Corona Call (6): 
Stefanie Gilomen : «In der Bar betrieb ich mehr Seelsorge»

Nr.  6 –

«Am schwierigsten ist es mit den Beerdigungen. Als es im ersten Lockdown von einem Tag auf den anderen hiess, dass diese nur noch mit maximal fünfzehn Personen stattfinden dürfen, stand bei uns in der Kirche grad eine Beerdigung mit hundert Gästen an. Das war für die Trauerfamilie sehr schwierig, aber auch für mich, weil ich die Regeln durchsetzen musste und dabei zwischen die Fronten geriet.

Manche Leute fanden, dass man da jetzt doch nicht so pingelig sein müsse, während wir versuchten, das seriös und angemessen durchzuziehen. Da ist die Situation fast eskaliert, was für die Familie extrem unangenehm war. Jetzt lautet die Bestimmung, dass man Beerdigungen im engsten Familien- und Freundeskreis durchführen soll, und sie sind nicht mehr auf eine bestimmte Zahl beschränkt, was ich gut finde.

Der Ausfall der Gottesdienste ist für gläubige Menschen schwierig, nicht nur sozial. Ich habe vor allem mit den Senioren, die nicht mehr raus durften, viel telefoniert oder Gespräche über den Gartenzaun geführt. Aber gerade hier auf dem Land sind sich die älteren Leute – teilweise noch vom Zweiten Weltkrieg her – gewohnt, für sich selber zu sorgen und Vorräte anzulegen. Es gab aber auch solche, die grad frisch verwitwet waren. Für sie war es sehr hart: der Verlust des Lebenspartners und dann noch diese Situation. Da ist man schon auf eine besondere Art allein.

Es ist lustig: Als ich früher in einer Bar in Biel gearbeitet hatte, führte ich mehr Seelsorgegespräche als in meiner jetzigen Funktion als Pfarrerin. Einem betrunkenen Stammtischkunden fällt es leichter, am Tresen von seinen Problemen zu erzählen, als den Leuten, hier bei mir an die Tür zu klopfen.

Allgemein sind die Reaktionen sehr individuell: Manche haben das Gefühl, dass ihnen dieses Virus nichts anhaben kann, weil sie von Gott geschützt werden. Andere haben panische Angst, sich anzustecken, und wieder andere sind extrem einsam. Manche sind komplett überfordert, etwa mit der Betreuungssituation ihrer Kinder.

In den Gesprächen und Gottesdiensten gehe ich nicht gross auf Corona ein. Gerade weil das Thema so allgegenwärtig ist, versuche ich, in der Kirche einen coronafreien Raum zu schaffen. Auch Jesus hat sich damals, trotz der schwierigen politischen Lage und der allgemeinen Armut, statt zu klagen und zu jammern, vor allem um die einzelnen Menschen gekümmert. Er hat Hoffnung verbreitet, das Himmelreich verkündet und Menschen in die Freiheit geführt. So möchte ich auch im Gottesdienst einen Raum öffnen und Fragen stellen: Wie kann ich trotz der Einschränkungen meine Freiheit bewahren? Wie kann ich trotz Einsamkeit in der Gemeinschaft leben? Wie kann ich den Nächsten in dieser Situation lieben? Wo sehe ich trotz allem Hoffnung?

Ich hoffe, dass die Pandemie die Leute entschleunigt. Dass sie mehr Zeit haben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, mehr rausgehen in die Natur oder allgemein ihr Leben hinterfragen. Manche haben mir gesagt, dass dies eine schöne Zeit für sie als Familie sei, weil sie mehr Zeit füreinander hätten. Ich sehe auch, dass viele wieder solidarischer werden. So eine Situation, die wirklich die Gesellschaft auf den Kopf stellt, gab es ja seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Ich hoffe auch, dass es zu anderen Veränderungen kommt, etwa dass man nicht immer herumfliegen muss, sondern sieht, dass es auch hier schön ist. Und es wäre auch ein guter Moment, um das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen.»

Stefanie Gilomen (33) ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde St. Stephan im Obersimmental mit 1300 EinwohnerInnen. Während ihres Theologiestudiums führte sie das «Café du Commerce» in Biel. Momentan ist sie im Mutterschaftsurlaub.