Nr. 52/2020 vom 24.12.2020

Geiselverhandlungen auf eBay

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Eigentlich ironisch: Im Schatten gehypter US-Geheimdienstserien wie «The Americans» und «Homeland» hat Éric Rochant in den vergangenen fünf Jahren eine Serie rund um eine fiktive Abteilung des französischen Geheimdienstes DGSE gedreht, die ihre amerikanischen Konkurrenten locker an die Wand spielt. Die «New York Times» bezeichnete «Bureau des Légendes» vor einem Jahr als «die wahrscheinlich smarteste und authentischste Spionageserie weltweit» – und da war die fünfte und letzte Staffel noch nicht einmal erschienen.

Eigentlich nur die halbe Wahrheit: Die Serie mit Matthieu Kassovitz in der Hauptrolle ist ein ebenso subtiles wie komplexes, quasiethnografisches Psychogramm des Geheimdienstmilieus, in das wir als teilnehmende BeobachterInnen erst einmal einfach hineingeschmissen werden. Auf dass wir uns selber zurechtfinden und zu decodieren lernen, was da gerade abläuft. Warum freut sich der DGSE, wenn ein hochrangiger algerischer Beamter seinem Zahnarzt in Paris mitteilt, wann er ihm ein Taxi zum Flughafen schicken soll? Weshalb spielen sich Geiselverhandlungen auf eBay ab? Und warum um alles in der Welt verteilen die Leute im «Bureau» untereinander Spitznamen aus «Tim und Struppi»?

Eigentlich absurd: Hier wird eine abgründige Spionagewelt, in der das Misstrauen und die Angst, aufzufliegen, omnipräsent sind, in liebevollen, mitunter schrulligen Humor getaucht und von ebensolchen ProtagonistInnen bevölkert. Kassovitz spielt Guillaume Debailly alias Malotru (intern) alias Paul Lefebvre, Letzteres sein Legendenname, unter dem er auf Mission geschickt wird. Als Paul verliebt er sich in Syrien in die Lehrerin Nadja El Mansour, womit sich ein kompliziertes Drama entspinnt, das die fünf Staffeln zusammenhält.

Eigentlich tragisch also: Nicht nur der Vorzeigespion Debailly, auch sein Chef mit den komischen Krawatten, die neu angeworbene Marina Loiseau und später auftauchende Bureau-Leute wie der übergewichtige Jonas oder der paranoide JJA (Mathieu Amalric) – sie alle sind Spielball einer hochgradig zynischen Welt, in der jede Figur darum ringt, ihre Menschlichkeit zu bewahren. Ganz grosses Kino im Serienformat.

«Bureau des Légendes». Regie: Éric Rochant. Canal +. Frankreich 2015–2020. Fünf Staffeln.

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