohnungen zurück, schauten fern und machten Kinder, wenn sie nach der Kriminalserie noch geil werden konnten. Das ging bei den meisten erstaunlich gut. Ein Kind würde sie dann beschäftigen, wenn alle Fernsehprogramme der Welt aufgeschaut waren.

«Alles Arschlöcher» ist sein Lieblingssatz. Sie zogen sich zurück zu ihr, in ein Zimmer im hässlichsten Block. Östlich der Stadt gab es keine Polizeifahrten, und die Ratten kauften an der Tankstelle ein. In den kompromisslosen Architekturen, Blöcken, Kisten, Klötzen, Türmen und dazwischen ging das Leben weiter, während die Aufpasser im Stadtzentrum das Lineal zwischen schiefen Mauern anlegten und alles Leben aus den alten Gassen jagten. Aber hier draussen war die Krankheit kaum zu spüren. Alles stank wie immer.

Er glaubt: Die Liebe zu ihr ist ein Unfall. Das ist besser als Krankheit, ein Unfall ist Kompression, die Verdichtung von Zeit, das höchste Potenzial; Urteil und Gnade oder Gnadenstoss – und das alles zur fast selben Zeit, während die Krankheit saugt und seucht, vielleicht ein Trauerlied anstimmt oder in einem Rest Hoffnung mündet, über allem aber: Langeweile. Ihm ist die Langeweile der Tod, nicht der Tod. Seine Nase findet er krumm schön. Als sie gerade war, sah er darin keinen Grund.

Sie glaubt: Die Liebe zu ihm ist ein Wörterbuch. Darin ist die Gewalt ein Synonym der Zärtlichkeit. Ihre Gewalt ist kein Krieg. Im Wortschatz steht für jeden Ort ihres Körpers ein unmissbräuchlicher Name für sich selbst. Im Wortschatz steht mindestens tausendmal Ficken, aber Eindringen ist damit nie gemeint. Im Wortschatz steht der Tod für Langeweile. Sie denkt sich das alles als ein Wörterbuch und weiss: Es ist eigentlich eine Karte.

Beide sind wütend. Beieinander sind sie nackt wie ihre Wut. Sie schlafen nie miteinander. «Ich hätte gerne einen Schwanz im Mund», hat er mal gesagt, sonst nichts. Sie glaubt nicht, dass körperliche Sexualität ihn interessiert. Sie vögelt auswärts mit netten Männern. Jetzt vögelt sie nicht mehr, die netten Leute haben sich zum Fernsehen verabredet. Manchmal ist sie wütend auf sich selbst, weil sie lieber Frauen ficken würde. Aber es macht sie nicht nass.

Sie kann nicht schlafen. Ihre Nacht ist hell. Sie erfindet neue Begriffe und denkt sich die Wörter als Waffen. Wut macht blind, das sagen die Leute. Sie wird daran hellsichtig. Seine Nacht ist dunkel: Er schläft und schreit. Am Morgen weiss er von nichts und raucht zehn Zigaretten.

Sie sind ganz zusammen. Ihre Wut ist egalitär, und ihre Schwere ist im Gleichgewicht: Sie wiegen beide 72 Kilogramm. Er ist lang und mager, und sie hat Schenkel. Darin klemmt sie ihn ein, bis er fast erstickt, er haut ihr ins Gesicht, bis sie blutet. Beide beissen. Er hat mehr Hebel als Kraft, und mit Erotik hat das nichts zu tun. Sie lachen und weinen und schreien und schweigen. Sie sind wütend, nie aufeinander. Zwischen ihren Körpern ist kein Platz für die Welt. Er greift nach ihrem Armknöchel und wirft seinen Rumpf in ihr Becken. Sie versenkt einen Schrei in seinem Nacken und hämmert ihm die Ferse an die Wirbelsäule. Das verkrümmt ihn, und sie windet sich aus der Gefangenschaft, presst ihr Schienbein an seinen Hals. Die Arme suchen Widerstand und verweben sich, die Gelenke überdrehen, und die Gehirne überhitzen. Die Hände greifen nach Halt und zerren am Gewebe, die Finger vergraben sich darin. Er wendet seine Zunge in der Wunde, mischt Blut und Speichel im Mund, das Palatum jubelt auf, er spuckt ihr ins Gesicht. Manchmal schluckt er alles runter, sie zeichnet ihm mit dreckigen Nägeln eine Furche ins Fleisch. Er ohrfeigt sie, sie kopfnusst ihn. Manchmal geht es Stunden, manchmal nur Sekunden. Sie machen Pausen von Tagen und Wochen. Sie wissen, wann sie aufhören müssen, und am nächsten Morgen schminken sie sich gegenseitig.

Am übernächsten Morgen ist die Krankheit schon verhandelbar geworden. Am Tag darauf verkäuflich. Dann verlassen sie den hässlichen Wohnblock, fahren westwärts in die Stadt und schauen den Leuten beim Einkaufen zu.

Sie sagt zu ihm: «Wir haben Löcher im Lachen. Uns fehlen Zähne. Aber den Arschlöchern fehlt die Zeit: Sie haben sich in die Bürgerlichkeit gevögelt.» Er sagt: «Wir explodieren.»

Mirko Schwab (27) ist freischaffender Autor und Musiker. Er lebt und schreibt in Bern. Das Schreiben findet er anstrengender. Irgendwann bald will er sich einen Hund anschaffen und nach La Chaux-de-Fonds auswandern.

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