Nr. 39/2020 vom 24.09.2020

Riesige Fontänen Stephanie Haerdle hat ein Buch über die Geschichte der weiblichen Ejakulation verfasst. Wer weiss schon, dass auch Frauen eine Prostata haben?

Von Karin Cerny

Splash! Die katholische Kirche ­forderte noch bis ins 18. Jahrhundert den feuchten Orgasmus der Frau. Foto: Taras Chernus

Manchmal findet der beste Aufklärungsunterricht im Kino statt. Ende der neunziger Jahre lief im Rahmen einer Berliner Filmreihe die Anleitung «How to Female Ejaculate» von Deborah Sundahl. Da sassen Frauen im Kreis, diskutierten und begannen zu masturbieren, bis riesige Fontänen spritzten. Die Kulturwissenschaftlerin Stephanie Haerdle war damals im Publikum und kam aus dem Staunen nicht heraus: «All meine Bilder, wie Frauen sind, wie Männer sind, wie Sex aussieht, wurden über den Haufen geworfen», erinnert sie sich: «Ich bin mit diesen komischen Gegensätzen gross geworden, dass Männer aktiv, Frauen passiv sind, dass nur Männer abspritzen können.»

Haerdle fragte sich: Was bedeutet es für unsere Wahrnehmung von Geschlecht, wenn Frauen auch ejakulieren können? Zeigt das nicht, dass sich Männer und Frauen körperlich sehr ähnlich sind? Sie begann zu recherchieren und Material zum Thema zu sammeln, kam aber lange auf keinen grünen Zweig. Zu widersprüchlich, aber auch zu lückenhaft war die Forschung. Als ergiebiger stellten sich kritische Fragestellungen heraus: Wo liegt das Problem mit der weiblichen Ejakulation? Warum wissen wir so wenig darüber? So ist ihr Buch «Spritzen» auch eine Geschichte des Vergessens und Verdrängens geworden, das zeigt, wie sehr unsere Bilder von Körper und Geschlecht gesellschaftlich konstruiert sind.

Bis zu 69 Prozent aller Frauen ejakulieren beim Sex, haben aktuelle Untersuchungen ergeben. Es kann ein Teelöffel voll Flüssigkeit verspritzt werden oder ein riesiger Fleck auf dem Bettlaken bleiben. Trotzdem ist weibliches Ejakulieren für viele noch immer ein Mythos. Frauen glauben stattdessen, sie würden unkontrolliert urinieren. Und schämen sich dafür. Dabei war Ejakulieren sowohl für den Mann als auch für die Frau jahrhundertelang ein selbstverständlicher Teil sexuellen Erlebens. Flüssigkeitsergüsse wurden vor über 2000 Jahren in China, im alten Indien, aber auch in arabischen Texten des Mittelalters beschrieben. Meist wurden sie als einander ergänzende «Zeugungsstoffe» gedeutet. Die katholische Kirche forderte den feuchten Orgasmus der Frau noch bis ins 18. Jahrhundert. Auch pornografische Texte aus dieser Zeit sind voller Beschreibungen dieser Ergüsse. Erst im 19. Jahrhundert wurde diese Praxis geleugnet, tabuisiert, bekämpft und verdrängt – und dann weitgehend vergessen.

Die Wissenschaft begann, vor allem die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu betonen. Alles, was vorher durchaus als fliessend beschrieben wurde, war nun strikt getrennt. Mann und Frau standen einander plötzlich als grundverschiedene Wesen gegenüber. Die Ejakulation wurde zu einer typisch männlichen Sache. Das «eigenthümliche Secret», das «wollüstige Frauen» absondern, wie es der deutsche Frauenarzt Dietrich Wilhelm Heinrich Busch in seiner fünfbändigen Abhandlung über das «Geschlechtsleben des Weibes» (1839–1844) formulierte, wurde nur noch in Zusammenhang mit Krankheiten wie der Hysterie genannt. «Die Pathologisierung der weiblichen Sexflüssigkeit hat begonnen», schreibt Haerdle in ihrem Buch. Die weibliche Ejakulation wurde zum gewöhnlichen «Schleim» degradiert, zum abstossenden Ausfluss geiler Frauen. Der Samen des Mannes befruchtet, die Frau wird zum Passiven und Empfangenden. Um 1900 ging der Diskurs sogar in die Richtung, ob Frauen beim Sex überhaupt Lust verspürten.

Es gibt keinen Klitorisneid

Doch erst im 20. Jahrhundert werden Ejakulieren und Urin unheilvoll miteinander verknüpft. Der britische Sexualwissenschaftler und Psychiater Havelock Ellis behauptete 1903, dass das unfreiwillige Urinieren der Frau beim Sex eine häufige und «normale Begleiterscheinung» sei. Eine Fehlinterpretation, die bis heute nachwirkt. «Gerade wenn es um den weiblichen Körper geht, fällt auf, dass viel Wissen, das schon einmal da gewesen ist, immer wieder verschwindet», sagt Haerdle. «Und die nächste Generation muss wieder bei null beginnen.»

Eines ist jedoch konstant geblieben: Männer schreiben die Medizingeschichte, sie prägen die Diskurse. Und setzen ihren Körper als Norm. Die US-amerikanische Psychiaterin Mary Jane Sherfey erklärte 1966 in ihrem Buch «Die Potenz der Frau», dass der Embryo ursprünglich weiblich sei und sich erst in der fünften Woche in «männlich» oder «weiblich» differenziere. Sie zeigte auf, wie gross die biologischen Parallelen zwischen dem Penis und dem klitorialen System, von dem sich über neunzig Prozent innerhalb des Körpers befinden, sind. Embryologisch gesehen, sei es durchaus richtig, im «Penis eine wuchernde Klitoris» zu sehen, betonte Sherfey. Durchgesetzt hat sie sich damit freilich nicht. Es gibt keinen Klitorisneid. Der Penisneid prägt dagegen nach wie vor die Psychologie. Diese maskuline Deutungsherrschaft wirkt aber auch bis in die Medizin nach: Die meisten Medikamente werden für den durchschnittlichen Männerkörper entwickelt. Erst in den neunziger Jahren wurde die sogenannte Gendermedizin zum Thema, die eine geschlechtsspezifische Erforschung von Krankheiten forciert.

Rückeroberung des Körpers

Doch was ist dieses weibliche Ejakulat eigentlich? Die jüngsten Forschungen gehen davon aus, dass es sich um zwei unterschiedliche Flüssigkeiten handelt. «Eine weissliche, dickflüssigere, die aus der weiblichen Prostata kommt, die nennt man Ejakulat. Und eine dünnere, die in grösseren Mengen verspritzt werden kann, diesen Vorgang nennt man Squirten. Diese Flüssigkeit kommt wahrscheinlich aus der Blase, aber es handelt sich dabei um keinen Urin», fasst es Haerdle zusammen. 2001 wurde die weibliche Prostata als offizieller medizinischer Begriff eingeführt. In vielen medizinischen Standardwerken fehlt sie aber nach wie vor. Sie ist auch nicht Teil der Ausbildung. Der Wiener Urologe Florian Wimpissinger hat viel über die weibliche Prostata geforscht, er erklärt sich die Wissenslücke damit, dass die Prostata der Frau höchst unterschiedlich aussieht. Sie ist nicht eine walnuss- oder kastaniengrosse Kugel, die, wie beim Mann, immer an derselben Stelle sitzt. Die weibliche Prostata kann unterschiedliche Formen und Grössen haben und sitzt meist, aber eben nicht immer, Richtung Harnröhrenausgang. «Das macht eine Diagnostik schwieriger. Diese Unterschiedlichkeit ist aber auch eine gute Erklärung dafür, warum nicht alle Frauen ejakulieren», so Haerdle.

Der Umgang mit der weiblichen Prostata beweist, wie sehr die Erforschung der Fortpflanzungsorgane und der Sexualität von kulturellen Ideologien geprägt ist. In der griechisch-römischen Antike war die weibliche Prostata als homolog zur männlichen bekannt. Bei Herophilos (circa 325–255 v. u. Z.) gab es frühe Darstellungen. «Ihre Geschichte ist, so wie die der Klitoris und die der Ejakulation, eine von Entdeckung, Beschreibung und Vergessen, Wieder-Entdeckung, Wieder-Beschreibung und Wieder-Vergessen», schreibt Haerdle in «Spritzen».

Gerade ist eine neue Phase des Wiederentdeckens im Gang. In den letzten Jahren versuchte eine junge Generation von Frauen verstärkt, ihre Körper zu erforschen, durchaus mit feministischem Impuls. Während es in den neunziger Jahren in den Genderdiskursen vor allem um die Konstruktion von Geschlecht ging und alles sehr theoretisch blieb, wollen nun junge Frauen ihre realen Körper zurückerobern und sich untereinander austauschen. Die Comics wie etwa «Der Ursprung der Welt» (2017 auf Deutsch) der schwedischen Zeichnerin Liv Strömquist erkunden die Geschichte der weiblichen Sexualität und ihrer Tabuisierung, in London hat vor kurzem ein Vagina-Museum eröffnet, Bücher über Menstruation boomen. Es gibt wieder Vulva-Watching-Kurse wie in den siebziger Jahren, als sich Frauen in einen Kreis gesetzt, mit einem Spekulum ihr Geschlecht untersucht und dabei befreiend festgestellt haben, wie unterschiedlich Vulven aussehen können. Dass alles normal ist. Genauso wie das Spritzen.

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