Nr. 26/2021 vom 01.07.2021

Was halten «Techies» eigentlich von Streiks?

Die im Thurgau geborene Stadtforscherin Katja Schwaller lebt in San Francisco und arbeitet an der Universität Stanford an ihrer Dissertation zu Fragen sozialer Verdrängung und urbaner Kämpfe – mitten im Herz des digitalen Kapitalismus.

Von Daniel HackbarthMail an Autor:in (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Viele in der Branche haben Bernie Sanders unterstützt, doch in den Chefetagen steht man politisch meist rechts»: Katja Schwaller.

WOZ: Katja Schwaller, wie haben Sie das Pandemiejahr in San Francisco erlebt?
Katja Schwaller: Ich war wie viele andere im Homeoffice zwischen Wäscheständer und Geschirr eingeklemmt – mit allen Problemen, aber auch Privilegien, die das mit sich bringt.

Das klingt beengt.
Und die Mieten sind noch höher als in Zürich, zudem sind die Löhne tiefer, wobei es auf die Branche ankommt, in der man arbeitet. Die Lohnschere ist aber in den USA definitiv extremer. Generell müssen in San Francisco die meisten mit sehr wenig Raum auskommen – und die Pandemie hat die damit verbundenen Probleme verschärft. Covid hat sich so auch in den Quartieren, in denen die Wohnsituation prekär ist, viel schneller ausgebreitet.

Gab es Ausgangssperren?
Eine richtige Ausgangssperre gab es erst, als die Black-Lives-Matter-Proteste an Fahrt aufnahmen. Nach einigen Wochen Lockdown hatten sich diese auf einen Knall entladen: Man ist endlich wieder rausgegangen, hat Leute gesehen und war Teil einer Bewegung. Das hatte extrem viel Power.

Der Lockdown hat die Proteste befeuert, weil sich vieles aufgestaut hatte?
Es gab ja bereits viele Black-Lives-Matter-Proteste über die Jahre, das ist nichts grundsätzlich Neues. Generell aber hat Covid soziale Probleme wie den Rassismus weiter verschärft. Häufig wird die Pandemie so wahrgenommen, als hätte sie eine ganz neue Situation hervorgebracht. Richtiger ist, dass sie vor allem ein Katalysator für bestehende Ungleichheiten ist. So haben in der Pandemie auch in San Francisco viele Leute ihren Job verloren, wodurch sie Gefahr liefen, obdachlos zu werden – das ohnehin schon grosse Problem der Wohnungsnot hat sich also weiter zugespitzt.

Für die Techindustrie war der Lockdown eher profitabel, Amazon ist inzwischen nach Walmart der grösste Arbeitgeber in den USA.
Dieser Boom ist in San Francisco sehr sichtbar. Im Lockdown sah man auf den ansonsten menschenleeren Strassen permanent Paketzusteller. Das hat vor Augen geführt, dass gerade prekär beschäftigte Menschen die Infrastruktur aufrechterhalten haben. Gleichzeitig begannen aber auch Arbeitskämpfe in diesen Betrieben; bei Amazon versuchten Beschäftigte schon früh, einen Streik zu organisieren.

Wie hat Amazon reagiert?
Die Leute wurden rausgeworfen. Es gab auch Streiks bei anderen Unternehmen der Gig Economy; davon gibt es unzählige in San Francisco. Über die Plattform von Instacart etwa kann man jemanden einstellen, der dann einkaufen geht und für einen in der Schlange steht, wenn man sich selbst nicht dem Virus aussetzen will. Auch das zeigt die Ungleichheit.

So etwas kann man via App buchen?
Ja, Instacart ist letztes Jahr rasch gewachsen. Aber auch dort haben Beschäftigte dann einen Streik organisiert. Leider wurden diese Proteste grossteils niedergerungen.

Wenn es in Europa zu Streiks in diesen Branchen kommt, verfolgen das viele mit Sympathie, da sie sich um arbeitsrechtliche Standards sorgen. Wie ist das in den USA?
In einer Stadt wie San Francisco wird das schon wohlwollend beobachtet, aber genau darin zeigen sich die Widersprüche dieses Orts. Einerseits ist es eine sehr linke Stadt – natürlich sympathisiert man da mit Arbeitskämpfen. Ausserdem gab es zuletzt den sogenannten Techlash: Die Kritik an den Techkonzernen ist generell lauter geworden, etwa wegen ihrer Rolle als Dienstleister in Sachen «border control» oder bei ähnlich problematischen staatlichen Praktiken.

Und andererseits?
Andererseits gibt es starke techlibertäre Kräfte. So forderten Uber-FahrerInnen während der Pandemie, als ArbeitnehmerInnen anerkannt und nicht länger als unabhängige VertragsnehmerInnen behandelt zu werden. Das Unternehmen hat sich mit Macht dagegen gewehrt, weil das einen Anspruch auf Sozialleistungen und bezahlte Krankentage bedeutet hätte. Dieser Konflikt wurde zur selben Zeit ausgetragen, als die Republikaner Obamacare angriffen, also faktisch versuchten, Millionen Menschen die Krankenkasse zu entziehen – und das mitten in einer Pandemie. Aber auch im progressiven San Francisco hatte man es mit exakt derselben Politik zu tun, nämlich vonseiten eines Konzerns, der alles daran setzt, seinen ArbeiterInnen keine Krankenversicherung bezahlen zu müssen!

Ist es denn nicht so, dass die Techbranche eher liberal tickt?
Doch, viele «Techies», also in der Branche Arbeitende, sind eher «liberals» – viele haben auch den linken Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders unterstützt. Doch in den Chefetagen steht man meist politisch rechts, auch wenn die Konzerne vordergründig damit werben, für «diversity» und progressive Werte zu stehen. Schaut man sich aber die Statistiken an, so sind bei diesen Konzernen in gut bezahlten Jobs sehr wenige Leute vertreten, die Schwarz sind oder Latinas. Schlecht bezahlte Jobs wiederum – Reinigungstätigkeiten etwa – werden an Subunternehmen ausgelagert, dort ist das Verhältnis genau umgekehrt.

Katja Schwaller gab 2019 den Sammelband «Technopolis. Urbane Kämpfe in der San Francisco Bay Area» heraus.

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