Nr. 49/2020 vom 03.12.2020

Ist das Gefühl von Vergänglichkeit negativ?

Die achtzigjährige Publizistin Klara Obermüller darüber, was die Pandemie mit Kontrollverlust zu tun hat und welche Medien sie durch die langen Tage ohne kulturelle Veranstaltungen bringen. Und über den Konflikt, der bei der permanenten Beschäftigung mit Covid-19 entsteht.

Von Natalia Widla (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Seit dem Coronavirus lebe ich viel bewusster in der Gegenwart und versuche, das zu geniessen, was da ist.»

WOZ: Frau Obermüller, wie geht es Ihnen?
Klara Obermüller: Den Umständen entsprechend gut. Mein Mann und ich sind beide bisher gesund geblieben. Wir sind vorsichtig, aber ohne uns komplett zu isolieren. Unser Alltag ist ein ständiges Abwägen. Was mir am meisten fehlt, ist die Abwechslung: Begegnungen, der Austausch mit Menschen, Konzerte, Theater und das Reisen. Stattdessen lese ich viel, schaue Fernsehen, höre Radio.

Aber Angst vor der Pandemie haben Sie keine?
Nein, ich würde es eher ein banges Gefühl nennen. Die Pandemie hat uns allen schmerzlich ins Bewusstsein gerufen, was wir oft zu ignorieren versuchen: Wie verletzlich wir letztendlich sind, wie begrenzt unser Leben ist. Es wird uns seit Monaten allzu deutlich vor Augen geführt, wie wenig Kontrolle wir im Grunde haben – und das ausgerechnet in einer Gesellschaft, die meint, sie habe alles im Griff und es gehe ständig bergauf.

Sie haben mehrmals zum Thema Tod und Verlust geschrieben. Kommt Ihnen diese Auseinandersetzung im Umgang mit diesen Fragen zugute?
Ich denke, dass eine theoretische Auseinandersetzung mit diesen Themen hilfreich ist, aber nichts ersetzt die Erfahrung. Als ich noch nicht ganz vierzig war, trat bei meinem damaligen Mann, dem Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann, quasi über Nacht ein Hirntumor auf. Ich sah ihn sterben, und da wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, was ein solcher Einbruch, buchstäblich aus dem Nichts heraus, bedeuten kann. Dieses Gefühl hat mich seither nie mehr verlassen. Es ist manchmal etwas stärker, manchmal etwas schwächer, aber es erinnert mich immer wieder daran, wie vergänglich unser Leben ist und wie wenig wir darüber verfügen.

Ist das denn ein negatives Gefühl?
Nein, nicht nur. Das Gefühl permanenter Bedrohung kann natürlich belastend sein. Gleichzeitig lebe ich seither aber auch viel bewusster in der Gegenwart und versuche, das zu geniessen, was da ist, und weniger in die ferne Zukunft zu planen. Das kommt mir in der gegenwärtigen Situation sehr zugute.

Sie haben erwähnt, dass Sie während der Pandemie auch viel lesen, fernsehen und Radio hören. Wie konsumiert denn jemand Medien, der sein ganzes Leben in den Medien gearbeitet hat?
Ich habe den Grossteil meines Lebens für Zeitungen gearbeitet und verstehe mich deshalb vor allem als Printjournalistin. Die sechs Jahre Fernsehen bildeten gewissermassen eine Ausnahme und den Abschluss meiner beruflichen Laufbahn. Auch das habe ich gerne gemacht, aber mein liebstes Medium ist und bleibt das geschriebene Wort. Ich bin eine eifrige Leserin und kann mir ein Frühstück ohne eine Tageszeitung fast nicht vorstellen. Aber ich schaue auch gerne fern, und zwar ziemlich wahllos von SRF, ARD und ZDF bis hin zu ORF, 3sat und Arte.

Also schauen Sie hauptsächlich News?
Gar nicht! Es kann gerne ein Krimi sein oder noch lieber ein Herzschmerzfilm. Oder auch Sport! Mein Mann schaut gerne Fussball, da schaue ich manchmal mit. Unsere grosse Leidenschaft jedoch ist Snooker. Das ist unglaublich schön und spannend zum Zuschauen. Diese Präzision und diese Eleganz! Zurzeit läuft die englische Meisterschaft auf Eurosport, da können wir stundenlang zusehen. Aber natürlich auch News, manchmal sogar etwas zu viel.

Gerade beim persönlichen Umgang mit der Coronapandemie spielen die Medien ja eine grosse Rolle …
Oft denke ich, dass ich es nicht mehr hören und lesen möchte, stelle aber gleichzeitig fest, dass ich mich doch permanent informieren muss. 20min.ch etwa nutze ich sehr intensiv. Immer wenn die neuen Zahlen draussen sind, checke ich diese sofort ab. Es ist eine grosse Ambivalenz und ein innerer Kampf. Eigentlich möchte ich gar nichts mehr zu diesem Thema mitbekommen, und doch hänge ich vor dem Bildschirm oder über der Zeitung – und ich ärgere mich so dabei!

Über was denn?
Der Ärger dieser Woche war für mich ein NZZ-Artikel, in dem es hiess, man solle den Staat wieder in Ketten legen! Das ist so typisch NZZ …

Der «Seuchensozialismus» wieder?
Ja! Und dann das Geschimpfe über diesen Staat, der unsere bürgerlichen Freiheiten beschneidet. Da könnte ich mich schwarzärgern! Wie kann man es denn, ohne zynisch zu werden, als Eingriff in die bürgerlichen Freiheiten bezeichnen, wenn einem empfohlen wird, sich die Hände zu waschen und eine Maske zu tragen? Natürlich vermisse ich es auch, in die Beiz oder ins Kino zu gehen, aber ich sehe den Nutzen dieser Massnahmen ein. Auch wenn ich achtzig bin, bin ich ja nicht lebensmüde. Und ich habe auch nicht den Eindruck, dass unser Bundesrat derart diktatorische oder totalitäre Ambitionen hätte, dass man ihn in Ketten legen müsste.

Klara Obermüller (80) ist Journalistin, Literaturkritikern und Autorin. Sie schrieb unter anderem für die NZZ, die «Annabelle» und die «Weltwoche». Von 1996 bis 2002 moderierte sie die «Sternstunde Philosophie» im Schweizer Fernsehen. Sie besitzt «aus Angst, süchtig zu werden», kein Netflix-Abo.

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