Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Gotteslästerung auf 7700 Metern

Von Dominic SchmidMail an AutorIn

Es gibt Orte auf der Welt, wo der Mensch nichts verloren hat. Manche wissen das und erzählen sich Legenden von Göttern, die jene bestrafen, die sich diesem Gesetz widersetzen. Anderen ist das egal. Angespornt vom Abenteuergeist des kolonialen 19. Jahrhunderts wie auch der individualistischen Gegenwart, versuchen sie auf immer wieder neuen Wegen, zu verbotenen Orten zu gelangen. Der Traum, einmal die Ersten gewesen zu sein, ist stärker als die Bedenken jener, die sie in ihr frevlerisches Tun miteinbeziehen.

So muss dies jene Sherpa-Familie sehen, die im Dokudrama «The Wall of Shadows» porträtiert wird. Sie lebt im nepalesischen Hochland, im Schatten des Kumbhakarna. Ihr Berg ist ein heiliger Berg, der nicht bestiegen werden darf – von seiner tückischen Ostwand her ist dies auch noch niemandem gelungen. Drei osteuropäische Bergsteiger wollen dies ändern. Sie heuern Ngada an, den Vater der Familie, der seinem Sohn das Medizinstudium finanzieren möchte. Seine Frau verweist besorgt auf die kommende Rache des Berggottes. Schon wird aber ein Basecamp errichtet, damit die Bergsteiger ihr Projekt in Angriff nehmen und ein weiteres Häkchen im Buch der menschlichen Meriten machen können. Weder der Ärger des Kumbhakarna noch das Risiko des Sauerstoffmangels (Hypoxie) auf dieser Höhe kann sie beeindrucken.

Einmal bemerkt jemand, dass dies ja gar kein Film über das Bergsteigen wird, sondern über die Menschen. Tatsächlich interessiert sich die polnische Regisseurin Eliza Kubarska weder für die Logistik des riskanten Unterfangens noch dafür, uns Orientierung in dieser atemberaubenden Topografie zu verschaffen. Nicht einmal den Ausgang der Expedition werden wir am Ende erfahren. Stattdessen stürzt uns der Film mitten in jenen alten Konflikt zwischen Glaube und Aufklärung und schafft es, weder für das eine noch das andere klare Position zu beziehen. Es ist fast schon seltsam, wie sehr die Sympathien der Regisseurin sich die Waage halten.

Eine alte Geschichte also – neu sind aber die Erzähltechniken. Spektakuläre Drohnenaufnahmen, überwältigendes Sounddesign und eine dokumentarische Methode, die die Grenze zwischen Beobachten und Inszenieren verwischt, machen «The Wall of Shadows» zu einem hypoxischen Erlebnis im besten Sinne. Die Weigerung der Regisseurin aber, eine standfeste Position zwischen ihren Faszinationen zu beziehen, lassen den Film auf seltsame Weise glatter wirken, als er es von seinen Bildern und Gedanken her eigentlich wäre.

Jetzt im Kino.

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