Nr. 25/2021 vom 24.06.2021

«Sind Juden weiss?»

Das Verhältnis zwischen den KämpferInnen gegen Rassismus und jenen gegen Antisemitismus ist getrübt. In Amsterdam fordert eine Ausstellung mit einer provokativen Frage zum Dialog auf.

Von Tobias Müller, Amsterdam

Im Sommer 2019 sorgte ein Essay in der linken Amsterdamer Wochenzeitschrift «Vrij Nederland» für einigen Gesprächsstoff. «Wie die Linke im Kampf gegen White Privilege auch die Juden trifft» lautete der etwas sperrige Titel. Gideon Querido van Frank, ein jüdischer Journalist und Aktivist, geht darin einer auffälligen Begebenheit auf den Grund: «Knapp 75 Jahre nach dem Holocaust sagen Europas Juden immer häufiger, dass sie sich nicht sicher fühlen. Trotzdem bleibt die Linke ohrenbetäubend still, wenn es um Antisemitismus geht.»

Der Autor sieht sich selbst als Teil der Linken, seit er denken kann. Mit dieser Standortbestimmung beginnt seine Analyse. Er stellt das in den letzten Jahren wachsende Bewusstsein über weisse Privilegien der im selben Zeitraum rasanten Zunahme des Antisemitismus in Europa gegenüber. Ausgehend vom Gedanken der Intersektionalität – «die Einsicht, dass alle Unterdrückungssysteme einander überlappen und man eins nicht ohne das andere lösen kann» – untersucht er, warum die Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden innerhalb dieser Konstellation oft einen blinden Fleck darstellt.

Opferkonkurrenz

Van Frank fördert einiges zutage, das verdeutlicht, wie weit emanzipatorische Bewegungen bisweilen hinter die eigenen Ansprüche zurückfallen: den Antisemitismus des Nation-of-Islam-Chefs Louis Farrakhan; den Ausschluss von Demonstrantinnen wegen einer Regenbogenflagge mit Davidstern beim Chicago Dyke March 2018; judenfeindliche Stereotype, bei denen verkürzter, personalisierter Antikapitalismus gerne stehen bleibt; die Strahlkraft des Nahostkonflikts als Projektionsfläche und eine antikoloniale Perspektive, aus der Israel und in seiner Verlängerung oft auch Jüdinnen und Juden eindimensional auf die Rolle als TäterInnen und Schuldige festgelegt werden.

Die zentrale Frage, die Achse, um die sich in dieser Sichtweise alles dreht, ist nicht zuletzt eine der Hautfarbe, als optisches Trennungsmerkmal zwischen Unterdrückten und UnterdrückerInnen. In dieser Lesart, folgert van Frank, fallen JüdInnen zunehmend in die letztere Kategorie. Holocaustmüdigkeit, Opferkonkurrenz sowie die politische Vereinnahmung durch die populistische Rechte, die sich gerne auf ein «jüdisch-christliches Erbe» beruft, als habe es nie christliche Pogrome gegeben – all das trage dazu bei, dass JüdInnen zunehmend als privilegiert und weniger als bedrohte Minderheit wahrgenommen werden – kurz: als «weiss».

Wie viel Toleranz gegenüber antisemitischen Denkbildern und Handelsweisen im Windschatten solcher Phänomene entstanden ist, hat die jüngste Eskalation im Nahostkonflikt deutlich gemacht. Der Journalist van Frank, der sachliche Kritik an der israelischen Regierung ausdrücklich befürwortet, warnte indes schon 2019, dass diese mitunter in eindeutig antijüdische Aktionen umschlage. Konsequenterweise müsste man sich 2021 auf einer Demo gegen israelische Politik freilich auch fragen, was die zahlreichen Türkeiflaggen dort zu suchen haben.

BLM-Kippa

Inzwischen gibt es innerhalb linker Gruppierungen, Bewegungen und Medien durchaus Aufmerksamkeit für derlei Widersprüche. In den Niederlanden, wo im Sommer 2020 auch linke jüdische AktivistInnen, teils mit «Black Lives Matter»-Kippa, an antirassistischen Demonstrationen teilnahmen, hat sich aus diesem Diskurs nun eine Ausstellung im Joods Historisch Museum von Amsterdam entwickelt. Der Titel: «Sind Juden weiss?». Gideon Querido van Frank ist einer der drei KuratorInnen. Seine Kollegin, die Aktivistin Lievnath Faber, schrieb anlässlich der Eröffnung: «Ich bin sowohl aufgeregt als auch ängstlich.» Ihr Wunsch: «Wäre es nicht grossartig, wenn jüdische und antirassistische AkteurInnen einander die Hand reichten und ihre Gemeinsamkeiten erkundeten?»

Fortgesetzt wird die Debatte in diesem Sommer mit mehreren Veranstaltungen, die sich dem bisweilen heiklen Verhältnis zwischen AntirassistInnen und KämpferInnen gegen Antisemitismus widmen. Die Politologin Raissa Biekman, einst Kommentatorin im surinamischen Fernsehen, forderte zum Auftakt im Mai so bündig wie konsequent, es gelte, «alle marginalisierten Personen mitzunehmen». Sowohl die Geschichte der Judenverfolgung als auch die des Kolonialismus müsse besser vermittelt werden.

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