Nr. 51/2020 vom 17.12.2020

Die Krux mit den Zahlen

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Seit Oktober starren wir wieder auf die Zahlen, als hinge unser Leben davon ab. Was es in gewisser Weise auch tut: kaum noch freie Betten auf den Intensivstationen, Covid-Tote, Übersterblichkeit. Und so wird jeder zur vermeintlichen Expertin über Reproduktionsraten, logarithmische Kurven und dergleichen. Tatsächlich aber begreifen die wenigsten, was exponentielles Wachstum bedeutet. Klar, das Beispiel mit dem Reiskorn auf dem Schachbrett, das über jedes Feld verdoppelt wird: Am Schluss sinds über achtzehn Trillionen Körner, oder, wie die ETH Zürich schätzt, elf Milliarden Eisenbahnwagen voller Reis. «Das systematische Unterschätzen des exponentiellen Wachstums kann in einer Pandemie verheerende Auswirkungen haben», schreibt die Hochschule. Weil sich die Leute als Konsequenz nicht an die Massnahmen halten.

Und so spielte ein ETH-Forschungsteam mit über 400 ProbandInnen das Szenario exponentiellen Wachstums an Covid-Fallzahlen aus verschiedenen Vergleichsperspektiven durch. Das Szenario: Geht man von aktuell 1000 Infektionen und einer täglichen Wachstumsrate von 26 Prozent aus, steigen die Fallzahlen innert dreissig Tagen auf eine Million. Was passiert, wenn man die Wachstumsrate mit eindämmenden Massnahmen auf 9 Prozent senken kann? Wie viele Ansteckungen können verhindert werden? Wie viel Zeit lässt sich gewinnen, bis die Fallzahlen eine Million erreichen? Die ProbandInnen mussten schätzen – und lagen fast überall weit daneben. Einzig die zeitliche Dimension hatten sie besser im Griff und konnten deshalb mit Aussagen am besten umgehen, die Massnahmen zur Eindämmung damit begründen, dass sich die Fallzahlen statt alle drei nur alle acht Tage verdoppeln und dadurch fünfzig Tage Zeit gewonnen würden.

Die Forschenden empfehlen dem Bund, künftig Massnahmen zur Eindämmung von Covid mit der Angabe gewonnener Zeit zu verknüpfen – auf dass die Botschaft besser ankomme.

Wir finden: Es wäre schon viel gewonnen, wenn der Bund seine Massnahmen eindeutig kommunizieren könnte.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch