Nr. 04/2021 vom 28.01.2021

Tödliche Recherchen

Noch kaum je war es so gefährlich, in Afghanistan journalistisch tätig zu sein – viele Medienschaffende flüchten. Dabei wären sie dringend nötig.

Von Emran Feroz

Der erste Tag des Jahres 2021 begann für die afghanische Medienszene mit Trauer. In der Provinz Ghor wurde der Radiojournalist Bismillah Adil Aimaq getötet. Die Identität der TäterInnen blieb – wie schon so oft – im Dunkeln.

Damit wurde ein blutiger Trend fortgesetzt, der das ganze vergangene Jahr geprägt hat. Mindestens acht JournalistInnen und Medienschaffende wurden 2020 in Afghanistan getötet. Schon seit Jahren gehört der Beruf zu den gefährlichsten im Land. Wer JournalistIn werden will oder als solcheR tätig ist, gilt als tollkühn oder lebensmüde. So ist zumindest die Wahrnehmung vieler Menschen innerhalb der afghanischen Gesellschaft, und die Statistik gibt ihnen recht. Laut dem Committee to Protect Journalists wurden seit 1992 in Afghanistan 53 JournalistInnen während ihrer Arbeit getötet.

Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein, auch weil viele LokaljournalistInnen oftmals nebenher andere Tätigkeiten ausüben und deshalb nicht immer als Medienschaffende wahrgenommen werden. Hinzu kommt, dass auch schon früher, vor allem in den achtziger Jahren während der sowjetischen Invasion Afghanistans, viele Journalistinnen, Dissidenten und Intellektuelle gezielt ermordet wurden. Es ist also kein Zufall, dass viele BeobachterInnen die düsteren Zeiten von damals mit der Situation von heute vergleichen.

Desinteressierte Regierung

JournalistInnen werden von vielen Seiten bedroht: Da sind die Taliban und der IS, denen freie Medien schon immer ein Dorn im Auge waren. Doch auch von staatlicher Seite wird die Jagd auf JournalistInnen nachgerade gefördert. Es gibt afghanische CIA-Milizen, die mit ihren Kriegsverbrechen nicht konfrontiert werden wollen und deshalb versuchen, jegliche Berichterstattung zu unterdrücken. Der NDS, Kabuls Geheimdienst, arbeitet mit perfiden Methoden und geht gegen Dissens und kritischen Investigativjournalismus mit Gewalt vor. Afghanistans amtierender Vizepräsident Amrullah Saleh wiederum versucht gelegentlich, via Twitter JournalistInnen einzuschüchtern, wenn diese über zivile Opfer nach Luftangriffen der Regierung berichten. Wer das Handeln der Regierung kritisiert, wird nicht selten als «Taliban-Sympathisant», «Terroristin» oder «Volksverräter» abgestempelt und zum Abschuss freigegeben.

Diese Umstände haben dazu geführt, dass die Kabuler Regierung nach der jüngsten Mordserie an Medienschaffenden nicht nur machtlos, sondern auch desinteressiert erscheint. Untersuchungen werden immer wieder angekündigt, jedoch nie eingeleitet. Die chaotischen Verhältnisse wiederum ermutigen auch andere Akteure, etwa Warlords und kriminelle Netzwerke, Attentate durchzuführen und unliebsame KritikerInnen aus dem Weg zu räumen. Auch sie haben gelernt, dass niemand nach den TäterInnen fragt. Dies führt auch dazu, dass nach der Ermordung von JournalistInnen zahlreiche Gerüchte und Theorien bezüglich der möglichen TäterInnenschaft verbreitet werden.

Dieser desolate Zustand kann sich nur durch eine Intervention der internationalen Gemeinschaft ändern. Nur sie kann afghanische JournalistInnen beschützen und auf alle genannten AkteurInnen Druck ausüben. Viele von diesen werden immerhin seit Jahren von westlichen Staaten hofiert und mit Hilfsgeldern überschüttet. Der afghanische Geheimdienst etwa würde ohne westliche Hilfe wohl keinen Tag überleben können.

Berechtigte Sorgen

Wer als ReporterIn ins Land reist, um von dort zu berichten, ist ebenso gefährdet. Während ich trotz allem meine nächste Recherchereise vorbereite, wollen viele KollegInnen das Land verlassen. Sie planen ihre Flucht, obwohl sie trotz der Widrigkeiten und Gefahren der letzten zwanzig Jahre stets in Afghanistan geblieben sind. Doch die aktuelle Mordserie erschüttert auch die dickhäutigsten KollegInnen. So unsicher war es noch nie. «Komm nicht, es ist zu gefährlich», höre ich in diesen Tagen immer wieder. Die Sorgen sind berechtigt.

Auch ich werde regelmässig von Unbekannten bedroht. Dabei sind JournalistInnen vor Ort und der enge Kontakt mit der dortigen Gesellschaft notwendiger denn je. Heuer wird sich der Nato-Einmarsch am Hindukusch zum 20. Mal jähren. Amerikas «längster Krieg» darf nicht vergessen werden. Dazu braucht es allerdings JournalistInnen, die an ihn erinnern. Wer sonst sollte es tun?

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