Nr. 09/2021 vom 04.03.2021

Der Aufbruch ist noch nicht vorbei

Von Bettina Dyttrich

2019 war schön. Ein Jahr, so bewegt, dass es manche schon mit 1968 verglichen: der grosse Aufbruch der Klimabewegung, dann der überwältigende Frauenstreik im Juni. Eine junge, hochpolitische Generation ging auf die Strasse, und im Gegensatz zu früheren Generationen hatte sie kein Bedürfnis, sich von den Älteren abzugrenzen, sondern setzte auf kluge Bündnispolitik.

Dann kam 2020. Und jetzt, nach einem Jahr Corona, fürchten viele: War es das? Ist der grosse Aufbruch schon wieder vorbei? Die Aktiven haben sich zwar gut organisiert; vielen hilft das Engagement, im Lockdown gesund zu bleiben. Aber Anschluss an eine Bewegung zu finden oder eine eigene Gruppe zu gründen, ist viel schwieriger, wenn Treffpunkte wie die Berner Reitschule geschlossen sind, keine Demos und keine physischen Veranstaltungen stattfinden.

Der 8. März fällt dieses Jahr auf einen Montag – am Samstag findet in Zürich ein coronakonformer Parcours statt, einige unbewilligte Demos wird es wohl auch geben. Gross wird die Sache vermutlich nicht. Aber das ist kein Grund zur Verzweiflung: Die Politisierung der letzten Jahre verschwindet nicht einfach. Noch nie war so klar, dass Care-Arbeit einen anderen Stellenwert verdient, dass Profit nicht über allem stehen kann, wie ein Jahr nach Coronabeginn. Was jetzt zählt, sind Bündnisse. Feministinnen sollten sich nicht in Streitigkeiten verlieren, ob es nun Frauen, Frauen*, FLINT oder FINTA heissen muss. Die einen möchten das Wort «Hausfrau» positiv besetzen, die anderen alle Geschlechterbezeichnungen abschaffen; die einen reden von Hexen, die anderen von Intersektionalität: kein Problem, wenn sie einander leben lassen und dort zusammenarbeiten, wo sie einig sind.

Grund zur Empörung bietet etwa eine neue Studie: Über siebzig Prozent aller Frauen sehen Männer im Vorteil. Nur ein Viertel der 24- bis 35-jährigen Frauen findet die Arbeitssituation des eigenen Geschlechts erfreulich. Und rund drei Viertel der Mütter können nicht von ihrem Lohn leben – sechzig Prozent auch noch nicht, wenn die Kinder erwachsen sind. Darüber sollten wir reden – und nicht nur reden.

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