Nr. 24/2021 vom 17.06.2021

Kein Arabisch im Malcantone

Von Hans Ulrich Probst

1976 bringt eine siebzehnjährige Marokkanerin in Lugano, wo ihre Schwester lebt, einen Jungen zur Welt; die Spuren des Vaters, der in Marokko zurückgeblieben ist, verlieren sich bald. Um Arbeit und eine Ausbildung zu finden, gibt die junge Mutter ihr Kind nach wenigen Monaten in die Obhut einer alten Witwe, die im kleinen Dorf Vezio in der Tessiner Malcantone-Region lebt. Dort wächst der Junge bei der knorrig-liebevollen Elvezia auf.

Er lernt die Gebräuche und christlichen Feste im Dorf kennen, den Tessiner Dialekt vor dem Schulitalienisch, er wird heimisch mit den Gleichaltrigen, beim Spiel auf der Piazza, beim Fussball. Der Schock ist gross, als die Mutter erstmals mit ihm nach Marokko fährt, wo er auf eine Schar Verwandter stösst, deren Sprache er nicht versteht. Später hat er den neuen Gefährten der Mutter und eine kleine Schwester in sein Leben zu integrieren und verliert schliesslich sein sicheres Zuhause bei Elvezia, weil diese zu gebrechlich wird. In seiner einst problemlos angenommenen Identität öffnen sich Risse, von seinem neuen Umfeld wird der junge Mann mit Fragen konfrontiert: Wo ist dein Vater? Wieso sprichst du kein Arabisch? Wieso darfst du nicht in den Religionsunterricht?

Diese Geschichte, im Wesentlichen ist es seine eigene, erzählt der 45-jährige Alexandre Hmine in seinem Roman «Milchstrasse» in vielen knappen Szenen, blitzlichtartig und facettenreich. Dabei folgt er der Chronologie vom Kind zum jungen Mann, macht aber immer wieder harte Schnitte und erklärt nie umständlich. Hmine, mittlerweile in italienischer Literatur promoviert und nach Ausflügen in den Journalismus als Gymnasiallehrer in Lugano tätig, gelingt eine ebenso berührende wie erhellende Studie darüber, was Integration und was das Leben mit und zwischen zwei Kulturen bedeuten könnte. Was diese fragmentarische Autobiografie neben ihrer geschmeidigen, sinnlichen Sprache auszeichnet, ist der schonungslose Blick des Autors – auch auf sich selbst.

Alexandre Hmine ist am Literaturfestival Leukerbad zu Gast (vgl. «Tipp der Woche»).

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