Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Das Risiko war bekannt

Im kantonalen «Rückkehrzentrum» in Urdorf haben sich fast die Hälfte der Bewohner mit dem Coronavirus infiziert. Die politische Verantwortung dafür trägt SP-Regierungsrat Mario Fehr.

Von Anna JikharevaMail an AutorIn

Dass in einer der Zürcher Notunterkünfte Corona ausbrechen würde, kann niemanden überraschen. Schliesslich warnen Bewohner, Aktivistinnen und Ärzte seit über einem halben Jahr vor ebendiesem Szenario. Auch die Medien haben in den letzten Monaten ausführlich über die prekären Umstände in den «Rückkehrzentren» berichtet. Nun haben sich die Befürchtungen bestätigt.

In Urdorf sind vergangenen Donnerstag sechzehn Personen positiv auf Covid-19 getestet worden. Seither befinden sie sich in einem ehemaligen Pflegezentrum im Zürcher Kreis 4 in Isolation, die restlichen zwanzig Urdorf-Bewohner sind im gleichen Gebäude auf einem anderen Stock in Quarantäne.

Abstand unmöglich

Von allen Zürcher Notunterkünften hat Urdorf die prekärsten Bedingungen. Dutzende Männer, deren Asylgesuche abgewiesen wurden, leben dort zusammengepfercht in einem unterirdischen Bunker ohne Tageslicht oder Frischluft. Wie an einem Ort, an dem sich bis zu acht Personen ein Zimmer und alle eine Küche teilen, die Abstandsregeln umsetzbar sind? Eine Antwort auf diese Frage ist die für das Asylwesen zuständige Sicherheitsdirektion von SP-Regierungsrat Mario Fehr bisher schuldig geblieben.

Stattdessen wurden die Befürchtungen stets in den Wind geschlagen. Auch jetzt kommt von den Behörden vor allem Eigenlob: Auf den Coronavorfall in Urdorf sei «dank guter Vorbereitung schnell und professionell» reagiert worden, die Erkrankten habe man «umgehend» transferiert, lautete die Pressemitteilung. Wer allerdings mit erkrankten Bewohnern und UnterstützerInnen spricht, erhält ein anderes Bild.

Er habe seinen Geschmacks- und Geruchssinn verloren, ansonsten aber gehe es ihm gut, erzählt Adil Khan* am Telefon. Seit fünf Tagen sei er in Isolation, nach seinem Wohlbefinden habe sich seither aber niemand erkundigt. «Sie haben gesagt, dass ein Arzt komme, aber niemand kam.» Auch habe ihnen keiner erklärt, wie es weitergehe.

Sprung aus dem Fenster

Dass in Urdorf die Einhaltung der Coronamassnahmen illusorisch sei, bestätigt auch Khan. Und: «Wenn ich unbemerkt infiziert bin und dann in die Migros gehe, gebe ich das Coronavirus weiter», sagt er. «Das ist nicht nur für mich gefährlich, sondern für die ganze Gesellschaft.» Der Aussage, wonach die Behörden «schnell und professionell» gehandelt hätten, widerspricht der Geflüchtete. So seien nach der ersten Infektion mehrere Tage vergangen, bis die anderen Bewohner getestet und verlegt worden seien.

Ähnliches weiss auch Jela Kistler vom Bündnis «Wo Unrecht zu Recht wird» zu berichten, das die Menschen in den Zürcher Notunterkünften berät. Die Leute seien verunsichert, hätten Angst, wieder zurück in den Bunker zu müssen, sagt sie. Gemäss den Behörden ist aber genau das geplant. «Damit setzt die Sicherheitsdirektion die Leute bewusst erneut dem Risiko aus, sich zu infizieren», sagt Kistler. Sie fordert nach wie vor eine Schliessung des Bunkers.

Was sagen die Behörden dazu? Wie wollen sie sichergehen, dass es in Urdorf nicht erneut zu einem Ausbruch kommt? Auf Anfrage verweist ein Sprecher der Sicherheitsdirektion auf frühere Mitteilungen. Konkret wird er nicht: «Selbstverständlich» würden die Betroffenen ausreichend informiert. Und für die Rückkehr nach Urdorf werde das Schutzkonzept «noch einmal überprüft». Die Frage, ob mit dem Testen zu lange gezögert worden sei, beantwortet er nicht.

Am Mittwoch dann die Nachricht, dass zwei Personen, die im Kreis 4 in Quarantäne waren, aus dem Fenster gesprungen sind. Auf Anfrage bestätigt die Zürcher Kantonspolizei den Vorfall. Die beiden Personen befänden sich in Spitalpflege. Wie gross musste ihre Verzweiflung sein? Statt auf die Kritik einzugehen, schob die Sicherheitsdirektion in einer zynischen Medienmitteilung die ganze Verantwortung auch noch den Betroffenen zu.

Die Zürcher Regierung ist in der Coronakrise stets mit vielen Ratschlägen aufgefallen. Was am Ende bleibt, ist der Eindruck, dass der Sicherheitsvorsteher die Schwächsten nicht vor dem Virus geschützt hat – im Gegenteil: Mit seiner Politik setzt er sie mutwillig gesundheitlichen Risiken aus.

* Name geändert.

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