Nr. 16/2021 vom 22.04.2021

Nein, Bio Suisse spinnt nicht

Von Bettina Dyttrich

Die Empörung ist gross: Ausgerechnet die SympathieträgerInnen der Nation, die Biobäuerinnen und -bauern, sagen Nein zur Trinkwasserinitiative (TWI). Die Delegiertenversammlung des Branchenverbands Bio Suisse hat sich gegen die Initiative ausgesprochen, die Höfen die Direktzahlungen streichen will, wenn sie nicht auf Pestizide, zugekauftes Futter oder prophylaktische Antibiotikaeinsätze verzichten. Mit klarem Resultat: 73 zu 20 Stimmen bei 5 Enthaltungen. Man kann dem Verband nun – wie TWI-Initiantin Franziska Herren und viele empörte KommentarschreiberInnen – vorwerfen, er schaue nur aufs eigene Geld. Oder man kann fragen, warum es so weit gekommen ist.

Mitte des 20. Jahrhunderts blieb in der Landwirtschaft kein Stein auf dem anderen: Der Traktor ersetzte das Pferd, die Insektizidkanone das Absammeln der Maikäfer; der Kunstdünger ersetzte den Mist nicht, sondern kam ergänzend dazu und führte bald zu Überdüngung und einer drastischen Verarmung der Artenvielfalt. Der Bund und die landwirtschaftlichen Schulen trieben diesen «Fortschritt» voran, die Chemieindustrie verdiente, und fast alle BäuerInnen machten mit. Nur wenige widersetzten sich – und wurden als SpinnerInnen abgestempelt. Die BiopionierInnen brauchten ein dickes Fell und einen starken Glauben. Kein Wunder, hatte Bio immer ein utopisches Element. Und kein Wunder, wirkt das Nein zur TWI in diesem Licht wie ein Verrat an den Idealen. Doch das ist nur die halbe Geschichte.

Denn die TWI macht vielen BioproduzentInnen zu Recht Bauchweh. Zum einen kommen die Importe im Initiativtext nicht vor. In der Schweiz würden die ökologischen Standards stark verschärft, importiert werden könnten aber wie bisher auch Lebensmittel aus zerstörerischer und tierquälerischer Produktion. Bei gleichbleibenden Konsumgewohnheiten würden die Importe stark steigen, insbesondere bei Fleisch und Eiern. Zweitens verlangt die TWI von den LandwirtInnen einen Tierbestand, «der mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernährt werden kann». Diese Anforderung erfüllen auch nicht alle Biohöfe – wer diese Tatsache anprangert, sollte zuerst die hohe Nachfrage nach Poulet und Eiern hinterfragen. Dass das Initiativkomitee den eigenen Initiativtext abschwächt und in seinem Werbefilm nun «Schweizer Futter» fordert, macht die Debatte nicht einfacher.

Ausserdem versprechen die InitiantInnen, bei einem Ja werde Bio für alle erschwinglich. Pestizidfreie Produktion ist aber deutlich aufwendiger als konventionelle. Wer bezahlt die Differenz? Heute sind gerade elf Prozent der in der Schweiz verkauften Lebensmittel bio, mit dem schlecht erfassten Direktverkauf vielleicht zwölf. Wenn die Biobetriebe Überschüsse produzieren, müssen diese zu konventionellen Preisen verkauft werden – wie es bei der Milch schon mehrmals passierte. Die Angst von Bio Suisse vor einem Preiszerfall ist berechtigt. Der Vorwurf, dass die TWI einseitig die LandwirtInnen an den Pranger stelle und alle anderen AkteurInnen ausblende, auch.

Doch auch das ist nicht die ganze Geschichte. Bio Suisse befürwortet die Pestizidfrei-Initiative, die ebenfalls am 13. Juni an die Urne kommt und synthetische Pestizide verbieten will – für alle, nicht nur für LandwirtInnen – und auch die Importe betrifft. Nur: Lässt der Abstimmungskampf solche Differenzierungen noch zu? Die meisten werden zweimal Ja oder zweimal Nein stimmen. Ein Nein zur TWI kann als Nein zu mehr Umweltschutz interpretiert werden. Manche BioproduzentInnen plädieren darum für zweimal Ja. Sie sehen die Initiativen primär als Druckmittel, um die Ökologisierung der Landwirtschaft voranzutreiben: Die Biobewegung solle Visionen über realpolitische Bedenken stellen. Auch dafür gibt es gute Argumente.

In der Hitze des Abstimmungskampfs ist der Ton teils gehässig geworden. Wenn kritische Fragen zur Initiative schon als Verrat gelten, läuft etwas schief. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass grüne und biobäuerliche TWI-Befürworter und -Gegnerinnen die gleichen Ziele haben. Sie streiten nur über die grosse Frage: Wie kommen wir dorthin?

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