Nr. 23/2021 vom 10.06.2021

Die Welt mit anderen Augen sehen

Ist es Trauerbewältigung, ein Symptom unserer Naturzerstörung oder eine Begleiterscheinung der Pandemie? Gerade erscheinen sehr viele Bücher über unser Verhältnis zu Vögeln.

Von Karin Cerny

Gerade weil wir durch die Pandemie am Boden festkleben, gewinnt der Traum vom Fliegen erneut an Faszination. Aber nicht nur deshalb boomen Bücher über Vögel. Im deutschsprachigen Raum war die Britin Helen Macdonald massgeblich daran beteiligt, uns Vögel näherzubringen. In ihrem Bestseller «H wie Habicht» (2015) beschreibt Macdonald, wie sie nach dem Tod ihres Vaters Falknerin wurde, auch, um die Trauer zu bewältigen. Sie vereint in ihrem Buch persönliche Biografie und Naturessay. Als brillante Schreiberin lässt sie Dinge plastisch werden: Wir fühlen etwa beim Lesen mit, wie sie zwischen Ekel und Staunen schwankt, wenn ihr Habichtweibchen seine Beute erlegt.

Ihr jüngstes Buch «Abendflüge» versammelt unterschiedliche Geschichten und Essays, manche sind persönlich, andere eher wissenschaftlich-journalistisch. Wie ein roter Faden zieht sich aber auch hier das Staunen über die gefährdete Natur durch ihre Texte: eine tiefe Liebe zum Nichthumanen und die Aufforderung, uns von unserem eigenen egozentrischen Standpunkt zu entfernen. Es geht um den Versuch, die Welt mit anderen, tierischen Augen zu sehen.

Blaue Meteore

Der Buchmarkt wird gerade regelrecht überschwemmt von Neuerscheinungen über die Gefiederten. Von den unglaublichen Reisen, die sie zurücklegen, erzählt der englische Vogelforscher Stephen Moss in «Über die Schwalbe» (Dumont). Im österreichischen Czernin-Verlag ist mit «Im freien Feld. Begegnungen mit Vögeln» ein von Florian Huber herausgegebenes Werk erschienen, das zeigt, wie viele Kulturschaffende eine Vogelaffinität haben. Reale und fiktive Begegnungen von Autorinnen und Autoren werden da aufgelistet.

Der Philosoph Vilém Flusser etwa versetzt sich in die Gedankenwelt unserer Vorfahren, die keine Flugzeuge kannten. Vögel verkörperten für sie einen unmöglichen Traum. Der norwegische Autor Karl Ove Knausgard erinnert sich an eine Krähe, die regelmässig ans Fenster seiner Grossmutter klopfte, um gefüttert zu werden. Auch Hermann Hesse ist verwundert, wie zahm und zutraulich eine Dohle ist, die er Jakob nennt. Und Robert Walser verfasste sogar einen Brief an eine Schwalbe: «Ich sah dich heute früh vom Fenster aus und schreibe dir nun, was vielleicht zwecklos ist, da dich der Brief kaum erreichen wird und du ja im übrigen leseunkundig bist.» Die österreichische Autorin Teresa Präauer wiederum erklärt, wie das berühmte Vogelbestimmungsbuch von John James Audubon entstanden ist, das grossartige Zeichnungen von Vögeln in lebensechten Situationen enthält. Dabei hatte der Autor stets seine Schrotflinte dabei. Er hat Tausende Vögel erlegt, um sie danach mit Drähten und Schnüren in lebensähnliche Posen zu montieren, die sie beim Jagen oder Fressen zeigen.

Schön und fremd

Wahrnehmungen verändern sich, die indigene Bevölkerung Nordamerikas nannte sie noch «die blauen Meteore»: Tauben galten als Symbol des Friedens, sogar der Heilige Geist fuhr zur Taufe Jesu in der Gestalt einer Taube hernieder, heisst es im Evangelium nach Lukas. Inzwischen werden Tauben in der Grossstadt verächtlich «Ratten der Lüfte» genannt, die alles vollkoten. Unsere komplexe, oft auch ungerechte Beziehung zu Tieren ist ein grosses Thema in der «Naturkunden»-Reihe, die Judith Schalansky seit nunmehr acht Jahren bei Matthes & Seitz herausgibt. Es sind faszinierende und schön gestaltete Bände über Krähen, Schnecken und jetzt auch Tauben erschienen, die unser Bild von diesen Tieren zurechtrücken und ergänzen.

Wie wir über die Natur schreiben, erzählt vor allem viel über uns selbst, im Positiven wie im Negativen. Je mehr die Natur und die Tiere durch Klimawandel, Umweltverschmutzung und schrumpfenden Lebensraum bedroht sind, desto besorgter, aber auch liebevoller wird der Tonfall in der Literatur über sie. Es gibt unzählige Anleitungen für den Bau von Bienenhotels und wie man den Tieren im eigenen Garten helfen kann. AutorInnen wie Macdonald geht es aber nicht darum, einfach als MahnerInnen in die Geschichte einzugehen. Sie möchten vielmehr die Augen öffnen für die Schönheit, aber auch für die ambivalente Fremdheit der Natur direkt vor unserer Nase.

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