Nr. 37/2018 vom 13.09.2018

Wichtiger als der Lohn von Jeff Bezos

Eine kleine Basisgewerkschaft kämpft in Polen für faire Arbeitsbedingungen bei Amazon, Volkswagen und anderen ausländischen Konzernen. Zwei AktivistInnen erzählen.

Von Jan Opielka, Poznan

Der Stundenlohn bei Amazon Polen, wie hier im Versandlager in Poznan, beträgt vier Euro, eine Schicht dauert 10,5 Stunden. Foto: Bartek Sadowski, Getty

Roman Lupinski ist müde. Seit vier Jahren arbeitet der 45-Jährige beim Online- und Versandgiganten Amazon im westpolnischen Poznan. Zusammen mit rund 4000 Festbeschäftigten und etwa 1700 ZeitarbeiterInnen an diesem Standort, einem von fünf Amazon-Lagern in Polen. Doch nicht nur die schwere Arbeit ermüdet. Zusätzlich ist er aktiver Gewerkschafter. Und das bedeutet an der Weichsel einen Kampf sondergleichen. «Der Schutz von Gewerkschaftern ist in Polen kaum mehr als eine Illusion», sagt Lupinski. Der Aktivist, der schon früher Erfahrungen bei Streiks machte, sitzt heute im kleinen Büro der vor zehn Jahren gegründeten Gewerkschaft namens Arbeiter-Initiative (Inicjatywa Pracownicza, kurz: IP) im Zentrum der Stadt. Nachdem der Firmenleitung bekannt geworden war, dass Lupinski Gewerkschafter ist, wurde er an einen Arbeitsplatz versetzt, an dem er weniger Kontakt mit den MitarbeiterInnen hat.

Ein Gegenmodell

«Amazon treibt die Ausbeutung der Beschäftigten immer weiter voran, andere Unternehmen orientieren sich am Konzern», sagt Lupinski, der bei der IP seit ihrer Gründung aktiv ist. Lange Zeit war der heutige Lagerarbeiter arbeitslos, hat später sieben Jahre in Irland gearbeitet. «In Polen sind die Löhne noch geringer, die Arbeitsbedingungen schlechter, und die Arbeit ist schwerer.» Dann schiebt er kämpferisch nach: «Wenn es uns gelingt, bei Amazon die Lage zu verbessern, dann gelingt es uns auch in anderen Unternehmen.»

Doch landesweit sind nur acht Prozent der polnischen Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft. Nur Mitarbeitende von Betrieben mit mindestens zehn Beschäftigten können sich gewerkschaftlich organisieren. Diejenigen, die es tun, sind in einer der rund 25 000 Betriebsgewerkschaften, von denen drei Viertel einem der drei grossen Dachverbände angehören: Solidarnosc, OPZZ und Forum ZZ. In Industriebetrieben und ausländischen Konzernen, die in Polen aktiv sind, ist es meist die Solidarnosc – die jedoch bei vielen Polinnen und Polen wegen der häufig zu grossen Nähe zu den Firmenleitungen in Ungnade gefallen ist.

Die IP ist als Gegenmodell zu den Grossen entstanden. Sie ist noch relativ klein, derzeit gibt es knapp fünfzig Betriebskommissionen der IP in ganz Polen, in Poznan neben Amazon seit einem Jahr auch bei Volkswagen. «Eine Gewerkschaft soll nicht nur eine Versicherung sein, die einem hilft, wenn man regelmässig den Mitgliedsbeitrag bezahlt. Wir wollen eine Kraft in und mit der Belegschaft bilden, die Mitglieder sollen selbst aktiv werden», sagt Agnieszka Mroz, ebenfalls in der IP bei Amazon. Daher arbeitet bei der Gewerkschaft niemand hauptamtlich. Die der IP gesetzlich zustehenden zwei Stellen zur Gewerkschaftsarbeit im Betrieb werden zwischen mehreren KollegInnen geteilt. «Es ist auch psychologisch wichtig, dass wir mit den anderen in der Halle zusammenarbeiten. Wir sind nichts Besseres als sie», ergänzt Lupinski.

Normen und Schikanen

Viele bei Amazon in Poznan kommen aus der Umgebung, wo die Arbeitslosigkeit viel höher ist als in der Stadt selbst. Einige haben einen Fahrweg von 2,5 Stunden. Die Schichten dauern 10,5 Stunden – das macht zuweilen über 15 Stunden ausser Haus.

Immer wieder tauchen in den Medien Berichte über unhaltbare Zustände in den Amazon-Lagern auf. Mitte August stellte ein unabhängiger Gerichtsgutachter fest, dass «grundsätzliche Fragen der Arbeitssicherheit umgangen werden». Amazon selbst bezeichnet die Vorwürfe des Gutachters als «gegenstandslos» und führt die Ergebnisse der Untersuchung auf die negativen Medienberichte zurück.

Zwölf offene Klagen führt die IP laut Lupinski gegen Amazon derzeit – wegen Entlassungen, die mit Krankheitszeiten und der Nichterfüllung der Normen begründet werden. Die IP-Infobroschüre berichtet von einem Fall, den eine Exmitarbeiterin mithilfe der IP gegen Amazon gewann – wobei «gewinnen» zu relativieren ist. Die Frau sei widerrechtlich entlassen worden, so das Arbeitsgericht, ihr stehe eine Entschädigung zu in Höhe von 550 Euro, ihrem letzten Nettomonatslohn – der Stundenlohn beträgt bei Amazon in Polen umgerechnet circa vier Euro brutto.

Internationale Zusammenarbeit

Ein wichtiges Anliegen der IP ist die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften über die Landesgrenzen hinweg. «Weil Amazon global agiert, versuchen auch wir, mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern zusammenzuarbeiten, vor allem aus Deutschland», sagt Lupinski. Im April dieses Jahrs wurde zum Beispiel international das «Feedback für Bezos» organisiert. Die Veranstaltung in Berlin war eine Antwort auf das umstrittene Normen- und Feedbacksystem des Konzerns, das nach Ansicht vieler Beschäftigter und externer ExpertInnen massiven psychischen Druck erzeugt.

Und Lupinski verweist auf die jüngste Aktion, die die IP zusammen mit anderen Gewerkschaften organisierte: «Sicheres Päckchen». Dabei solidarisierten sich Mitte August die IP-Mitglieder mit Streikenden in Deutschland und in anderen Ländern und arbeiteten langsamer, gemäss den gesetzlichen Sicherheitsvorschriften. «Wir zeigen, dass unser Leben und unsere Gesundheit das Wichtigste sind», sagt Lupinski zum Abschied, «und nicht, wie viel Amazon-Chef Jeff Bezos verdient.»

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