Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Mit Gasmaske, Knieschonern und Helmen

Früher war die Hauptstadt des US-Bundesstaats Oregon ein Hipster-Mekka, heute ist Portland zum Schlachtfeld zweier verfeindeter Lager geworden. Die WOZ hat sich vor Ort umgesehen.

Von Caspar Shaller, Portland

«Wir haben keine Jobs mehr, also haben wir Zeit, zu kämpfen»: Tränengaseinsatz gegen DemonstrantInnen am 18. September in Portland. FOTO: PAULA BRONSTEIN, KEYSTONE

Sobald die Sonne untergegangen ist, füllt sich die sonst wie leer gefegte Stadt mit schwarz gekleideten Gestalten. Aus allen Ecken streben sie nach Downtown, vermummte Grüppchen stehen an jeder Tramhaltestelle, dunkel gewandete Familien klettern aus brav parkierten Mittelklassewagen, Skater in Gasmasken brettern über die Brücken, die über den Fluss führen. An diesem Mittwoch Ende September treffen sich mehrere Hundert DemonstrantInnen auf einem mit Backsteinen ausgelegten Platz in der Innenstadt von Portland, der grössten Stadt des Bundesstaats Oregon.

Früher war Portland als Hauptstadt der Hipster bekannt, über die sich das ganze Land mit der Comedyserie «Portlandia» lustig machte. Heute ist der Ort zum Schlachtfeld der politischen Lager geworden, die sich in den USA immer feindseliger gegenüberstehen: einer sich radikalisierenden Linken, die gegen Rassismus und den Kapitalismus auf die Strasse geht, und einer gewaltbereiten extremen Rechten. Dazwischen steht ein überfordertes liberales politisches Establishment – und eine brutal vorgehende Polizei.

«Riot Ribs» und Antifa-Parolen

Ein Demonstrant sprayt mit pinker Farbe die Zahl 125 aufs Trottoir: Seit so vielen Tagen protestieren die Menschen schon, jede einzelne Nacht seit der grossen Demo am 29. Mai zum Gedenken an George Floyd, der in Minneapolis von Polizisten getötet wurde. Auf dem Platz sind Zelte aufgebaut, in denen man gratis Wasser holen oder sich verarzten lassen kann. Auf einem Schild steht die Telefonnummer eines Anwaltskollektivs. Jemand verkauft marinierte Schweinerippchen, er nennt sie «Riot Ribs».

Läden und Restaurants haben ihre Fenster mit Brettern verbarrikadiert, öffentliche Gebäude wie das Bezirksgericht sind mit einer Mauer aus Betonblöcken umgeben. Das sonst so herausgeputzte Portland ist zugesprayt, überall prangen die Parolen «Antifa» und «ACAB» (All Cops Are Bastards).

«Ich weiss, dass ihr weissen Kids kein gutes Rhythmusgefühl habt, aber versucht mal, im Takt zu bleiben!», ruft einer der Wortführer in sein Megafon. Dann schreit die Menge: «This Shit is Bananas, B-A-N-A-N-A-S! Fuck the Cops!» Der Slogan ist eine Abwandlung des Pophits «Hollaback Girl» der Sängerin Gwen Stefani. Die Demo endet wie immer vor dem Justice Center. Auf dem Höhepunkt der Proteste haben die Bäume hier ihr Laub verloren, weil der Platz jede Nacht mit Tränengas geflutet wurde.

Die meisten DemonstrantInnen tragen Rüstung: Knieschoner, Schulterpads, Helme und Gasmasken. An manchen Helmen kleben «Hello Kitty»-Ohren, jemand hat seinen Helm mit Spiegelstückchen in eine Discokugel verwandelt. «Die Leute gehen nicht mehr feiern, wegen Corona ist eh alles zu, jetzt kommt man an die Demo», meint ein Aktivist. «Wir haben keine Jobs mehr, also haben wir Zeit, zu kämpfen.»

Manche der Anwesenden sammeln Spenden: 30 000 US-Dollar sollen für schusssichere Westen zusammenkommen. Immer wieder kommt es zu schweren Verletzungen, auch JournalistInnen sind vor der Polizei nicht sicher. Ein Fotoreporter verlor ein Auge, selbst Tote hat es bereits gegeben. Präsident Donald Trump hat Portland zum «anarchistischen Territorium» erklärt und droht mit der Streichung von Bundesgeldern. Im Juli schickte er sogar Bundestruppen. Bilder von vermummten Soldaten, die DemonstrantInnen in weisse Vans zerren, gingen um die Welt.

Gefährliches Umland

Man dürfe nicht vergessen, dass die Stadt trotz linkem Image auf Rassismus gebaut sei, sagt Tai Carpenter von der Organisation Don’t Shoot Portland, die Vergehen der örtlichen Polizei dokumentiert. Carpenters Familie lebt seit Generationen hier. In den achtziger Jahren betrieben die Urgrosseltern eines der einzigen von Schwarzen geführten Restaurants der Stadt – und wurden von der Polizei gemobbt.

Einmal erschossen Polizisten mehrere Waschbären und warfen die Kadaver auf die Veranda der Familie. Als ihnen dafür Disziplinarmassnahmen drohten, führte ein Protest der PolizeikollegInnen dazu, dass die Führung diese zurücknahm. Wegen solcher Erfahrungen seien Schwarze «ihr Leben lang Antifaschistinnen», sagt Carpenter. Das liberale Image der Stadt? «Bloss Standortmarketing.»

Als der Hafen und die Fabriken, die die Stadt gross gemacht hatten, in den neunziger Jahren die meisten Angestellten entliessen, setzte die Verwaltung auf Kultur und Konsum, aus der Arbeiter- wurde die Hipsterstadt. «Die versuchen, Weisse herzulocken, die dann Boutiquehotels eröffnen», erklärt Carpenter. Was dabei vergessen gehe: Oregon kannte bis Ende des 19. Jahrhunderts Gesetze, die es Schwarzen verboten, sich im Staat anzusiedeln. «In den Zwanzigern gab es hier die meisten Ku-Klux-Klan-Mitglieder westlich des Mississippi.» Sogar der Bürgermeister von Portland war damals Mitglied der rassistischen Organisation.

Dieses Erbe wirkte bis in die neunziger Jahre nach, als die Stadt ein Hotspot der US-amerikanischen Neonazis war. «Es ist wirklich herzzerreissend zu sehen, wenn die Hipster merken, dass Portland nicht das liberale Paradies ist, das sie sich erhofft hatten.» Das Umland der Stadt sei für People of Color besonders gefährlich, meint Carpenter.

Oregon habe wohl die grösste politische Polarisierung zwischen Stadt und Land in den USA, sagt Amy Herzfeld-Copple. An sie wendet man sich am besten, um zu verstehen, welche Rolle die extreme Rechte in der Gegend spielt. Herzfeld-Copple arbeitet für das Western States Center, eine Bürgerrechtsorganisation, die die öffentliche Verwaltung bei ihrem Vorgehen gegen die Rechte berät. «Sie haben es auf Portland abgesehen», sagt sie. Gerade weil die Stadt als liberal gilt, wollten die Rechten hier Chaos stiften.

Das ländliche Oregon ist ein Tummelplatz für bewaffnete Milizen. Dort sind auch die Proud Boys beheimatet, eine rechtsextreme Gruppierung, die immer wieder mit Maschinengewehren bewaffnet durch die Stadt zieht und Jagd auf AntifaschistInnen macht, die sie für die grösste Gefahr für das Land halten. «Wenn sie keine Antifa finden, attackieren sie Journalisten», erzählt Herzfeld-Copple. An einer Demo hat ein Proud Boy einem Reporter mit einem Bleirohr die Hand gebrochen.

Die Checkpoints der Milizen

Ausgerechnet dieser Gruppe hat Trump in der ersten TV-Debatte mit Joe Biden Auftrieb verschafft. Er wurde aufgefordert, sich von rechten Gruppen wie den Proud Boys zu distanzieren. Trump aber sagte: «Proud Boys, stand back and stand by.» Haltet euch zurück und seid bereit – der Spruch wurde weithin als Unterstützung gewertet, auch von den Proud Boys selbst: Sofort kursierte auf den sozialen Medien ihr Logo, garniert mit dem Spruch des Präsidenten.

«Wenn sogar höchste Stellen im Land Schützenhilfe leisten», sagt Herzfeld-Copple, «kommen sie ihrem Ziel immer näher, den Staat zu beeinflussen.» Sie strebten gar die Übernahme staatlicher Funktionen an. Während der grossen Waldbrände in der Gegend im September errichteten die Milizen an den Strassen Checkpoints, an denen sie Ausweise kontrollierten und Autos durchsuchten. Im Internet kursierten zuvor rasch widerlegte Gerüchte, antifaschistische Gruppen hätten die Brände gelegt. «In mehreren Countys hat der Staat die Kontrolle verloren.»

In der Stadt jedoch zeigt der Staat seine Muskeln. Freitagnacht, die heutige Demo zieht durch ein Villenviertel zum Polizeiposten. Die Polizei macht Durchsagen, doch die Menge schreit so laut «Fuck the cops!», dass man fast nicht mehr versteht, dass der Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken angedroht wird, falls jemand den Rasen vor dem Posten betritt.

Schliesslich blendet die Polizei die DemonstrantInnen mit Scheinwerfern, worauf diese jedoch sofort mit Alufolie bedeckte Kartonbretter herausholen, um das Licht zurückzureflektieren. Nun rückt die Polizei vor und sprüht Pfefferspray in die Menge. Aus einer Seitenstrasse schiessen mehrere Polizeimotorradfahrer, ein Offizier rammt eine Demonstrantin mit seinem Rad. Als sie vor das Motorrad fällt, überfährt er sie. Am nächsten Tag melden AktivistInnen, die Frau sei zuerst verhaftet worden, bevor sie medizinische Hilfe bekam.

Druck auf die DemokratInnen

Die fast tägliche Erfahrung von Polizeigewalt erkläre, warum die Proteste noch immer anhalten, sagt Olivia Katbi Smith, die Kopräsidentin der Portlander Sektion der Democratic Socialists of America. Die Stadt ist zwar demokratisch regiert. Doch wenn der Druck nicht aufrechterhalten werde, ändere sich nichts: «In Minneapolis hat die Stadtregierung entschieden, das Polizeibudget massiv zu kürzen, weil die Demonstranten einen Polizeiposten niedergebrannt haben», sagt Katbi und wird dabei immer lauter. «Aber dann sind sie zurückgekrebst, weil die keinen zweiten Posten abgefackelt haben!»

Der Aufruf zur Zerstörung staatlicher Gebäude kontrastiert mit Katbis bürgerlichem Auftreten, dem weissen Sommerkleid und dem dezenten Goldschmuck. Die Wut müsse aber in konkrete Forderungen und Strukturen überführt werden, sonst verpuffe die Energie: «Wir brauchen Organisation, keine dezentralisierten anarchistischen Strategien», findet sie. Horizontale Bewegungen litten immer an den gleichen Problemen: einem Mangel an konkreten Forderungen und demokratisch legitimierten RepräsentantInnen.

Die Menschen in Portland würden sich immer weiter radikalisieren, meint Politikerin Katbi. Sie würden erst aufhören zu demonstrieren, wenn sich das System ändere. Auch wenn niemand wisse, was danach kommt.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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