Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Ist Camus schuld daran, dass Sie Journalistin wurden?

Klara Obermüller über ein Missverständnis, ohne das sie heute nicht die wäre, die sie ist, und über das, was sie wohl für immer mit Sevilla verbinden wird.

Von Natalia Widla (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Ein Freund schlug mich dem ‹Du› vor. So kam ich zu meiner ersten Stelle als Journalistin»: Klara Obermüller an einem Weiher in Männedorf.

WOZ: Frau Obermüller, Sie haben mal in der NZZ geschrieben: «Man ist, was man aus sich macht. Und nicht, was Herkunft, Familie oder Konventionen für einen vorsehen.» Was war denn für Sie vorgesehen?
Klara Obermüller: Ja, wenn ich das wüsste! Wie ich in meinem Buch «Spurensuche» schreibe, hat dieser Satz damit zu tun, dass ich adoptiert bin und lange Zeit nicht wusste, woher ich komme. Da bleibt einem nicht viel anderes übrig, als sich an das zu halten, was man selbst aus sich macht. Es ist ein Ansatz wider den Determinismus. Die entscheidende Frage für mich ist nicht: Wer bin ich?, sondern: Wie bin ich zu der geworden, die ich heute bin?

Wieso wurden Sie denn ausgerechnet Journalistin?
Durch Zufall und aus Verlegenheit. Ursprünglich wollte ich Medizin studieren.

Und wieso kam es nicht dazu?
Im Jahr vor der Matur lasen wir Albert Camus. Seinen Roman «Die Pest» habe ich so verstanden, dass wir gegenüber Krankheit und Tod letztlich machtlos sind und es deshalb sinnlos ist, dagegen anzukämpfen. Das hat mich derart erschüttert, dass ich den Plan, Medizin zu studieren, fallen liess. Heute weiss ich: Ich hatte Camus fundamental missverstanden.

Hatten Sie einen Plan B?
Nein, aber weil ich immer gute Noten in Deutsch und Geschichte hatte, fing ich an, diese Fächer zu studieren. Später wechselte ich zu Französisch im Nebenfach. So geriet ich in dieses Literaturstudium, stets mit dem Gefühl, dass alles, was ich mache, letztlich nutzlos ist.

Sie waren dem Nihilismus verfallen?
Ja, ich befand mich in einer ziemlichen existenziellen Krise. Über Bücher anderer Leute schreiben, sagte ich mir, was hat das denn für einen Sinn? Aber ich biss mich dennoch brav durch mein Studium und unterrichtete nebenher ein paar Stunden pro Woche Deutsch und Französisch. Eines Tages jedoch war ich bei einem Freund, von dem ich wusste, dass er sporadisch Buchbesprechungen fürs «Du» schrieb, und fragte ihn, wie man das denn mache. Er riet mir, doch einfach mal etwas zu schreiben und es einer Redaktion anzubieten.

Und das taten Sie dann auch?
Nein, ich antwortete ihm, dass ich doch nicht mit irgendwelchen Texten hausieren gehen könne. Da fragte er mich, ob ich gerne fest auf einer Redaktion arbeiten würde, denn beim «Du» suchten sie einen Volontär. Ich sagte ja, er rief an und schlug mich vor. So kam ich zu meiner ersten Stelle als Journalistin.

Also besprachen Sie nun Bücher in einem Magazin?
Gar nicht nur! Mein erster Auftrag bestand darin, Kurztexte zu Schwarzweissaufnahmen der Semana Santa – der Karwoche – in Sevilla zu verfassen. Ich wusste weder, was die Semana Santa ist, noch war ich je in Sevilla gewesen. Mein Glück war es, dass ich in Manuel Gasser einen Chef hatte, der mich einfach ins kalte Wasser warf, mir aber auch vertraute, mich kritisierte und mich förderte.

Schrieben Sie irgendwann noch über Camus?
Ja, viele Jahre später schrieb ich für die «NZZ am Sonntag» zwei Seiten über ihn und darüber, welche Bedeutung er für mich hatte.

Wie ging es weiter nach dem «Du»?
Ich hätte dort bleiben und eine Hundertprozentstelle als Redaktorin haben können, aber ich beschloss, zuerst meine Doktorarbeit fertig zu schreiben und das Studium abzuschliessen. Durch Glück und Zufall fand ich eine Stelle als Redaktionsassistentin beim Feuilleton der NZZ, die mir dies erlaubte. Da war eigentlich schon klar, dass ich im Journalismus bleiben würde. Journalismus ist zu einem Teil meiner Existenz geworden. Das habe ich gemerkt, als ich pensioniert wurde.

Wieso?
Weil ich mich da plötzlich wieder mit der Frage konfrontiert sah, wer ich eigentlich bin. Gerade im Journalismus ist die Person stark an den Beruf gebunden: Ich bin die Journalistin Klara Obermüller. Und wenn ich das nicht mehr bin, was bin ich dann noch? Deshalb wehre ich mich auch so dagegen, wenn es heisst: «Klara Obermüller war Journalistin.»

Sie haben letztes Jahr den Zürcher Journalistenpreis für Ihr Lebenswerk erhalten. Das klingt aber schon etwas endgültig.
Wenn Corona nicht wäre, würde ich immer noch ab und zu Podien moderieren oder Vorträge halten. Aber klar, die aktive Berufstätigkeit liegt schon hinter mir. Deswegen kann ich auch mit dieser Bezeichnung leben.

Wenn Sie nun auf dieses – noch nicht abgeschlossene – Schaffen als Journalistin zurückblicken, würden Sie etwas anders machen?
Könnte ich noch einmal von vorne anfangen, ginge ich vielleicht etwas zielstrebiger vor. Ich bin zwar durchaus ehrgeizig, aber ich war nie besonders karrierebewusst. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass das sympathisch sei, aber vielleicht hätte es mir ja auch Spass gemacht, mal Chefredaktorin zu sein.

In ihrem Buch «Spurensuche» (Edition Xanthippe) wagt Klara Obermüller eine fragmentarische Reise in die eigene Vergangenheit. Nächste Woche erzählt die Journalistin, wie es zu einem Hausverbot bei der NZZ kam und warum einige ihrer ehemaligen RedaktionskollegInnen bei ihrem Anblick die Strassenseite wechselten.

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