Nr. 24/2021 vom 17.06.2021

Für die Menschen und nicht für die Spitalkasse

Keine Zeit für die PatientInnen, steigender Spardruck, Burn-out-Gefahr und unethische Vorgaben: Ein neues Netzwerk von Spitalfachkräften ruft zum Protest gegen diese Zustände auf.

Von Basil Weingartner (Text) und Ursula Häne (Foto)

Gegen das System, das «Gesundheit zur Ware macht»: Mitglieder des Netzwerks Gesundheit vor Profit.

Eine Patientin liegt nach einer Bauchoperation im Spitalbett. Es gibt Komplikationen. Um deren Ursache zu finden, wird der Bauch der Frau nacheinander von ÄrztInnen aus drei verschiedenen Fachrichtungen begutachtet. Doch suchen sie nur bedingt nach den Gründen für die Bauchbeschwerden: «Alle drei stellen ihre Diagnose so, dass die Frau anschliessend nicht in die eigene Abteilung verlegt wird», sagt die Zürcher Spitalärztin Laura Frischknecht. Denn komplexe Fälle sind im Schweizer Spitalsystem nicht lukrativ, jede Abteilung geschäftet zudem für sich. Die geschilderte Situation sei deshalb kein Einzelfall, sagt die Assistenzärztin, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

«In unserer Arbeit sind wir fremdbestimmt von Prozessen, die mit Medizin und Gesundheit nichts zu tun haben», sagt Aylin Canbek. Die Fachärztin für Innere Medizin arbeitet in einem grossen Zürcher Spital. Dass ökonomische Aspekte höher gewichtet würden als medizinische, sei ein Unding. Für die beiden Ärztinnen ist klar: «Im Gesundheitswesen muss sich generell etwas verändern.»

Gemeinsam mit aktuell knapp vierzig weiteren Gesundheitsfachpersonen aus dem Grossraum Zürich engagieren sie sich im Netzwerk Gesundheit vor Profit. Dieses kämpft gegen ein System, das «Gesundheit zur Ware macht». Entstanden ist der Zusammenschluss im vergangenen Herbst, nachdem in den Spitälern Uster und Bülach innert weniger Wochen die beiden ChefärztInnen der Inneren Medizin völlig überraschend entlassen worden waren. Für den 26. Juni organisiert das Netzwerk eine Kundgebung in Zürich, die auch von Gewerkschaften und Verbänden unterstützt wird. Gefordert werden die Abschaffung der heutigen Spitalfinanzierung und ein Privatisierungsstopp. Verlangt werden aber unter anderem auch mehr Mitspracherecht und bessere Arbeitsbedingungen für das Personal.

Viele haben schon gekündigt

Die arrivierte Ustermer Chefärztin Esther Bächli wollte nach medizinischen Gesichtspunkten behandeln. Diese Selbstverständlichkeit wurde ihr zum Verhängnis, wie mehrere damals involvierte Personen gegenüber der WOZ sagen. Ähnlich ging es kurz darauf ihrem Bülacher Kollegen. Der Aufschrei war gross. Die zuweisenden ÄrztInnen lehnten sich offen auf, der Verband der Schweizer InternistInnen wandte sich an die Öffentlichkeit.

Der Bülacher Spitaldirektor trat später zurück. Doch viele Probleme bestehen fort. In Uster laufen derzeit neue Bestrebungen zur Teilprivatisierung. Die Situation im Spital sei schlimmer als je zuvor, sagt eine dort tätige Person zur WOZ. Die Betten würden nun zu 115 Prozent verplant. So setze man das Personal unter Druck, PatientInnen rasch zu entlassen. Gleichzeitig lauge die hohe Kadenz das Personal aus. Viele Fachkräfte hätten gekündigt.

Problematische Vorgänge

«Das Engagement und der Widerstand der lokalen ÄrtzInnenschaft und der Belegschaft über alle Berufsgruppen hinweg sind nachahmenswert», sagt Annina Hess-Cabalzar von der Akademie Menschenmedizin, die sich für eine am PatientInnenwohl orientierte Medizin einsetzt und das Netzwerk unterstützt. Wenn in Spitälern problematische Dinge passierten, habe das Personal kein Recht, zu schweigen.

Aktuell sei das Gesundheitswesen schweizweit nicht für alle da, sagt der ebenfalls im Netzwerk engagierte Assistenzarzt Benjamin, der nicht seinen ganzen Namen publiziert haben möchte. Er erzählt davon, dass bei KrebspatientInnen die Chemotherapie teilweise erst nach dem Spitalaustritt gestartet wird. Denn stationäre Spitalbehandlungen werden über Fallpauschalen abgegolten. Je mehr Behandlungen während des Aufenthalts durchgeführt werden, desto schlechter sieht die Rechnung für das Spital aus. Auch Canbek sagt, sie erlebe es sehr häufig, dass Untersuchungen aus finanziellen Gründen erst nach dem Austritt durchgeführt oder an damit häufig überforderte HausärztInnen delegiert würden. Im Alltag gelinge es zwar immer wieder, sich gegen solche Dinge zu wehren – aber oft auch nicht. Der Druck von oben sei gross.

«Weil die Patientinnen und Patienten wegen der Fallpauschalen immer früher entlassen werden, hat man häufig keine Zeit, sich auf sie einzulassen», sagt Spitalarzt Benjamin. Er versuche aktiv, sich Zeit für die PatientInnen zu nehmen, aber das gehe oft nicht. «Denn sonst würde man häufig fünfzehn Stunden pro Tag arbeiten, was man nicht lange durchstünde.» Canbek erzählt von ÄrztInnen, die Nachfragen von PatientInnen aus Zeitgründen konsequent ignorierten. Das Problem sei aber nicht bei den Angestellten zu suchen: Es fehle schlicht an Personal. «Das System sorgt zudem dafür, dass man abstumpft.»

Es sei gut, dass «sich das Personal engagiere», sagt Ronald Alder vom Verband Zürcher Krankenhäuser. Das Anliegen sei berechtigt. Die Schweizer Spitäler seien konstant unterfinanziert. Der durchschnittliche Kostendeckungsgrad betrage im stationären, allgemeinversicherten Bereich 96 Prozent, im ambulanten gar nur 80 Prozent. Das führe zu Spardruck, gerade auch beim Personal. Einen Systemwechsel will der Spitalverband dennoch nicht: Das Fallpauschalenmodell, die freie Spitalwahl und das Wettbewerbssystem funktionierten im Grundsatz gut. Nur seien die Vergütungen zu niedrig.

Alle Betten belegt

Für die Ärztin Laura Frischknecht ist der wirtschaftliche Wettbewerb unter den Spitälern zentraler Teil des Problems. Viele Spitäler litten selber unter dem heutigen System, das speziell die zentrale Grundversorgung finanziell benachteilige. Ganz im Gegensatz zu den planbaren chirurgischen Eingriffen. Letztere sind deshalb die Hauptdomäne der meisten Privatspitäler. Canbek beobachtet, dass Privatkliniken oft genau dann meldeten, über keine freien Betten mehr zu verfügen, wenn sich ein komplizierter, nicht planbarer Fall in deren Notaufnahme melde. Der Patient werde dann in öffentliche Zentrumsspitäler weitergeleitet.

Doch auch in Spitälern mit öffentlicher Trägerschaft steht die Optimierung der Einnahmen an oberster Stelle. Letztlich werden sich im Wettbewerb nicht jene Spitäler durchsetzen, die sich am besten um die PatientInnen kümmern, sondern jene, die am besten optimieren. Und so werden, wie Frischknecht weiss, auch in der Hochphase der Coronapandemie ganze Abteilungen in enge Sitzungszimmer gezwängt, um das Personal zu schulen, wie die Diagnosen noch gewinnbringender gestellt werden können. Etwa indem die Spitäler bei Untersuchungen auch immer nach Nebendiagnosen suchen, die zwar für die Behandlung keine Relevanz haben, aber eine höhere Fallpauschale garantieren. Diese Klassifizierungsbürokratie sorgt gleichzeitig dafür, dass SpitalärztInnen nur vierzehn Prozent ihrer Arbeitszeit an den Betten der PatientInnen verbringen. Für deren Nachfragen bleibt dann keine Zeit mehr.

Kundgebung «Gesundheit vor Profit», 26. Juni 2021, 14 Uhr, Helvetiaplatz, Zürich.

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