Nr. 27/2021 vom 08.07.2021

Der Preis des Status quo

Von Raphael AlbisserMail an AutorIn

Sich von fossilen Energieträgern abhängig zu machen, war eine furchtbar dumme Idee. An allen Ecken und Enden: wegen der Klimaerhitzung, die sich derzeit in Extremwettern auf der ganzen Welt überdeutlich bemerkbar macht; wegen geopolitischer Machtspiele, die seit Jahrzehnten von der Gier nach Öl, Gas und Kohle geprägt sind; und wegen einer Förder- und Transportinfrastruktur, deren Anfälligkeit übers Wochenende erneut in eindrücklichen Bildern sichtbar wurde.

Da brannte vor der Küste Mexikos während fünfeinhalb Stunden das Meer, weil es unter Wasser zu einem Gasleck gekommen war. Und auf den aserbaidschanischen Ölfeldern kam es zu einer gewaltigen Explosion. Was nach infernalen Szenerien aussah, soll in beiden Fällen kein eigentliches Problem gewesen sein: Mexikos bis über beide Ohren verschuldeter staatlicher Energiekonzern Pemex versicherte, es sei beim Vorfall kein Erdöl ins Meer ausgetreten. Anders also als 2010, als die BP-Bohrinsel «Deepwater Horizon» abbrannte und über tausend Küstenkilometer verschmutzt wurden (das Ölleck besteht bis heute). In Aserbaidschan sei ein Schlammvulkan für den Feuerball verantwortlich gewesen, gab die Regierung bekannt, also ein Naturphänomen. Das lässt sich bislang schwer verifizieren. Bestätigt ist hingegen, dass am Freitag bei der Explosion in einer rumänischen Ölraffinerie ein Arbeiter starb.

Bilder fossiler Umweltkatastrophen haben sich durchaus ins kollektive Gedächtnis der Welt eingebrannt: Exxon Valdez, Ölpest im Nigerdelta, brennende Ölfelder in Kuwait. Eigentlich wissen alle um die realen Kosten des globalen Energiekonsums – und dennoch verharrt man in der Lebenslüge, nicht der Status quo, sondern die Abkehr davon sei zu teuer. Wenn jetzt unter dem Vorwand der Klimapolitik plötzlich die Kernenergie wieder aufs Tapet kommt, darf nicht vergessen werden: Auch in Tschernobyl und Fukushima hat die Allgemeinheit die Risikokosten übernehmen müssen. Sich von Atomstrom abhängig zu machen, ist eben auch eine furchtbar dumme Idee.

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