Nr. 15/2021 vom 15.04.2021

«Wenn wir wollen, steht das alles still»

Sie weiss, wie man einen Multi global unter Druck setzt: die polnische Amazon-Arbeiterin Agnieszka Mróz über die schmutzigen Tricks des Versandhändlers, Schwächen von klassischen Gewerkschaften und die Vorteile einer zentralistischen Businesskultur.

Interview: Caspar Shaller

Die Spaltung der Amazon-Belegschaft erfolgreich vermieden: Streikaktion Ende März im italienischen Arzano. Foto: Marco Cantile, Getty

WOZ: Frau Mróz, letzte Woche ist der erste Versuch in den USA gescheitert, einen Standort von Amazon gewerkschaftlich zu organisieren. Die meisten Arbeiterinnen des Verteilzentrums in Bessemer, Alabama, stimmten dagegen – dabei hatte sogar Präsident Joe Biden seine Unterstützung für die Abstimmung signalisiert. Ist das nicht ein herber Rückschlag für alle Amazon-Angestellten?
Agnieszka Mróz: Das ist zwar schade, aber man muss auch sehen, dass immerhin 700 Arbeiter und Arbeiterinnen für die Gewerkschaft gestimmt haben. Das war ja nur eine Schlacht in einem langen Kampf. Jedes Jahr streiken mehr Amazon-Angestellte, in Spanien, Deutschland, Frankreich, kürzlich auch in Italien. Bessemer ist eine Lektion: Verlasst euch nicht auf Verlautbarungen von Politikern oder auf medialen Druck. Und nicht auf externe Aktivistinnen.

Wie hat sich das nun in Alabama gezeigt?
In Bessemer scheint das Problem klar: Es waren nicht Leute, die selber vor Ort im Werk arbeiteten, die die Kampagne hauptsächlich stemmten, sondern professionelle Bürokraten der Gewerkschaften. Die sitzen draussen vor den Toren, wissen aber nicht, was im Lager vor sich geht. An Türen klopfen reicht nicht, Unterstützung von Institutionen wie Kirchen aus der Region reicht nicht, man braucht ein starkes Team im Werk drin. Wir selbst müssen uns organisieren! Arbeiterinnen müssen sich selbst einbringen, nicht nur das Management der grossen Gewerkschaften.

Die Firma hat auch dreckige Tricks benutzt, um die Belegschaft zu beeinflussen. Sie hat sogar Druck auf die Gemeinde ausgeübt, die Verkehrsampeln anders zu takten, sodass Aktivistinnen keine Zeit hatten, an Kreuzungen mit den Angestellten zu sprechen, wenn diese mit dem Auto nach Hause fuhren.
Amazon nutzt auf der ganzen Welt Tricks, um uns zu schwächen. Bei uns in Polen hängen sie Poster auf, auf denen steht, dass Streiken illegal sei. Wer sich nicht mit Arbeitsrecht auskennt, ist davon natürlich eingeschüchtert. Manche unserer Aktivistinnen wurden jeden Tag in eine andere Abteilung verschoben, um ihre Beziehung untereinander zu unterbrechen. Allerdings gibt es auch Raum für Kritik, den muss man ausnutzen. Amazon stellt überall weisse Tafeln auf, auf die man Fragen oder Anmerkungen schreiben kann. Da sind sie ganz stolz drauf, offene Kommunikation. Das kann man leicht gegen sie verwenden, indem dreissig Leute immer wieder dieselbe Frage aufs Brett schreiben: Warum wurde unsere Pause gekürzt?

Der Zeitdruck bei Amazon ist so gross, dass man die Pausen fast nicht nutzen kann. Kürzlich kursierten in sozialen Medien Fotos von Flaschen, in die Amazon-Angestellte pinkeln müssen, weil sie keine Zeit haben, auf die Toilette zu gehen.
Unbestritten kommt es vor, dass Fahrer gezwungen sind, in Flaschen zu pinkeln, weil ihnen so wenig Zeit bleibt, die Pakete auszuliefern. Aber ich bin gegen den Ansatz, die Arbeitsbedingungen bei Amazon an einzelnen Skandalen aufzuhängen. Der Alltag ist auch ohne diese Extrembeispiele von enormer Ausbeutung geprägt: Niedrige Löhne, hoher Arbeitsdruck, unsichere Beschäftigungsverhältnisse, das sind die Probleme, über die Kollegen aus allen Ländern klagen. Die Vorstellung, wir seien Sklavinnen des digitalen Kapitalismus, gesteht uns keine Macht zu. Wir sind keine Opfer, wir arbeiten an einer zentralen Schaltstelle des globalen Kapitalismus, die für das Funktionieren des Warenkreislaufs entscheidend ist. Wenn wir wollen, steht das alles still. Hier in Polen haben wir im Dezember drei Stunden lang ein Lager blockiert. Achtzig Lastwagen kamen weder rein noch raus. Zu hören, dass es eine weltweite Bewegung gibt, dass auch anderswo Menschen Kritik an Amazon üben, gibt uns die Kraft, solche Aktionen durchzuziehen.

Amazon Workers International ist keine klassische Gewerkschaft, sondern versteht sich als Netzwerk, um Arbeiterinnen zu verbinden. Welche Vorteile hat das?
Wir glauben, dass es nicht ausreicht, sich an nationalem Arbeitsrecht zu orientieren, wie es die klassischen Gewerkschaften tun. Ein Tarifvertrag in Deutschland nützt uns in Polen nichts. Amazon ist ein globales Unternehmen, da muss man global denken. Aber Amazon selbst schafft die Infrastruktur dafür, dass sich Arbeiterinnen vernetzen, sich über Probleme austauschen und gemeinsame Forderungen aufstellen.

Wie macht die Firma das?
Sie funktioniert überall gleich. Änderungen, die in den USA eingeführt werden, werden auch in Deutschland oder in Polen umgesetzt. Wenn wir mit unseren örtlichen Vorgesetzten verhandeln, müssen die mit dem Hauptquartier in Seattle telefonieren, um Entscheide absegnen zu lassen. Diese Zentralisierung ist eine grosse Chance, denn wenn sich die Arbeiter eines Landes etwas erkämpfen, profitieren alle davon. Das beste Beispiel dafür ist die Entscheidung, dass Amazon den Angestellten, die wegen Corona krankgeschrieben sind, den vollen Lohn bezahlt. In vielen Ländern, in Polen beispielsweise, sind gesetzlich nur achtzig Prozent vorgesehen. Das war eine Forderung von Arbeiterinnen in Chicago. Wenn sie die Policy ändern, dann ändern sie sie weltweit.

Wie funktioniert diese Vernetzung über Landes- und Sprachgrenzen hinweg?
Ob in Amerika, in Deutschland oder in Polen: Wir sprechen alle dieselbe Sprache, die Sprache von Amazon. Wenn ich in Frankreich oder Spanien Kolleginnen besuche und von «picker», «stower» oder «negative feedback rate» spreche, wissen alle, was ich meine. Wenn wir bei Amazon Workers International europaweite Treffen abhalten, müssen wir Übersetzerinnen mitnehmen, weil wir alle unterschiedliche Sprachen sprechen. Aber manchmal kennen die Übersetzer die Terminologie von Amazon nicht und bleiben beim Übersetzen stecken. Wir sagen ihnen dann, dass sie die Amazon-Sprache sprechen sollen, auch wenn sie sie nicht verstehen.

Kürzlich streikten in ganz Italien Arbeiter von Amazon. War das ein grösserer Erfolg als die Abstimmung in Bessemer?
Das Tolle am Streik in Italien war, dass sie es geschafft haben, der Spaltung der Belegschaft in Festangestellte und Leiharbeiter entgegenzuwirken. Alle streikten zusammen. In Deutschland nehmen noch immer fast nur Festangestellte – die sogenannten «blue badges» – an Aktionen teil, weil das Gesetz dies Leiharbeiterinnen nicht erlaubt. Das ist ein grosses Problem. In Polen zum Beispiel behauptet Amazon, es arbeiteten 18 000 Menschen für sie, aber durch Arbeitsvermittlungsagenturen wie Adecco kommen noch einmal 23 000 hinzu. Wir müssen all diese Spaltungen überwinden, auch jene zwischen Migrantinnen und Einheimischen, zwischen Arbeiterinnen in den Lagern und den Programmierern in Seattle. Nur so können wir gewinnen.

Agnieszka Mróz (38) ist Packerin im Amazon-Lager im polnischen Poznan und Aktivistin der Organisation Amazon Workers International (AWI). AWI wurde 2015 gegründet, als Amazon-ArbeiterInnen aus Polen Kontakte zu streikenden ArbeiterInnen in Deutschland suchten. In ihrem Werk ist Mróz zudem Vertrauensfrau der Gewerkschaft OZZ Inicjatywa Pracownicza.

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