Nr. 11/2021 vom 18.03.2021

Der Peiniger muss in die Heileurythmie

Das Unternehmen Mitte gilt als Basels progressiver Vorzeigeort. Recherchen zeigen nun ein erschütterndes Bild über die Zustände im Kaffeehaus. Es geht um Mobbing, Beleidigungen, sexuelle Übergriffe – und anthroposophische Lösungsstrategien.

Von Renato BeckMail an Autor:in

In der «Mitte» kracht es an allen Ecken und Enden: Das Kaffeehaus in Vor-Pandemie-Zeiten. Foto: Ursula Häne

Das Unternehmen Mitte ist ein Ort, wie es ihn nicht zweimal gibt in Basel. Es ist ein grosses Kaffeehaus ohne Konsumationspflicht an bester Lage, ist Arbeitsort für Selbstständige, StudentInnen und Kreative. Ist Debattenraum und Geburtsort eines grossen politischen Projekts, der Initiative für ein Grundeinkommen, über die 2016 in der Schweiz abgestimmt wurde.

«Wir sind intrinsisch motiviert», sagte der Gründer Daniel Häni in einem Interview einmal, «es geht uns nicht um Profitmaximierung, sondern um Sinnmaximierung.»

Häni – Unternehmer, Künstler, anthroposophischer Denker – ist ein Mann der Begrifflichkeiten. Als junger Künstler fiel er einst mit seiner Gedankenbank auf, wo die Leute gescheite Sätze hinterlegen konnten, die Zins abwarfen, indem andere Leute den Gedanken weiterführten. Vor zwanzig Jahren gelang es ihm und weiteren MitstreiterInnen mit der diskreten Unterstützung vermögender Basler Kreise, das ehemalige Bankhaus an der Gerbergasse zu übernehmen und in das Unternehmen Mitte umzuwandeln. Mietverhältnisse auf Lebenszeit garantiert die anthroposophische Stiftung Edith Maryon, in deren Eigentum sich das Gebäude befindet. Der Arbeit an der Idee, dem Grübeln über die grossen Zusammenhänge ist Häni bis heute treu geblieben. Und so ist das Unternehmen Mitte ein Ort, der für vieles steht. Wofür, darüber gehen die Meinungen auseinander.

«Stopp! Hör auf!»

Elisa Schmidt begann 2017, in der «Mitte» zu arbeiten. Sie ist ausgebildete Bewegungsartistin, in der «Mitte» verdiente sie sich ein Zubrot. Ihr richtiger Name und ihre genaue Tätigkeit werden aus Gründen des Opferschutzes nicht genannt. Schmidt arbeitete gerne in der «Mitte», sie mochte die ungezwungene Atmosphäre im Kaffeehaus, wo junge Mütter und Väter mit ihren Kindern spielen konnten, während am Tisch nebenan Geschäftsleute ein Meeting abhielten. Sie mochte ihre KollegInnen. «Privates und Arbeit», sagt Schmidt, «war nie einfach zu trennen. So ist das einfach in der ‹Mitte›.» Allerdings, sagt sie auch, habe es von Beginn weg Vorkommnisse gegeben, «die nicht akzeptabel waren». Verantwortlich dafür sei vor allem eine Person gewesen: Schmidts Vorgesetzter K.

Im Frühjahr 2020, während des ersten Lockdowns, verabredet sich Schmidt mit einigen anderen Angestellten zu einer Velotour. Sie treffen sich vor dem Kaffeehaus. Schmidt geht die Treppe hoch, dann passiert gemäss ihrer Darstellung Folgendes: Sie fragt K., ob er sich der Gruppe anschliesse. K. reagiert aufbrausend. Schmidt erinnert sich: «Er wurde laut, herrschte mich an, er habe gedacht, wir würden die Tour zu zweit unternehmen.» Dann wirft er sie zu Boden und legt sich auf sie drauf. «Ich schrie ‹Stopp! Hör auf!›, aber er blieb bestimmt zwanzig Sekunden auf mir.» Schliesslich lässt er von ihr ab, und Schmidt rennt nach draussen. Fragen dazu, wie zu allen anderen Vorgängen, beantwortet das Unternehmen Mitte nicht. K. reagiert nicht auf Anfragen.

Elisa Schmidt verdrängt den Übergriff, bleibt der «Mitte» ein paar Wochen fern. Denkt sich: Er ist halt so und überschreitet manchmal Grenzen. Er hatte sie schon vorher einmal in ein Waschbecken gedrückt, wollte ihr wiederholt Pornografie auf seinem Handy zeigen, hatte sie vor einer Kundin derart beschimpft, dass die Kundin ein entsetztes Beschwerdemail an die Geschäftsleitung schrieb: «Bitte schützt eure Angestellten (und eure Kundschaft) vor solchen verbalen Übergriffen!»

Schmidt erinnert sich, wie ehemalige MitarbeiterInnen reagierten, wenn sie ihnen wieder von einem Vorfall im Betrieb erzählte. «Sie waren ganz erstaunt: Wow, du hältst es immer noch mit ihm aus?» Für Schmidt klang darin Anerkennung mit: Sie war stark genug, um mit ihm klarzukommen.

Doch nach dem Übergriff vor der Velotour ist etwas anders. Als die Gastronomie wieder aufmacht, erhält sie einen Anruf von K., der sie zum Gespräch einlädt. Schmidt merkt da: Es geht nicht mehr. Sie kann nicht mehr mit K. zusammenarbeiten. «Ich war wie gelähmt», sagt sie. Sie spricht mit FreundInnen darüber. Sie sagen ihr: Das war nicht in der Grauzone, das war ein sexueller Übergriff, du musst dir das nicht gefallen lassen. Schmidt schreibt ein langes E-Mail an die Geschäftsleitung, in der sie den Übergriff und die erlittenen Rechtsverletzungen schildert, sie bittet um eine Versetzung in eine andere Abteilung.

An das Gespräch nimmt Schmidt Caroline Faust als Vertrauensfrau mit, auch sie ist Mitglied der Geschäftsleitung. Am Tisch sitzen neben K. zudem noch die Geschäftsleitungsmitglieder Pola Rapatt und Theresa Prüssen. Das Gespräch dauert kurz: K. eröffnet ihr, dass sie entlassen werde, Rapatt und Prüssen schweigen. (Die Entlassung wird später von den Verantwortlichen der «Mitte» gegenüber der Schlichtungsstelle kategorisch bestritten, obwohl sie im Protokoll vermerkt ist.) Schmidt ist perplex. «Und der Übergriff?», fragt sie ruhig, «können wir darüber sprechen?» «Welcher Übergriff? Das hat dir doch gefallen!», sagt K. und lacht los. Faust erinnert sich: «Er lachte sie einfach aus, bis ich laut wurde und sagte: ‹Es reicht jetzt, das ist komplett daneben.›» Wie K. dieses Treffen wahrnahm, bleibt unklar.

Auch Faust hat einschlägige Erfahrungen mit K. gemacht. Eine Weile lang nannte er sie vor der Belegschaft Milf, kurz für «Mother I’d like to fuck» – Mutter, die ich gerne ficken würde. Einmal rief er in ihrer Anwesenheit einem Gast zu: «Schau mal, was meine Chefin für einen geilen Arsch hat.» Im Rückblick ist Faust enttäuscht, dass sie ihn nicht stoppen konnte. K. sei derart übergriffig gewesen, habe MitarbeiterInnen niedergemacht, belästigt, oftmals mit sexuellen Anspielungen – und trotzdem sei nie jemand eingeschritten. Immer wieder sei sie mit Beschwerden bei der übrigen Geschäftsleitung aufgelaufen. «Ich war überfordert mit der Situation», sagt sie. Die «Mitte» und K. äussern sich nicht zu diesen Vorwürfen.

Schmidt hat das Verhalten von K. letztlich nicht akzeptiert. Sie bezahlte einen hohen Preis dafür. Aber auch für K. gab es Konsequenzen: «Mitte»-Ko-Chefin Rapatt lässt eine anthroposophische Mediatorin aus Deutschland einfliegen. Diese sollte gemeinsam mit K. und Schmidt den Konflikt erörtern. Weil sich Schmidt weigert, daran teilzunehmen, schlüpfen Rapatt und Prüssen absurderweise in ihre Rolle.

Gestützt auf den Befund der Mediatorin ordnet Rapatt eine Massnahme an: K. muss in die Heileurythmie. Das Ergebnis der Mediation verschickt die Geschäftsleitung später als sogenanntes externes Gutachten an die verunsicherten MitarbeiterInnen. Darin steht über den Übergriff: «Der Vorfall ist aus dem Spass mit einer akrobatischen Übung heraus gekippt und wurde sehr ernst. K. hat sich dafür entschuldigt und es tut ihm sehr leid. Elisa ist seither nicht zur Arbeit gekommen und wir wünschen Elisa viel Kraft und bieten unsere volle Unterstützung an.»

«Dieses Mail», sagt Schmidt heute, «war unerträglich für mich. Sie verhöhnten mich und meinen Beruf vor der ganzen Belegschaft. Dass sie den sexuellen Übergriff mit einer akrobatischen Übung verglichen, kränkte mich zutiefst.» Sie stellt Strafanzeige gegen K., zieht gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber vor die Schlichtungsstelle des Zivilgerichts. Die Anzeige ist noch hängig. Vor der Schlichtungsstelle willigt die «Mitte» ein, Schmidt wegen des erlittenen Übergriffs eine Entschädigung zu bezahlen. Ob die Kündigung missbräuchlich war, konnte die Schlichtungsstelle nicht klären, weil sich das Unternehmen auf den Standpunkt stellt, gar nie eine Kündigung ausgesprochen zu haben. Schmidt verzichtet auf einen Gang ans Gericht, um die Frage zu klären.

Letzten Oktober verlässt Caroline Faust das Unternehmen Mitte. Sie hatte davor noch durchgesetzt, dass gegen K. eine offizielle Verwarnung ausgesprochen wurde. Ausserdem erarbeitete sie einen Leitfaden für den Umgang mit Mobbing und Belästigung. Faust verlangte mehr: Sie wollte eine externe Anlaufstelle schaffen, wo sich MitarbeiterInnen ungefährdet melden könnten. «Häni schaute mich irritiert an. Er sagte, er sei diese Anlaufstelle, das müsse im Haus bleiben.» Häni äussert sich nicht dazu.

Das Feministische Institut

Faust glaubt an den Ort, an die «Mitte», aber sie glaubt auch, die Verhältnisse müssten sich grundlegend ändern, damit dieser Ort eine Zukunft habe. Eine Idee, wie diese Veränderungen angestossen werden könnten, hat sie auch. Seit ein paar Jahren findet im Obergeschoss die Veranstaltungsreihe «Feministischer Salon» statt. Verantwortlich dafür sind neben Faust die Genderforscherin Franziska Schutzbach, die Historikerin Franca Schaad und die queere Aktivistin Katha Baur. Das Format ist ein Erfolg, der kleine Saal jedes Mal bis auf den letzten Platz gefüllt.

Schutzbach und Faust wollen den «Salon» in ein Feministisches Institut ausbauen, «eine intellektuelle, politische, aktivistische und künstlerische Drehscheibe in Basel und der Schweiz». Das Institut könnte auch Impulse für die nötigen internen Veränderungen geben. Doch die Gespräche mit Häni sind gemäss Faust schwierig. Parallel dazu verläuft die Aufarbeitung des Übergriffs gegen Schmidt nicht so, wie sie aus der Sicht von Faust passieren müsste. Irgendwann zieht sie die Reissleine: «Ich wollte das Projekt nicht in einem Unternehmen verwirklichen, das einen eigenen und für mich problematischen Umgang mit sexuellen Übergriffen und Belästigungen sowie Diskriminierungen hat.» Der «Feministische Salon» findet nun in der Kaserne statt.

Wie lange Häni und seine Geschäftsleitung ihre Stellung halten können, ist gleichwohl unklar. In der «Mitte» kracht es an allen Ecken und Enden. Angestellte haben in einem ausführlichen Brief Missstände im Betrieb aufgelistet, es geht um fehlende Mitsprache, Privilegien, um den lockeren Umgang mit Finanzmitteln, um Mobbing. Mittlerweile haben sich die Angestellten, darunter viele, die seit dem Brief frustriert gekündigt haben, gewerkschaftlich organisiert; weitere Aktionen sollen folgen.

Ob sich damit etwas an der Betriebskultur ändert? Elisa Schmidt ist skeptisch. Seitdem ihr Angreifer K. verwarnt wurde, sind mindestens zwei weitere Beschwerden gegen ihn vorgebracht worden – ohne Konsequenzen. Die Geschäftsleitung um Daniel Häni steht geschlossen hinter ihm. Schmidt gibt sich deshalb mit weniger zufrieden: «Ich will, dass alle wissen, um was für einen Ort es sich handelt. Ich will, dass ihnen niemand mehr ihre Lügen glaubt.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch