Bunkerträume : Für die Zukunft rüstet sich nur, wer davon überzeugt ist, dass es überhaupt eine geben wird. Und wenn die Auferstehung scheitert? Dann wird der Bunker zum Grab.

Nr.  31 –

Hinter gepanzerten Türen auf Erlösung warten: In unsicheren Zeiten wird der Bunker zum Sehnsuchtsraum. Aber für wen genau?

Illustration: Andy Fischli

Es ist nach Mitternacht, als er die Panzertür hinter sich zuzieht. Drinnen schlüpft er in sein Zelt, das er in dem leeren Bunker aufgestellt hat. Er ist ganz allein hier, es ist still wie in einem Grab. Jedes noch so kleine Geräusch, das er verursacht, und sei es nur sein Atem, wird von den kahlen Mauern zurückgeworfen, ein unheimliches Echo im ewigen Beton. Als er dann in seinem Schlafsack liegt und das Licht ausmacht, umschliesst ihn die tiefste Dunkelheit, die er je erlebt hat. Selbst als sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt haben, sieht er: nichts. Er kommt sich vor wie in einem Mausoleum, bald fallen ihm die Augen zu. Er schläft wie ein Baby.

So beschreibt der Kulturgeograf Bradley L. Garrett seine erste Nacht in einem früheren Armeebunker im Niemandsland von South Dakota. Hier, an der Grenze zu Wyoming, befinden sich über das Ödland verstreut 575 Betonbunker aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Damals dienten sie noch als Munitionsdepot, seit 2016 sind die Schutzräume auf dem rund 230 Quadratkilometer grossen Gelände im Besitz des kalifornischen Unternehmers Robert Vicino. Dieser hat mit seiner Vivos Group schon an verschiedenen Orten stillgelegte Bunkerkomplexe gekauft, um die Räume als katastrophensichere Refugien an Privatpersonen zu vermieten. Das ehemalige Munitionsdepot in South Dakota heisst jetzt Vivos xPoint und beherbergt angeblich die grösste Preppergemeinde der Welt, Menschen also, die sich auf eigene Faust für künftige Katastrophen rüsten, um ihr Überleben zu sichern für den Fall, dass die Versorgung zusammenbricht – infolge von Pandemie, Nuklearkrieg oder Klimakollaps.

Garrett hat für sein Buch «Bunker. Building for the End Times» (2020) eine Menge solcher Schutzräume aufgesucht, von Texas bis nach Thailand. Und er hat die Leute getroffen, die sich in solchen umgenutzten oder auch neu gebauten Bunkern für das Schlimmste bereit machen. Prepping im engeren Sinn ist ursprünglich eine US-amerikanische Subkultur (sic), die auf die Zeit des Kalten Kriegs zurückgeht. Das hat auch politische Gründe. Anders als etwa in der Schweiz, aber auch anders als in Skandinavien oder der damaligen Sowjetunion war die Schutzraumplanung in den USA schon damals nicht auf einen umfassenden staatlichen Bevölkerungsschutz ausgerichtet, wie Garrett schreibt: «Die US-Regierung hat nie versucht, Atomschutzräume für alle oder auch nur einen Bruchteil ihrer Bürgerinnen und Bürger zu bauen.» Die Bunker, die gebaut wurden, waren geheim und für die Regierung und die Armeespitze bestimmt, nicht für die Allgemeinheit. Getreu der individualistischen Doktrin des Landes ermunterte man die Menschen dazu, ihre Luftschutzkeller doch selber zu bauen. In den heissen Phasen des Kalten Kriegs wurden so Millionen von privaten Schutzräumen in die Erde gebaut – die Anleitungen dazu kamen von staatlichen Broschüren oder aus der Zeitschrift «Life».

Raumschiffe in der Erde

Durch die Pandemie sind solche Bunkerträume jetzt wieder neu befeuert worden. Plötzlich sah sich alle Welt mit einem Ereignis konfrontiert, das das katastrophische Denken der Prepperszene zu bestätigen schien. Dabei hat sich in der Pandemie, wie man weiss, vor allem auch die soziale Ungleichheit weiter verschärft. Der private Bunker als Safe Space in unsicheren Zeiten: Eine solche Fantasie muss man sich auch erst mal leisten können. Wer Vorkehrungen treffen will, um das ernsthaft in die Tat umzusetzen, braucht entweder bedingungslose Prepperhingabe oder einfach sehr viel Geld.

Ein ganzseitiges Inserat in der Zeitschrift «Jacobin» setzte diese Réduitfantasie für Superreiche jüngst sehr plastisch ins Bild: «Schützen Sie sich und Ihre Familie», mahnte dort eine Firma mit dem altnordisch klingenden Namen «Asynjur», um so für ihr Hightech-Bunkersystem samt Pool, Kino und Fitnesscenter zu werben. Die Visualisierung in der Anzeige zeigte ein schickes Wohnzimmer mit Designermöbeln und simuliertem Meerblick. Im Katastrophenfall, so verspricht die Werbung, könne man hier mehrere Jahre autark überleben. Frischluftfilter, Security rund um die Uhr, sogar eine App für den Coiffeurtermin: Für alles ist gesorgt, und wer bis dahin immer noch nicht durchschaut hatte, dass das Inserat ein satirischer Fake war, stolperte spätestens bei dem Vermerk, dass man sich doch auch über «attraktive staatliche Förderangebote» für seinen privaten Luxusbunker informieren möge.

Abgesehen von solchen Details ist dieses fiktive Angebot aber nicht einmal aus der Luft gegriffen. Im real existierenden «Survival Condo», einem umgebauten unterirdischen Raketensilo in Kansas, gibt es die kleinsten Einheiten für 1,5 Millionen Dollar zu kaufen: rund achtzig Quadratmeter, komplett möbliert, im Package inbegriffen sind ein obligatorisches Vorbereitungstraining und ein Notvorrat für drei Jahre. Wer seinen privaten Schutzraum schon anderswo gemietet hat und für den Ernstfall noch Vorräte anlegen möchte, wird zum Beispiel bei der Firma Readywise fündig. Der Lebensmittelhersteller aus der Mormonenstadt Salt Lake City ist auf lang haltbaren «survival food» spezialisiert. Die grösste Packung, die man dort bestellen kann, gibts zum Aktionspreis von 8999,99 Dollar: ein Palett mit total 4320 Notrationen, darunter 192 Portionen «Pasta Alfredo», 192 Portionen «Hearty Tortilla Soup» und 192 Portionen «Cheesy Macaroni». Alles in allem könnte man damit gemäss Produktwerbung eine vierköpfige Familie 126 Tage lang ernähren, bei einem Tageswert von 1800 Kalorien pro Kopf. Haltbarkeit: 25 Jahre.

Doch was ist das eigentlich für eine Geborgenheit, die man mit Bunkern verbindet, die keinem militärischen Zweck dienen? Klar, ein Bunker ist ein Raum, der Sicherheit vor dem Aussen verspricht. Was aber, wenn die beengten Verhältnisse irgendwann auch drinnen in die Barbarei führen? Es ist nicht so schwierig, auch unter der Erde dafür zu sorgen, dass die Versorgung der elementaren Bedürfnisse für längere Zeit sichergestellt ist. Was viel schwieriger sei, so lernt Garrett:  dabei eine Umgebung zu schaffen, die den Alltag unter Tag auch sozial und psychologisch erträglich gestaltet. Der Betreiber des Survival Condo hat deshalb eigens einen kleinen Supermarkt eingerichtet – auch wenn das völlig sinnlos ist, weil ja alles schon bezahlt ist in diesem Luxusbunker. Shopping als Simulation, um die Illusion eines sozialen Alltags zu wahren.

Prepping, schreibt Garrett in seinem Buch, sei letztlich immer ein Akt der Hoffnung: Für die Zukunft rüstet sich nur, wer davon überzeugt ist, dass es überhaupt eine geben wird. Menschen, die für sich einen Bunker bereithalten, um einen Ernstfall auszusitzen, tun das in der Erwartung, dass sie dereinst wieder hinaus dürfen – als Überlebende in einer besseren Zukunft. Eine Architektur der Angst also, aber eben auch ein Ort der Hoffnung, wie Garrett schreibt: eine Art irdischer Mutterleib aus Beton, in dem man auf seine Wiedergeburt hoffen darf. Und wenn die Auferstehung scheitert? Dann wird der Bunker zum Grab. Die christlichen Metaphern sind hier nicht zufällig. Der Bunker als Sehnsuchtsraum, das ist immer auch eine apokalyptische Fantasie im biblischen Sinn. Und Apokalypse meint ja ursprünglich nicht das Ende von allem, sondern eine Zeit von Krise und Erneuerung – Endzeit, aber in der Hoffnung auf Auferstehung, so wie es geschrieben steht. Auch Robert Vicino, der Geschäftsmann hinter Vivos xPoint, beruft sich auf die Bibel, wenn er die Bunker, die er vermietet, als Archen aus Beton anpreist: «Wir können keine himmlische Arche bauen wie Elon Musk», sagt er im Buch zu Garrett. «Wir können die Erde nicht verlassen, also gehen wir eben in die Erde. Ich baue ein Raumschiff in die Erde.»

Erlösung von gar nichts

In die Erde gehen: Wo das hinführt, kann man beim wohl radikalsten Prepper der literarischen Moderne nachlesen. Er hat keinen Namen, wir wissen auch nicht, welchen Geschlechts er ist, es ist wohl nicht einmal ein Mensch, der da spricht, sondern ein anderes Tier. Es ist die Erzählstimme in Franz Kafkas unvollendet gebliebener Erzählung «Der Bau» (1923). Dieses dachsartige, aber eben auch sehr menschenähnliche Wesen hat zum Schutz gegen aussen ein unterirdisches Labyrinth angelegt, das ihm im ersten Satz noch «wohlgelungen» scheint. Der Bau soll ihm als Rettungsloch dienen, doch sind es «nicht nur die äussern Feinde, die mich bedrohen, es gibt auch solche im Innern der Erde, ich habe sie noch nie gesehn, aber die Sagen erzählen von ihnen, und ich glaube fest an sie». Der Wunsch nach absoluter Sicherheit weckt also gleich auch den paranoiden Verdacht.

Dieser ausweglose Traum, jederzeit einen rettenden Ausweg auf sicher zu haben: Der Bunker bei Kafka verspricht Erlösung von gar nichts. Der weitverzweigte Bau, so bemerkt das Wesen, bietet zwar tatsächlich viel Schutz, «aber durchaus nicht genug». Es kann nie genug Sicherheit geben. So wird der Bau zum obsessiven Selbstzweck, um «etwas der innern Unruhe Entsprechendes zu tun», wie es heisst – eine Zwangshandlung, die in allem nur um sich selbst kreist, immer tiefer in den Berg hinein. Jede praktische Handlung schafft zwar ein Stück weit Abhilfe – was dann aber doch nur den Drang nährt, noch mehr zu tun für die eigene Sicherheit. Also noch mehr Vorräte bunkern, immer neue Gänge graben, die Vorräte streuen, statt sie zentral zu lagern. Kafkas «Der Bau» ist eine Fabel, die in ihrer vorgeblich tierischen Erzählfigur somit zwei Grundzüge der Preppermentalität vorwegnimmt: praktisches Denken und Paranoia.

Dass das nicht etwa Gegensätze sind, sondern dass sich das wechselseitig bedingt, sieht man bei Curtis, der gepeinigten Hauptfigur im Film «Take Shelter» (2012). Gespielt von Michael Shannon, wird der Bergbauarbeiter immer öfter von düsteren Ahnungen einer biblischen Katastrophe heimgesucht, die seine Familie bedroht. Dabei weiss er sogar, dass er erblich vorbelastet ist; er ahnt selber, dass das womöglich die Vorboten einer psychotischen Störung sind, und sucht auch professionelle Hilfe. Aber gerade weil Curtis ein zupackender Kerl und so praktisch veranlagt ist, kann er seiner aufkeimenden Paranoia umso fleissiger Folge leisten. Also packt er an und beginnt, hinterm Haus einen Schutzraum einzurichten – und gefährdet so erst recht das Wohl seiner Nächsten, die er damit eigentlich vor drohendem Unheil schützen will.

Auch in der Gegenwartsliteratur wird der Bunker wieder als Sehnsuchtsraum inszeniert, besonders heimelig etwa in «Regenschatten» (2020), dem Debütroman der Schweizerin Seraina Kobler, der vor dem Hintergrund eines drohenden Klimakollapses spielt. Anna, die Ich-Erzählerin, ist ungewollt schwanger, und in ihrer gesteigerten Empfindsamkeit zuckt sie bereits zusammen, wenn ein Vespafahrer hinter ihr den Motor aufheulen lässt. Einmal mehr wünscht sie sich, so heisst es an dieser Stelle, «bessere Filter vor der Aussenwelt». Und der stärkste Filter gegen alle Zumutungen der Aussenwelt wäre ohne Zweifel: ein Bunker, wie früher. Als Kind oft allein zu Hause, fühlte sich diese Anna schon damals nirgends so aufgehoben wie in dem fensterlosen Schutzraum, den ihr Vater im Keller für die Familie eingerichtet hatte: «In einem Raum, in dem sonst nie jemand war, fühlte ich mich weniger allein als im Rest des verlassenen Hauses.» So stieg das Mädchen mit seinen Stofftieren hinab, baute sich zwischen den Regalen (Zwieback und Kondensmilch statt «Cheesy Macaroni») eine behagliche Höhle aus Tüchern und stellte sich vor, dass die Sirenen losgehen würden, worauf auch Mutter und Vater voller Sorge zu Anna in den Keller herabgestürzt kämen. Und dann: die ganze Kernfamilie einträchtig eingebunkert vor allem Unheil da draussen. Der Luftschutzkeller als Kinderzimmerfantasie einer absoluten Geborgenheit? Das Réduit, dieser unverwüstliche Topos der Schweizer Literatur von Friedrich Dürrenmatt bis Christian Kracht, hat hier seine Apotheose in einem kindlichen Biedermeier gefunden.

Im Zwielicht

Es ist eine der Pointen von Bradley L. Garretts Bunkerbuch, dass ausgerechnet die Schweiz darin praktisch nicht vorkommt. Soll man ihm das als blinden Fleck auslegen, als Nachlässigkeit? Für patriotische Geister muss das ja direkt eine narzisstische Kränkung sein: Die Schweiz, das Land, das sich so viel einbildet auf seine befestigten Löcher in seinen Bergen, spielt hier so gut wie keine Rolle. (Über die hiesigen Löcher hat der Journalist Jost Auf der Maur ein schönes Buch geschrieben, «Die Schweiz unter Tag».) Die Schweiz ist aber auch bei weitem nicht das Land mit den meisten Bunkern weltweit. Das am gründlichsten unterbunkerte Gebiet der Welt, so lernt man bei Garrett, findet sich beidseits der Grenze zwischen Nord- und Südkorea.

Was Garrett bei seinen mitunter allzu kameradschaftlichen Expeditionen in die Preppergemeinde feststellt: So gross ist diese gar nicht. Die mediale Aufmerksamkeit, die die Bewegung erfährt, steht dazu jedenfalls in keinem Verhältnis. Dabei kristallisieren sich zwei zentrale Erkenntnisse heraus, auf die Garrett in seinem Buch immer wieder zurückkommt. Erstens: Die Prepperszene ist nicht nur viel kleiner, als man aufgrund ihrer Medienpräsenz glauben könnte, sondern auch einiges heterogener – und auch nicht so überwiegend männlich, wie es zunächst den Anschein macht. Sie reicht vom militaristischen Endzeitspinner bis zu den gemütlichen «Homestead Preppers», die mehr Wert auf christliche Geselligkeit und Selbstversorgung legen als auf unterirdische Festungen: besser anpflanzen und einmachen als hamstern und einbunkern.

Gleichwohl sind es in den USA heute vor allem rechte Medien, die den Leuten einschärfen, sich für einen grossen Kollaps zu wappnen. Eine unheilige Dynamik, wie Garrett bemerkt: Je mehr Sender wie Fox News die Ängste ihres Publikums bedienen und dieses auf individuelle Selbsterhaltung einschwören, desto mehr untergraben sie das Vertrauen in die öffentlichen Dienste – und desto mehr verfestigt sich der Eindruck, dass es den Staat gar nicht braucht, weil dieser mein Überleben im Katastrophenfall ohnehin nicht gewährleisten kann. Zudem hat Prepping immer auch Züge einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, wie Garrett schreibt: «Je mehr Bunker gebaut werden, umso mehr sind die Leute davon überzeugt, dass das Ende tatsächlich nah ist» – und umso eher sehnen sie sich danach, dass es dann auch real eintritt.

Zweite Erkenntnis: Der Traum vom katastrophensicheren Bunker in prekären Zeiten ist vor allem auch ein Tummelfeld für grossspurige Unternehmertypen in allen Abstufungen des Zwielichtigen. «Doomsday capitalists» nennt Garrett diese Männer, Untergangskapitalisten. Ob sie die Ängste, die sie verkaufen, wirklich auch selber teilen, wie viele von ihnen behaupten? Garrett kauft es ihnen nicht so recht ab. In der Angst vor Katastrophen wittern sie das grosse Geschäft, und so hausieren sie mit ihren spektakulären Bunkervisionen, die sich aber oft nur als heisse Luft erweisen. Bei manchen stellt sich später im Buch heraus, dass die angeblich schon bald bezugsfertigen Luxusbunker, die sie anpreisen, nur als Visualisierungen auf ihren Websites existieren. Ein anderer, John Eckerd, hat inzwischen Konkurs angemeldet und sitzt derzeit eine mehrjährige Haftstrafe ab: Nachdem auch seriöse Medien wie «Forbes» über sein 320-Millionen-Dollar-Projekt für ein Endzeitresort in Texas berichtet hatten, stellte sich heraus, dass das Ganze nur ein Tarngeschäft war, um Drogengeld zu waschen.

Den Reichtum unter die Erde

Der neue «Doom Boom» um diese Luxusbunker scheint also vor allem ein Medienhype zu sein. Was sich aber nicht leugnen lässt: dass Superreiche mehr und mehr in die Tiefe bauen statt in die Höhe. Immer häufiger werden Bunker gar nicht so sehr als Schutzräume für Menschen gebaut oder umgenutzt, sondern für Wertanlagen. Unterirdische Räume, schreibt Garrett, seien schliesslich überaus praktisch, um Reichtum vor neugierigen Blicken zu verstecken. In den Londoner Reichenvierteln Chelsea und Kensington, so rechnet er vor, sind die Baugesuche für private unterirdische Erweiterungsbauten zwischen 2001 und 2014 auf das Zehnfache gestiegen, von 46 auf 450. Auch Christoph und Silvia Blocher haben ihr privates Kunstmuseum in Herrliberg unter der Erde bauen lassen, als geheimen Gemäldebunker. Und Blochers Parteikollege Erich Breitenmoser, seit 2019 Besitzer des ehemaligen Artilleriewerks Furggels in Pfäfers SG, sieht in seiner unterirdischen Festung schon ein lukratives Geschäft als sicherer Datenspeicher für Grosskonzerne. Dafür gibt es allerdings auch unrühmliche Vorbilder: In Rheinland-Pfalz hatte der Internetprovider Cyberbunker im Jahr 2013 einen stillgelegten Militärbunker gekauft, um dort seine Rechenzentren einzurichten – eine kriminelle Darknet-Infrastruktur auf rund 400 Servern, wie sich im September 2019 bei einer Grossrazzia herausstellte. In einem Mammutprozess werden den acht Betreibern jetzt rund 250 000 Straftaten zur Last gelegt, die über die Server in ihrem Bunker abgewickelt wurden.

Schliesslich lagert auch der vielleicht grösste Reichtum dieser Welt in einem unterirdischen Bunker, aber dieser Schatz ist für die Weltbevölkerung bestimmt. Im sogenannten Doomsday Vault auf Spitzbergen werden bei minus 18 Grad Celsius Saatproben der wichtigsten Nutzpflanzenarten aufbewahrt – und zwar nicht zu Forschungszwecken wie in anderen Samenbanken, sondern damit diese im Katastrophenfall nachgezüchtet werden können. Eine Arche in der Arktis, nur mit Saatgut.

Der Bunker als Sehnsuchtsraum für Menschen: Das hat ohnehin auch etwas Obszönes, wenn man an die Geflüchteten denkt, die bei uns bereits heute teils in Luftschutzkellern leben müssen – nicht weil sie sich schon jetzt freiwillig für kommende Katastrophen gerüstet hätten, sondern weil man sie nirgendwo sonst leben lässt. Diese selige Geborgenheit hinter einer Panzertür? Davon kann hier nur träumen, wer nicht schon alles verloren hat.

Literatur:

Jost Auf der Maur: «Die Schweiz unter Tag. Eine Entdeckungsreise». Echtzeit. Zürich 2017. 144 Seiten. 37 Franken.

Bradley L. Garrett: «Bunker. Building for the End Times». Scribner. New York 2020. 336 Seiten. 35 Franken. (Nur Englisch, neu auch als Taschenbuch bei Penguin, ca. 11 Franken.)

Franz Kafka: «Der Bau». In: «Das Ehepaar und andere Schriften aus dem Nachlass». Gesammelte Werke in zwölf Bänden, Band 8. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2008. 272 Seiten. 12 Franken.

Seraina Kobler: «Regenschatten». Roman. Kommode Verlag. Zürich 2020. 176 Seiten. 25 Franken.

Illustration: Andy Fischli

Der Film «Take Shelter» (2012) ist bei Ascot Elite auf DVD erschienen und im Streaming u. a. bei Cinefile, iTunes und Swisscom erhältlich.