Nr. 25/2021 vom 24.06.2021

Höchste Konzentration, Meditationsstufe neun

Vom bislang vergeblichen Versuch, sich anlässlich der Fussballeuropameisterschaft den letzten Rest Patriotismus auszutreiben.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

Spiel der letzten Hoffnung: In Aserbaidschan tritt die Schweiz gegen die Türkei an, in den Beizen ist höchste Konzentration gefragt.

Du fragst, wie es so geht dieser Tage? Nun, es war heiss, und die Schweiz hat sich an der Fussballeuropameisterschaft grad noch für den Achtelfinal qualifiziert – nach fiebrigen Tagen, in denen es mehr um billige Direktflüge als um direkte Spielzüge ging. Aber klar, ich weiss doch, mein alter Freund. Du sagst: «Ich interessiere mich nicht für Fussball, und also verstehe ich nichts davon – was soll ich mich darüber auslassen?»


Erinnerst du dich? Wir sassen in einer Beiz, ein schöner Abend, und ich starrte auf den Bildschirm an der Wand. Hast du es bemerkt? Wie sich meine Augen bei jeder Annäherung des Balls an den Schweizer Strafraum aufrissen? Kleine Panik, mehr nicht, aber dir darf ich es sagen: Beim Fussball meldet sich in mir gelegentlich ein seltsamer Reflex. «Restpatriotismus» pflege ich das zuweilen zu nennen, leicht verschämt. Und sehe nichts Böses darin.

Klar, ich selbst habe Fussball gespielt. Das eigentliche Identifikationsritual, es begab sich 1978, bei meinen Grosseltern in Fribourg. Ich war elf, und mein Grossvater erlaubte mir, das Spiel gegen die Niederlande mitzuschauen. 1 : 3 verloren die Schweizer, aber ich war begeistert. Da spielten doch all die grossen Namen, die ich von der Nationalliga kannte. Und dann gleich auch noch alle zusammen: Burgener, Bizzini, Herrmann, Barberis, Botteron, Ponte, Sulser … Seither gibt es kaum einen Match, und sei es nur ein Testspiel, den ich verpasse. Wie damals, als wir noch etwas zusammensassen. Weisst du noch? Ich schlich mich davon, mit irgendeiner Ausrede; und kaum um die Ecke, beschleunigte ich meine Schritte. Jetzt kann ich es ja sagen: Ich musste nicht auf die Post. Was ich suchte, nachdem ich schon seit Tagen an der bestmöglichen Aufstellung herumstudiert hatte: eine schlecht beleuchtete Beiz. Kleiner Bildschirm, leicht verstaubt, irgendwo in der Ecke. Und im Aquarium allerhöchstens ein Goldfisch. Schlecht beleuchtet, unbedingt. Nur das Flimmern des Bildschirms. Höchste Konzentration.

Meditationsstufe neun.


Hat es mit einem Minderwertigkeitsgefühl zu tun? Gegenüber Markus, dem Jungen aus Deutschland jedenfalls, mit dem ich die Sommerferien verbrachte, hatte ich immer einen Komplex. Deutschland war neben Brasilien, Italien und Argentinien das fussballerische Nonplusultra. 1981, mit vierzehn, verbrachte ich ein paar Tage bei ihm in Aachen, und der Zufall wollte es, dass an einem dieser Abende der Europacuphalbfinal der Handballmeister übertragen wurde. Markus’ Vater, Herr N., ein Sportlehrer, schaltete den Fernseher an. Verwundert stellten wir fest, dass der TSV St. Otmar, ein Quartierklub aus St. Gallen (der Stadt, in der ich aufwuchs), spielte – gegen den TV Grosswallstadt! Von Handball hatte ich keine Ahnung, aber am Schluss gewannen die St. Galler, und fassungslos strahlte ich übers ganze Gesicht – bis der Sportlehrer den Fernseher ausschaltete und mich ermahnte, Anstand zu wahren: Ich sei hier zu Gast in einem deutschen Haushalt.


Hat auch mein Restpatriotismus mit diesem Minderwertigkeitsgefühl zu tun? Gönne ich doch der deutschen Mannschaft noch immer jede Niederlage! Shame on you! Wo ich mich nämlich grässlich über diese Leute aufrege, die im Beisein deutscher KollegInnen rücksichtslos losjubeln, sobald Deutschland ein Tor kassiert – derweil ich reglos dasitze und mir mit keiner Miene anmerken lasse, dass in mir eine böse kleine Freude schnurrt. Wobei: Habe ich nicht wunderbare deutsche FreundInnen und war ich in Deutschland nicht jederzeit ein herzlich aufgenommener Gast?

Jetzt also nehme ich einen neuen Anlauf! Arbeitstitel: Überwindung der provinziellen Mentalität. Seit das Schweizer Team mit Spielern wie Sommer, Akanji, Schär, Rodriguez, Benito, Xhaka, Shaqiri, Embolo, Mehmedi, Zuber oder Seferovic auftritt, als schweizerische Variante einer postmodernen Internationale, bezeichne ich mich neuerdings als «restpatriotischer Internationalist». Und trotzdem meldet sie sich zurück, schadenfreudige Erregung, als der deutsche Verteidiger Hummels gegen Frankreich das entscheidende Eigentor verschuldet. Wie cool es doch wäre, in so einem Moment für die Deutschen zu sein! Doch mein internationalistisches Herz, es ist noch zu klein.


Letzten Sonntag, kurz vor Spielbeginn, da begann es zu regnen. Türkei gegen Schweiz, Spiel der letzten Hoffnung, um doch noch weiterzukommen. Eigentlich wollte ich es in der Quartierbeiz schauen, doch da war es zu laut. Höchste Konzentration war angesagt, Meditationsstufe zehn. Und nur ja nicht wieder diese Kommentare, wie schon gegen Italien! Wettern und Fluchen, grobe Schimpferei! Diese Variante von verdecktem Patriotismus, die sich dadurch kennzeichnet, das eigene Team zu beschimpfen, sobald es nicht bietet, was man von ihm erwartet. Und über all dem die Stimme von Sascha Ruefer, der Embolo und Mbabu einzig daher verwechselt, weil sie Schwarz sind.

Noch ein missglücktes Zuspiel, und schon wird die Berufstauglichkeit von Shaqiri diskutiert; noch ein verlorener Zweikampf, und subito stellt sich die Mentalitätsfrage. Ist Herr Rodriguez überhaupt noch tragbar? Nun also ist sie gekommen, die Stunde der Oberlehrer. Ungenügend! Auswechseln! Nach Hause! Wobei es in meinem Stammlokal ja noch gepflegt zugeht – verglichen mit den Ausfällen anderswo. Doch mache ich es mir nicht zu einfach, mit dem Finger auf die zu zeigen, die offenkundig rassistisch sind? Lenke ich damit nicht auch von einer weiteren, dem Rassismus nicht ganz unverwandten Haltung ab: von der Arroganz und Ignoranz gegenüber nichteigenen Lebenswelten? Dieser Besserwisserei von Leuten, die meinen – obwohl sie überhaupt keine Ahnung haben –, über alles und jedes ihre Expertise abgeben zu müssen, nur weil sie es in einem ganz speziellen Fach zu einem gewissen Expertentum gebracht haben?


Bald hörte es mit dem Regen auf, die Schweiz ging früh in Führung. Schlussresultat: 3 : 1. Ich freute mich sehr. Aber Jubel? So richtig habe ich das nie gelernt. Das war schon als Jugendfussballer ein Problem: Nach den seltenen Momenten, da ich ein Tor geschossen hatte, wusste ich nie so recht, wie ich mich verhalten sollte – und legte mir die Verheimlichung meiner Jubelunfähigkeit als Begründung für meine Torschusshemmung zurecht.

Ach, wie schön es wäre, dich zu sehen. Vielleicht würdest du mir zeigen, wie das in etwa gehen könnte: frei und ohne Krampf zu jubeln, leichtfüssig, mit einer beiläufigen Eleganz, offenen Herzens – ohne jeden Argwohn, vielleicht sogar grundlos. Dann erst werde ich ihn überwunden haben: den letzten Rest Patriotismus.

Geheimtipp: Italien wird Europameister. Jubilate!

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch