Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

«Denken die Leute noch an uns?»

Aufgezeichnet von Sarah Schmalz

«Buchhändlerin ist ein schöner Beruf, aber er ist schon lange nicht mehr so leicht. Ich arbeite nun seit zwei Jahren hier, wir sind eine Genossenschaftsbuchhandlung, alle Mitarbeiterinnen sind gleichberechtigt.

Den ersten Lockdown haben wir überraschend gut überwunden. Es gab eine grosse Solidarität unter unserer Kundschaft. Den Leuten war bewusst, was die Krise für einen kleinen Laden wie unseren bedeuten kann. Sie haben also eher mal ein Buch mehr bestellt. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass die Leute in der Coronakrise mehr Zeit haben. Und irgendwann hast du alle Netflix-Serien gesehen, bist jeden Tag fünf Stunden spaziert und denkst dir vielleicht: Jetzt könnte ich wieder mal ein Buch lesen.

Im ersten Lockdown haben wir bestellte Bücher zum Abholen vor den Laden gelegt; das werden wir auch jetzt wieder so machen. Du arbeitest also drinnen im Laden, die Kunden kommen vor die Tür. Im ersten Lockdown habe ich vor allem den Kontakt vermisst. Die Comedia ist ja eine sehr persönliche Buchhandlung, wir haben einen freundschaftlichen Umgang mit den Kundinnen und Kunden, der Laden ist auch ein Treffpunkt. Wir bestellen auch nur Bücher, die jemand von uns persönlich auswählt und empfehlen kann. Wir sind auf Comics und Mangas spezialisiert, fokussieren aber auch etwa auf südamerikanische Literatur, politische Sachbücher, Philosophie, Ökologie und Musik.

Ich habe meine Lehre in einer grossen St. Galler Traditionsbuchhandlung gemacht; diese wurde während meiner Ausbildung von Orell Füssli übernommen, was zu immer mehr Kommerzialisierung führte. Für mich war irgendwann klar: lieber gar nicht mehr als Buchhändlerin arbeiten als für einen Grosskonzern. Die Stelle hier war dann ein absoluter Glücksfall. Doch als Kleinbuchhandlung zu überleben, ist eine ständige Herausforderung.

Ich mache die Erfahrung, dass es schnell knapp werden kann. Es gibt gute Monate. Und dann bricht der Umsatz plötzlich wieder ein. Existenzbedrohend könnte es schnell werden; die Angst, nicht zu überleben, schwingt immer mit, wir haben nicht viele Reserven. Zwei, drei Monate Totalausfall würden uns schon an den Rand des Ruins bringen.

Die Buchhandlungen haben ja nicht nur mit der Konkurrenz aus dem Internet zu kämpfen; viele sind nach dem Fall der Buchpreisbindung eingegangen. In St. Gallen gab es einst viele kleinere Buchhandlungen – nur wenige von ihnen haben überlebt. Und selbst Orell Füssli musste in ein kleineres Ladenlokal ziehen.

Beim zweiten Lockdown fragen wir uns vor allem: Erinnern sich die Leute noch an uns? Gibt es wieder so viel Solidarität? Die Krise dauert ja nun schon ein Jahr, die Leute sind langsam müde, haben ihre eigenen Sorgen. Von der Politik wünschten wir uns mehr Klarheit: Dieses Hin und Her, die Unübersichtlichkeit bei den Unterstützungsmassnahmen, das ist schon mühsam.

Ein bisschen hatten wir auch gehofft, dass wir diesmal das Ladenlokal nicht schliessen müssten. Man kann sich ja schon fragen: Warum zählt der Bundesrat Haareschneiden zum täglichen Bedarf, Bücher aber nicht? Zudem haben wir eine grosse Ladenfläche und beschränken den Einlass. Aber klar, irgendwo muss man die Grenze ziehen, und ich möchte derzeit auch nicht in der Haut des Bundesrats stecken.

Grundsätzlich befürworte ich die Massnahmen natürlich: Die Gesundheit der Menschen steht über jedem Profit. Ganz allgemein wünsche ich mir bald wieder etwas mehr Unbeschwertheit. Dieser Zustand ist ja für alle langsam unerträglich.»

Für Claudia In-Albon (37) ist Buchhändlerin nach wie vor ein Traumberuf, weil Bücher ein ständiger Begleiter sind – ob auf Reisen oder zur Alltagsflucht.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch